Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1892)
- Date
- 1892-11-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448306--35276-2483253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1794 musikalische Kunst der Hebräer eine in wahrem Sinne göttliche, von Gott geheiligte und Gott wiederum geweihte. Wohl wissen wir, daß man bei allen möglichen Festen und sonstigen Gelegenheiten sich au Gesang und Musik erfreute3), wohl gewahren wir mit schmerzlichem Gefühl, daß die Gefangenen in Babylon selbst ihre Harfen mit sich nahmen, ihre licbsn Begleiter, die ihnen so oft Trost und Freude gespendet, die nun aber über dem unendlichen nationalen Weh verstummt an den Weiden der Ströme Babels hängen, jedoch ihren Hauptwerth hatte die Tonkunst immer im Kultus und als die Verbannten unter Esra und Nehemia zurückkehrten, da brachten sie 250 Sänger und Sängerinnen mit, da wurde auch der alte Glanz des Tempeldienstes wiederhergestellt. (Fortsetzung folgt.) ZeitirugSuachrichteu und Correspouderrzen. Deutschland. Marburg, 20. Nov. (Verschwiegen heit bei den Antisemiten.) Verschwiegenheit ist eine Tugend, die man wohl nur bei anständigem Charakter findet und deßhalb müßte die Aufschrift dieser Zeilen des scheinbaren Wiederspruchs wegen Aussehen erregen: Anständige Antisemiten — das wäre Scherz. Aber verschwiegen sind sie doch. Die Sache ist so. Bei allen Verbrechen pflegen die Antisemiten sonst den Juden einen Anthetl gutzuschreiben; sie rechnen denselben genau wie jüdische und — pardon — christliche Wucherer in hohen Prozenten aus; nun findet sich in Nr. 558, eins der ehrenwerthesten aller Blätter, dem „Reichsherold" ein Artikel, in welchem die in Betracht kommende Stelle wie folgt lautet: „Die Ursache der Verbrechen". In welcher Weise Trunksucht, Unzucht und Sonntagsentheiligung mit Verbrechung in Berührung stehen, ergibt folgende Ausstellung. Es sind in 32 Straf- Anstalten Deutschlands Ermittelungen angestcllt worden und ist das Material von 32.827 Gefangenen betgebracht worden. Von diesen hatten 13,706 oder 41 pCt. ihr Verbrechen unter dem Einfluß der Trunkenheit begangen." In Plötzensee ergaben sich unter 3227 Gefangenen 1174 Trinker." Wie viel Juden — bezw. wie viel pCt. Juden in diesen 32 Strafanstalten mit 32,827 Gefangenen waren; wie viel PCt. Juden ferner unter den 13,706 resp. unter den 41 pCt. aller Gefangenen, bei welchen die Ursache des Verbrechens in Trunksucht, Unzucht und Sonntagsentheiligung lag, ver- 3) Vgl. 1. Sam. IO, 5 und IO; 16, 14—23.2. Kon. 3., Richter 11. Arnos 6, 4—6., Jes. 5, 11—12 u. a. m. schweigt das Blatt-warum? das liegt so nah: Diese humanen Leute, welche mit Gemeinheit, Verleumdung, Verdrehung so gern Geschäfte und Wucher treiben, finden, daß sie bei dem vorliegenden Falle nicht einmal gewöhnlich antisemitische Rentablität erzielen könnten, nicht einmal eine kleine frisch fröhliche Judenhetze auf seine Statistik aufbauen könnten. Also es hat doch seine Richtigkeit mit der „Verschwiegenheit" bei den Antisemiten! Arnswalde-Friedeberg. Die Rohheit der Antisemitischen Bewegung in Arnswalde-Friedeberg stellt Alles in den Schatten was je dagewesen ist. Ein deutschsreisinniger Redner, der in Sammenthin nur ein Kaiserhoch ansgebracht, die Hausordnung bekannt gemacht und sich für das zahlreiche Erscheinen bedankt hat, wird von Antisemiten in finsterer Nacht, mitten auf der Dorfstraße mit einer Zaunlatte in seinem Wagen überfallen. Der antisemitische Fettoiehändler Jakob in Lammersdorf forderte am 28. v. M. in Althütte in einer Versammlung in Gegenwart des Ortschulzen Schulz und ohne dessen Widerspruch öffentlich und mit überlauter Stimme: „die Juden müssen gegeißelt und aus dem Lande gejagt werden." Dieser Antisemit trat in das Lokal mit den Worten: „Heil Jude". Diese Begrüßung galt dem deutschfreisinnigen Redner Buchholz. Zu dem dortigen Dorfjuden, einem alten, armen, ehrlichen Mann, der keinem Kinde etwas Böses thun kann und dem die Bauern das beste Zeugniß ausstellen, sagte der Antisemit: „Wer kennt das größte Raubthier mit krummem Schnabel?" Dieser Antisemit sang Lieder auf bic Juden, die man wegen ihrer Gemeinheit nicht wiedergeben darf.— Die Arbeiter Pokabl und Gittlo in Arnswalde holten sich von dem Uhrmacher Hans Wolther, dem Anführer der Antisemiten in Arnswalde Stimmzettel und fragten, was mit dem Juden geschehen solle? Der Antisemit antwortete: „Die Juden werden ausgeplündert und dann rausgejagt!" Herr Walther war auch der Anführer der Antisemiten in Sammenthin! In Arnswalde rufen junge und alte Antisemiten jungen und alten Juden auf der Straße zu: „Juden raus!" Es werden gegen die Juden Flegeleien verübt, die man in einer Zeitung nicht wiedergeben kann. Am 23. Abends drangen einige Antisemiten in das Haus eines freisinnigen Juden und riefen „Juden raus!" Die Frau war allein zu Hause und mußte vor Angst nicht, was sie beginne sollte. Ein Antisemit sagte im Hotel: „Ein Sozialdemokrat wollte sich am Sonntag bei der antisemitischen Versammlung zum Wort melden, aber die Antisemiten hatten sich vorgenommen, ihre . . . ." (hier folgte die Androhung einer Handlung, die nicht einmal angedeutet werden kann.) Dies gescheiht in der Hochburg der Konservativen von den Antisemiten, welche von den Konservativen hergeschleppt worden sind! Das sind die Stützen von Thron und Altar! Dies sind die Vertreter von Monarchie und „Christenthum"! Das ist, wie die Antisemiten sagen, die vornehmste Bewegung des Jahrhunderts"! Das sind die Männer, die das Volk „sittlich erneuern" wollten! Selbst den Konservativen scheint jetzt bange zu werden und sie fangen an, sich ihres Kindes zu schämen. Das