Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1892)
- Date
- 1892-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1807 freudigen Hoffnung, hier ein fruchtbares Feld gefunden zu haben, meine Lieblings-Ideen zu verwirklichen. Ich wurde von Dr. Althausen in Wilna, der von der Mildmay Mission to the Jews, an deren Spitze Rev. I. Wilkinson in London stand, die Oberleitung der Inden-Mission in Rußland hatte, auf einige Monate probeweise ausgenommen. Diese Mission stellt es sich zur Aufgabe, das Neue Testament in hebräischer Sprache unter den russischen Juden zu verbreiten und denselben zu predigen. Indessen währte meine Freude, segensreich wirken zu können, nicht gar zu lange. Ich gerieth bald in eine noch größere Verzweiflung als vordem. Jede Hoffnung begann zu schwinden, alles schien mir aussichtslos. Denn nur zu bald mußte ich wahrnehmen, daß das ganze vermeintlich wohlthätige Unternehmen gewissenlos ausgeführt wurde. Nicht den heiligen Zweck, Juden zu bekehren, verfolgt man, sondern selbstsüchtige Zwecke suchte man zu erreichen. In meinem Herzen sah es trübe aus, so trübe wie bei dem Spieler, der eine November-Nacht bei Karten und Punsch zugebracht und sein ganzes Vermögen verloren hat, wenn er htnaustritt in den kalten Morgen, im Kopf eine fürchterliche Oede, im Herzen Verzweiflung, um ihn her alles still, die Natur im Ersterben, die lachenden Jugend- und Zukunfts-Träume getödtet von einer eisigen, herz- und poesielosen Wirklichkeit — so war meine Stimmung, als ich gemerkt hatte, daß man die neuen Testamente gewissenlos unter russischen Juden verbreitet hatte, nur um sie rasch los zu werden und nach London von der „regen und fruchtbaren Missions-Thätigkeit" berichten zu können. Ich wandte mich daher in meinem berechtigten Unmuth an Dr. Althausen. Ich hielt ihm vor, daß ich gesehen hätte, wie in den Straßen von Wilna die russischen Juden die ihnen geschenkten Testamente zerrissen und in den Koth geworfen hätten; wie sie mit den heiligen Büchern schamlosen Unfug trieben. Nun hätte man nach diesen Vorstellungen die Entrüstung meines Vorgesetzten sehen sollen. „Wie ich mir erlauben könne, ihm, meinem Vorgesetzten und Brodherrn, so etwas in's Gesicht zu sagen! Ich solle nur zusehen, ob ich mit solchen einfältigen, verwirrten Ideen durch's Leben kommen könne!" — Nach solchen unerwarteten Aeußerungen hielt ich mein Schicksal für besiegelt; ich kam zu dem schrecklichen Bewußtsein, daß mich die Hölle mit ihren Krallen gefaßt hatte. Denn bald merkte ich während meiner eifrigen Thättgkeit, daß auf diesem Wege der Mission mit den Juden' nichts zu machen sei. Diese meine Ueberzeugung haben im Stillen wohl alle Juden-Missionäre. Doch warum betreiben sie ihre Mission noch fort? Weil sie Heuchler sind und auf Geld-Erwerb sehen. Fragt man aber heutzutage einen Juden- Missionär, was ihn zu seiner Missions-Thätigkeit antreibt, so wird er in scheinheiligem Tone die Stelle des Matth. 28, 19 anführen: „Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen u. s. w." Ich aber antworte ihm damit, daß mit diesen Völkern die Heiden gemeint sind, nicht aber die Juden. Denn diese wohnen nicht von den Christen getrennt, sondern unter den Christen. Haben sie also Sehnsucht nach dem wahren Wort Gottes, so wissen sie sehr wohl, wohin sie sich zu wenden haben. Jeder Christ, ja sogar*) jeder Antisemit wird herzlich gern ihm dazu behilflich sein, wenn es ernst und wahr gemeint ist. Die zu Juden-Missions-Zwecken unsinnig und nutzlos verschwendeten Gelder sollte man lieber armen, hungernden Christen, verlassenen Wittwen und Waisen opfern. Das wäre entschieden christlicher gehandelt! Von da an begannen die finsteren Stunden über mein Leben hereinzubrechen. Glaube, Vertrauen, Hingabe, Redlichkeit, Wahrheit, Unschuld — alles wurde in mir gebrochen und zertreten durch meine neuen Missions-Brüder, jene mammonistischen Propheten der Erzheuchelet. Sie betrachteten meine Unerfahrenheit, Gläubigkeit und Hingebung als Dummheit und belogen, foppten, hänselten und betrogen mich auf allen Seiten. O, wie furchtbar wurde der Blüthen-Garten meines naiven Gemüthes zerstampft unter den rohen Fußtritten! Doch noch etwas Aergeres sollte folgen. Zu all' den unsäglichen psychischen Leiden sollten nun auch noch physische kommen. Dr. Althausen hatte nämlich in der russischen Stadt Minsk, in der fast ebensoviel Juden als in Wilna wohnten, einen Schwiegersohn, der in einer norwegischen Juden- Mtssion als Missionar thätig war. Da nun diese Thätigkeit nicht genügend einbrachte, Dr. Althausen aber seinen Schwiegersohn, wie er es bei allen seinen Kindern gethan hatte, in diesem einträglichen Gebiete beschäftigen und in Wohlstand setzen wollte, so machte er der oben erwähnten Londoner Gesellschaft den Vorschlag, in Minsk eine Filiale der Wilnaer Juden-Mission anzulegen, als deren Leiter er seinen Schwiegersohn vorschlug. Sein Vorschlag wurde ausgeführt und ich wurde zu diesem Zwecke um den neuen Leiter in seiner ungewohnten Thätigkeit zu unterstützen, im strengen Winter nach Minsk geschickt. Ich war durch die Enttäuschungen, die ich erfahren hatte, ganz apathisch geworden; *) Dieses „sogar" verdient niedriger gehängt zu werden. Es verräth in einem unbewachten Moment den Gegensatz, der zwischen Christen und Antisemiten besteht.