Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1892)
- Date
- 1892-11-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1795 wird ihnen aber nichts nützen, denn in diesem Wahlkreise ist ihre Urheberschaft zu offenkundig. Der Antisemitismus ist bereits auf die Jugend übertragen worden, so daß sich der Schulinspektor Wiese in Arnswalde genöthigt gesehen hat, an die Lehrer eine Verfügung zu erlassen, daß sie den Kindern einschärfen sollen, nicht die jüdischen Geschäftsleute und Bürger oder die jüdischen Kinder zu beschimpfen. Die Lehrer sollen solche Umgezogenheiten strenge bestrafen. Diese Verfügung ist lediglich aus schuldisziplinarischen Gründen erlassen. Dem Herrn Schulinspektor gingen Klagen und Anzeigen zu, die ihn zu dieser Verfügung veranlaßten. Sie war allerdings auch nöthig. Die Kinder riesen auf den Straßen den Juden zu: „Juden raus!" Selbst ein Lehrer machte in der Schule recht unpassende Witze. Er ließ die Kinder aufstehen, die in die Töchterschule gehen wollten. Als drei jüdische Kinder ausstanden, sagte der Lehrer: „Das wird eine reine Judenschule." In der Geographiestunde sagte er: „Dies ist Leipzig, da gehen die Juden hin und kaufen billig ein und die Christen müssen es theuer bezahlen." Beim Deklinniren sagte er: „Die Judenjungens sagen immer: „Ich gehe im Geschäft." Das sind „Witze", die nicht in die Schule gehören. Glücklicher Weise sind solche Vorkommnisse nur vereinzelt. Nicht ohne Interesse ist, wie der „Reichsherold" des Antisemiten Böcke! den Rektor Ahlwardt in seiner letzten Nummer beurtheilt. Es heißt da: „Der Judenflinten-Prozeß wird am 29. November beginnen. Er wird ohne Frage mit einer Verurteilung Ahlwardts enden, denn solche Märchen, wie sie Ahlwardt, dieser Krebsschaden der antisemitischen Bewegung in Deutschland in seiner Sensationsschrift behauptet hat, sind eben nicht zu beweisen, weil sie — unwahr sind. Das ist auch dem „Rektor aller Deutschen", wie ihn eine Anzahl Berliner Mumpitzbrüder nennen, ganz egal, der Mann will Sensation machen um jeden Preis." Es steht keineswegs fest, ob der „Judenflinten"- Prozeß jetzt zu Ende geführt werden würde, wenn Ahlwardt schon im ersten Wahlgange gewählt sein sollte. Freilich würde Ahlward nicht umhin können, die vier Monate gefängniß, deren Abbüßung er bereits begonnen hat, abzusitzen, ehe er im Stande wäre, im Reichstage zu erscheinen, da die Immunität der Reichstagsmitglieder gegen rechtsgiltig ergangene Urtheile nicht schützt. (Nach den neuesten Nachrichten kommt Ahlwardt mit dem deutschfreisinnigen Candidaten in die Stichwahl.) P a l ä st i n a. Jerusalem, 17. Oktober. Die Lage des Druckereigewerbes läßt, wie der Allg. Anz. f. Drukexeieti berichtet, im Allgemeinen hier viel zu wünschen übrig, und erhoffen wir von der Zukunft ein lebhafteres Geschäft. Es ist eben hier wie überall: Die große Concurrenz drückt die Preise herunter, was den vielen kleinen Geschäften, die hier bestehen, die Existenz sehr erschwert. Das Hauptgeschäft befindet fich entsprechend der überwiegenden Anzahl der isr. Bevölkerung in jüdischen Händen und besteht natürlich in Druckarbeiten, die sich auf die heiligen Stätten beziehen, wie Bilder, Briefköpfe, Neujahrswünsche rc. in Schwarz und Farbendruck, auch bronzirt in mancherlei Arten, auch mit hebräischem Text. Ferner werden hebräische Wandkalender, verziert, bergestellt, auch mitunter israelitische Manuskripte adgedruckt. An Zeitungen erscheinen hier zwei Wochenschriften, betitelt; „Haor" (Das Licht) und „Hachawazeleth" (Die Blume), beide keiner Partei angehörig, und „Jeruscholajim", das seit 12 Jahren in Europa gut bekannte Jahrbuch. Alle drei nur in hebräischer Sprache. Außer den bisher erwähnten Zeitungsdruckereten bestehen noch 5 Buchdruckereien dahier, welche den Klöstern der verschiedenen Confessionen gehören und nur Bücher uud Schriften religiösen Inhalts drucken. Die bedeutendste ist die des katholischen Klosters, welche mit neuen Schnellpressen und Hülfsmafchinen arbeitet und vorzugsweise lateinische und arabische Bücher für eigenen Gebrauch herftellt. Ab und zu führt das Kloster auch kleine Bestellungen für fremde Rechnung aus, jedoch nur selten, da der eigene Bedarf das lediglich aus Ordensmitgliedern bestehende Personal vollauf beschäftigt. Der englischen Mtsfionsgesellschaft gehören 2 Buchdruckereien, in denen dieselbe arabische, hebräische und deutsche Bücher und Schriften zu Propagandazwecken rc. Herstellen läßt. Im griechischen Kloster, welches in seiner Druckers ebenfalls nur Ordensmitglieder beschäftigt, werden griechische Gebetbücher und arabische Bücher zu eigenem Gebruch und zum Verkaufe hergestellt. Im letzteren Falle verlangt das Kloster sehr hohe Preise. Das armenische, Kloster besitzt eine kürzlich aus Offenbach a. M. bezogene Schnellpresse, druckt armenische und arabische Bücher für eigenen Gebrauch und beschäftigt nur Ordensmitglteder. Mitunter geben diese Anstaltsdruckereien wohl auch Zeitschriften heraus, welche jedoch nicht als Zeitungen gelten können, da sie stets einen bestimmten Zweck verfolgen und nur an Bekannte abgegeben werden, endlich auch Rechenschafts- oder Gesellschaftsberichte. Abgesehen von den gut eingerichteten Kloster- Druckereten wird hier mit sehr mangelhaften Handpressen gearbeitet. Infolge dessen ist der Verdienst an den Druckarbeiten, trotzdem nicht gerade schlechte Preise bezahlt werden, nur sehr gering. Was an neueren Schnellpressen hier steht, ist aus Amerika (Liberty), Frankreich und Deutschland bezogen. Mit den französischen ist man nicht zu-, frieden. In Materialien und Utensilien beherrscht Deutschland seit einigen Jahren den hiesigen Markt fast vollständig.