Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1892)
- Date
- 1892-11-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Beilage ju M 94 des „Israelis. Leitender Artikel. Der Gesang im Gottesdienst. Von vr. A. Ackermann. (Fortsetzung.) Es ist lediglich eine historische Bestätigung des hohen Werthes der Tonkunst für den Gottesdienst, daß nun auch umgekehrt die ersten Anfänge der Tonkunst auf das Erwachen des religiösen Gefühls zurückzuführen sind. Natürlich! die bildende Kunst konnte Motive aus der äußeren Natur schöpfen, die Dichtung, in ihren ersten Anfängen epischen Charakters konnte sich in Erzählung und Schilderung einem Objekt anschließen; die Musik aber empfing von der Natur nichts als den unorganischen Schall oder Laut, den sie erst dann durch Erfüllung mit einem höheren Gehalt zur Kunst umbilden konnte, als die Ahnungen eines höheren Daseins, eine Welt der Ideale auftauchte und das Verlangen erwachte, diese Ideale durch die Kunst mit der Wirklichkeit zu vermitteln. So weit wir den Ursprung der Tonkunst auch zurückverfolgen, stets finden wir sie in ihren ersten Stadien im Dienste der Religion und erst allmählich sehen wir sie in die profane Welt eindringen: bald ziehen die Kämpfer unter Gesang in die Schlacht, ertönt die erschütternde Todtenklage um die Gefallenen, Jubelhymnen geleiten den Sieger zur Heimath zurück, lobpreisende Gesänge erfüllen die Hallen der Königspaläste und nach kurzer Zeit wird die ursprünglich „heilige" Kunst die erheiternde Genossin des Mahles und froher Feste. Sämmtliche antiken Völker hatten heilige Melodien. Die E g y p t e r leiteten ihre heilig gehaltenen Melodien von der Isis her. Die Sage rühmt schon von Osiris, daß er ein Freund des Gesanges und von neun sangeskundigen Jungfrauen umgeben gewesen sei (vgl. Apollo und die Musen.- Die uralten Inschriften geben uns dann ein lebendiges Bild von der Entwicklung der Musik bei diesem Volke. >) Auch bei den Chinesen finden wir heute noch die Erinnerung an eine uralte Musik, die zwar verschollen ist, aber doch in den rührenden Klagen der Nachkommen über ihren unersetzlichen Verlust fortlebet.') 1) Vgl. Näheres bei Ambros: Musikgeschichte 1, S. 144, ff. 2) Vgl. Fink: Erste Wanderung -er ältesten Tonkunst, S. 26. Bei jenem Volke auch, bet dem zum ersten Male die Musik Selbstzweck wurde, bei den Griechen, diente sie in ihren ersten Anfängen lediglich dem religiösen Gefühle. Die Musik war ihnen eine von den Göttern gegebene Kunst, Apoll, der Gott der musikalischen Begeisterung, wie der prophetischen und spät erst wurde die zuerst dem Kultus geweihte Kunst auch eine theilnehmende Freundin der Menschen. Aus dem Wettstreite der Kithoroden, die das Lob der Götter sangen, entstanden die weltlicheren Sängerfeste der späteren Zeit. Daß bei keinem der antiken Völker die Musik in so innigem, unzertrennlichen Verhältniß zum Gottesdienst stand wie bei den alten Hebräern, ist allbekannt. Ein jeder weiß es aus den mannigfachen Notizen der heiligen Schrift, mit welcher Pracht der Tempeldienst unter David und Salomo ausgestattet wurde, und wer die berühmte Stelle im Buche der Chronik liest, wo die Art des Vortrags der Tempelpsalmen genau geschildert wird und der Geschichtsschreiber am Schluffe des Berichts in die Worte ausbricht: „Da war der Tempel voll von der Herrlichkeit Gottes!" wer sich eine Vorstellung machen kann von dem überwältigenden Klange dieser 120 silbernen Trompeten, von dem herrlichen Chore von Männerstimmen, von dem rauschenden Erklingen der Saiteninstrumente, der wird es begreifen, daß in jenen Momenten des höchsten musikalischen Glanzes das ganze Volk von einer erhobenen Stimmung ergriffen ward, in der es Gottes Herrlichkeit wahrzunehmen glaubte. Der Aestbetiker Ludwig Eckart that einmal den Ausspruch: „Keine Kunst verbindet sich so innig mit der Religion wie die der Töne. Gerade die Unendlichkeit Gottes, das selige Versinken in ihr, die nimmer zu schildernde, nur in endloser Weltenfuge zu preisende Majestät, der andächtige Flug hin über Zeit und Raum, die unfaßbare Ewigkeit, die nimmer zu erschöpfende Liebe, alles dies spricht nur die Tonkunst aus. In Worte gekleidet, erschrickt das Gefühl, Worte können auch nur von einem einzelnen gesprochen werden, Töne aber aus Tausenden von Stimmen, aus Riesenorchestern zusammenströmen, vereint aufsteigen und den Mitsingenden wie in einem Gesammtrhythmns der Welt Hinreißen." Diese herrliche Schilderung des Verhältniffes von Religion zu Musik hat niemals bessere Bestätigung gefunden, als in dem Gottesdienste der alten Hebräer. Von dem SiegSgesang am Schilfmeer an, der aus Millionen Kehlen zu Gottes Preis emporftieg, bis zu den majestätisch erhabenen Gesängen des Tempels ist die ganze