Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1892)
- Date
- 1892-11-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448306--35273-2483250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1791 „Vonlden beiden Brüdern war Onkel Elkan, jener, der zuerst in nahe Beziehungen zu dem Markgrafen Friedrich Wilhelm von Ansbach trat. Dieser succedtrte 1703, als achtzehnjähriger Jüngling seinem Bruder Georg Wilhelm, welcher in österreichischen Kriegsdiensten stehend, während seiner neunjährigen Regierung stets von seinem Lande abwesend gewesen und sich nie umzdassclbe gekümmert hatte. Friedrich Wilhelm fand daher bei seinem Regierungsantritte bie| desolatesten Zustände vor. Alle Beamten, vom untersten Schreiber, bis zum alttzr ego des Fürsten hinauf, waren bestechlich und sahen nur auf ihren eigenen Vortheil; für Geld war Alles von ihnen zu erlangen. Die Einkünfte des Landes stoffen lediglich in ihre Taschen. Mit den Beamtenftellen wurde von den Ministern ein förmlicher Schacher getrieben; wer eine solche in Ansbach erlangen wollte, hatte keine Befähigung nachzuweisen, nur einen höher« Kaufpreis als seine Mitbewerber zu zahlen. Trotzdem das Volk unerschwingliche Steuern zahlen mußte, geschah für dasselbe nichts. Es gab keine Schulen, keine Kranken- und Armenhäuser, keine gebauten Straßen und die Unsicherheit im Lande, in dem es von wohlorganisirten Diebs- und Räuberbanden wimmelte, hatte den höchsten Grad erreicht. Die Gerichlspflege war die erbärmlichste, die man sich nur vorzustellen vermag. Ein reicher Mann, oder wer; ein schönes Weib, eine schöne Tochter, eine schöne Schwester besaß und niedertiächlig genug war ihre Ehre seinem Vortheil zu opfern, konnte sich in Ansbach von den schärfsten Strafen loslösen und demgemäß ungeahndet die schwersten Verbrechen begehen. Dagegen wurden alljährlich Hunderte von Menschen als Hexen oder Zauberer verbrannt. Auf die Anzeige des ersten Besten, der jemanden der Zauberei beschuldigte, wurde dieser eingezogen.k Ein armes, altes Weib, das rothe triefende Augen, jeder Mensch, an dessen Körper sich das kleinste Muttermal befand, wurde zum Feuertode verurtheilt, nachdem er vorher so lange gefoltert worden, bis er das angedichtete Verbrechen gestanden und dann dem furchtbaren Schicksale anheim fiel. Und nicht nur blöder Unverstand, beklugenswerthe Sinnlosigkeit, auch scheußliche Niedertracht erhob, mit dem vollen Bewußtsein, einen Unschuldigen einem gualenreichen Tode cntgegenzuführen, derlei Anklagen. Es gab im Fürstenthume Ansbach kein leichteres und sicheres Mittel einen Menschen, der unbequem geworden, aus dem Wege zu räumen, als: ihn der Zauberei zu beschuldigen. — Auch bei Angeklagten anderer Kategorien wurde die Folter angewendet, so daß die erpreßten Geständnisse nicht der Wahrheit, — die in Folge derselben erflossenen Urtheile, nicht der Gerechtigkeit entsprachen. — Im ganzen Fürstenthume herrschte die größte Unzufriedenheit, allein sie gelangte aus dem Grunde nicht zu deutlichem Ausdrucke, weil schon der leiseste Tadel, der gegen die Machthaber ausgesprochen, mit drakonischer Härte bestraft wurde. Der junge Landesfürst. Friedrich Wilhelm fühlte persönlich nur die finanzielle Misere seines kleinen Staates. So jung er auch war, hatte er doch, schon als Erbprinz namhafte Ehrenschulden an ausländische Creditoren contrahirt, die nach seinem Regierungsantritte ungestüm eingesordert wurden und da er auch nicht geneigt war, das verschwenderische wüste Leben, das er früher in Paris geführt, aufzugeben, machte er an seinen Finanz-Hofmeister Z Ansprüche, die dieser nicht zu befriedigen vermochte. Etwa ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, als er sich in den ärgsten Geldverlegenheiten befand. berief er meinen Onkel Elkan zur Audienz, um sich bet ihm Rata und Beistand zu holen. Elkan Fränkl, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann, sondern auch ein Mann von ungewöhnlicher Klugheit, staatsmännischem Scharfblick, feinstem Benehmen und elegantesten Umgangsformen, ganz zum Hofmann und Fürstengünstling geschaffen, erwies sich als Retter in der Roth: Nicht nur, daß er dem Markgrafen die grobe Summen, deren er zur Regelung seiner Privatangelegenheiten bedurfte, vorstreckte, machte er ihn auch auf die Schäden in der Verwaltung seines Landes aufmerksam, rieth ihm die betrügerischen, blutsaugerischen Beamten zu entlassen, eine gerechte, gleichmäßige Steuereintheilung einzuführen. — Auch ertheilte er ihm Rathschläge, wodurch die Ausgaben vermindert, die Einnahmen in loyaler, den Einzelnen nicht bedrückender Weise vermehrt wurden; so daß bald das Gleichgewicht in dem Staatshaushalte hergestellt wurde. Dadurch hatte Elkan Fränkl allerdings viele Feinde, aber auch das Vertrauen und die Achtuung des Markgrafen in so hohem Grade erworben, daß er ihn, freilich ohne ihm den Titel eines Ministers zu verleihen, zum Mitgliede seines Staatsrathes machte, dem er selbst pi äsidirte und der aus dem Minister Bradon, dem Regierungsrathe Wehl und meinem Onkel Elkan bestand." „Es hatte dies seiner Zeit das höchste Aufsehen erregt", meinte Wertheimer. „Ihr Vater und Ihr Oheim galten für die einflußreichsten Personen im Fürstenthume Ansbach, deren Rathfchlägen Friedrich Wilhelm ohne Prüfung und ohne Bedenken Folge leistete" „Mein Vater", fuhr Rafael Fränkl fort, „von dem ich hoffe, daß Gott ihn gnadenreich am Leben erhalten, aber dies leider nicht mit Bestimmtheit weiß, war ganz anders als Onkel Elkan geartet, der sich trotz mancher anerkennenswerthen Vorzüge, *) Finanz-Minister.