Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1892)
- Date
- 1892-11-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448306--35284-2483261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1802 nur jetzt Deinen Hunger; bis zu Deinem Enkel ist es ja noch lange Zeit!"H Der Löwe ließ sich bethören, wollte Über die Grube springen und stürzte hinein. Jetzt trat der Fuchs zu ihm an den Rand der Grube und blickte zu ihm hinunter. „Sagtest Du mir nicht, jammerte der Löwe, daß die Strafe nicht den Sünder, sondern erst seinen Enkel trifft?" — „So ist es auch, erwiederte der Fuchs; aber schon Dein Großvater hatte gesündigt, und Du mußt es nun büßen." — Da wehklagte der Löwe: „Die Väter aßen sauere Trauben, und den Kindern werden die Zähne stumpf!" — „Ja, daran hättest Tn früher denken sollen", entgegnete ihm der Fuchs.-Es bleibt immerhin auffallend, daß der bald nach Hai Gaon lebende berühmte Eommcntator Ra schi (1040—1106) von vorgenannter Fabel nichts weiß, obgleich sie Hai's Zeitgenosse Rabbeim Ehanauel als „bekannt" vorausgesetzt. Und doch stand auch Frankreich, Raschi's Heimathsland, mit Babhlon, wo Hai Gaon und Rabbi Ehanauel in regem Gedankenaustausch. 10) Raschi hält sich vielmehr au den Wortlaut des Talmud, indem er unter Anführung vorgenannter 3Bibelverse eine doppelte Fabel erzählt,"") in der obige Sätze ans der heiligen Schrift zur Anwendung gelangen. Er berichtet (Sauh. 69a, n. f.): Einst überredete der Fuchs den Wolf, am Rüsttage des Sabbats (Freitag) mit ihm einen jüdischen Hof zu betreten und gemeinsam mit den Bewohnern des Hauses (für sich) Speisen zu bereiten, damit sie dieselben am Sabbat in Ruhe verzehren könnten. Kaum war aber der Wolf in den Hof eingetrcteu, als Leute herbeieilten, ihn mit ihren Stöcken bearbeiteten und in die Flucht jagten. Erzürnt wollte der Wolf den schlauen Fuchs tödten. Der aber sprach, sich rechtfertigend: „'Nicht um Deinetwillen schlug man Dich, sondern wegen Deines Vaters, der einmal den Leuten bei der Zubereitung der Speisen Hilfsdienste leistete und alle fetten Bissen verschlang." — und zur Sühne für meines Vaters Verzehren soll ich leiden?" — So ist es! erwiderte der Fuchs. Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf!^) Doch komm' mit mir und ich werde Dich an einen Ort führen, wo Du Speise und Trank in Ueberfluß haben sollst." — Und er führte ihn au einen Brunnen, an dessen Rand ein Balken mit 2 Schöpfeimern lag. Der Fuchs sprang in den oberen Eimer hinein und fuhr in die Tiefe, während der andere Eimer in die Höhe schnellte. „Warum bist Du hinabgestiegen?" 9) Vgl. Erod. 20, 5 und Deut. 5, 9. 10) Vgl- Berliner, Migdal Chananel p. IV. (nach '’JiNJin 'mtPri ed. Chasan, Nr. 99.) 10a.) Auch der jüdische Apostat und Täufling Petrus Alfonsus, früher (bis 1106) unter dem Namen Moses Hispanus (d. h. der Spanier) Rabbiner in Spanien, führt in seiner lateinisch geschriebenen „Disciplina dericalis“, in der ein Vater seinem Sohne im Gewände von Fabeln Lebensregeln gibt, sub Nr. 24 eine Fabel an, welche mit Raschi's Worten fast wörtlich übereinstimmt (ed. Schmidt, p. 68), die aber, den übrigen entsprechend, auf arabischen Ursprung hinzuweisen scheint. Vgl. noch Blumenthal a. a. O. S. 104 f., Amn. 2. 11) Hierzu, wonach der Wolf wegen einer Sünde des Vaters (nicht Großvaters, obgleich das auch in dem Worte nDN, vgl. Raschi zu Exod. 2,18, liegen könnte) büßt, passen auch die in Anm. 9 genanntne Verse bester. fragte neugierig der Wolf. — „Ich habe hier Fleisch und Käse in Menge", sagte der Fuchs und zeigte ihm im Wasser das Spiegelbild des Mondes, das einem großen, runden Käse glich. Nun wollte der Wolf hinabsteigen. Aus den Rath des Fuchses sprang er in den leeren Eimer, und sofort stieg der untere mit dem Fuchs wieder empor. — „Wie komme ich jetzt wieder herauf?" schrie ängstlich der enttäuschte Wolf; doch höhnisch antwortete ihm der Fuchs: „Der Gerechte wird aus der Noth errettet, und der Frevler tritt an seine Stelle. Heißt es nicht auch : Gerechte Wage, gerechtes Gewicht!?" — Da nun der zweite Theil der Fabel mit zwei Bibelverseu schließt, deren letzterer nur lose anzuhängeu scheint, so versucht ein Erklärer des Talmuds R. Samuel Ed els, N"&snnD) den Inhalt der Fabel in geistreicher Weise zu ergänzen. Darnach hätte der Fuchs beim Hinabsteigeu, um auch gegen eine etwaige Weigerung des Wolfes geschützt zu sein, in den anderen Eimer einen Stein gelegt, der schwerer als er (der Fuchs) war und in seinem eigenen Eimer einen zweiten Stein, der wieder zusammen mit ihm schwerer als der erste Stein war. Wäre nun der Wolf nicht hiuabgesprungen, so hätte er (der Fuchs) den kleineren Stein ans seinem Eimer in den Brunnen geworfen und wäre dann wieder in die .Höhe gekommen. Daher: Richtige Wage re. — Da es nun auffällt, daß bei den 6 im Talmud und den beiden von Hai Gaon genannten Versen nicht die Reihenfolge der biblischen Bücher eingehalten und sich der Zusatz des so geistreicher auch ist, bei Raschi nicht findet, so hat Backrs) die interessante Vermuthung ausgesprochen, daß hier statt des Verses aus Leviticus Sprüche 11, 1 Anwendung gefunden, und da außerdem Spr. 11, 8 benutzt worden sein sollte, so dürste R. Meir vielleicht bei der Auslegung von Spr. 11, (1—8) vorstehende Fabel vorgetragen haben. — So plausibel jedoch Back's Vorschlag erscheint, so möchte ich ihm doch nicht zustimmen, und zwar schon ans d e m Grunde nicht, weil der Vers aus Levit. allseitig genannt wird. Vielmehr wird R. LNeir bei der Besprechung von Levit. 19, 66 — es scheint, daß nur der Pentateuch in selbstständiger Exegese öffentlich vorgetrageu wurde — die Erzählung der Fabel durch die anderen beiden Verse belegt haben. Hierfür spricht auch, daß Raschi am Schlüsse seiner Mittheilung den nur in losem Zusammenhänge stehenden Vers (Lev.) ansührt, nach Art des Midrasch, der ja bekanntlich am Schluffe seiner Diseussion nochmals den Satz citirt, von dem er ansgegangen. Bedenkt man noch, daß nach R. Jochanan's Mittheilung R. Meir in seinem Vortrage regelmäßig Halacha, Ethik (Agadah) und ergötzende und zugleich belehrende^) Fabeln vorbrachte, so läßt sich leicht begreifen, daßer Lev. 19, 36 nach diesen drei Richtungen erklärte.u) Wenn Hai Gaon nun auch berichtet 12) Mtsschr. 1880, S. io Anm. 13) Vgl. Hai Gaon's Responsen 362: w ipi mt?n nvn ’sp p piöNW pMQ'di ppio pa w nas nin-n nd'da nnan pa «nrn D’^ro Paa naan nani pDio n vna 14) Eine halachische Deutung enthält der Sifra z. St. (vgl. Tos. B. Bathra 5, 7), eine agadische (ethische) B. Mezia 49a., eine Fabel an unserer St. (Sanh.)