Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 94 (28.11.1892)
- Date
- 1892-11-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448306--35271-2483248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1789 eine Thesen öffentlich anschlagen wird. Für die Türkei und die Länder, deren Staatsreligion der Islam ist, wird dann statt Kirchenbesuch, Moscheen- Besuch zu setzen sein, wenn auch dort die Zukunft des Judenthums gerettet werden soll. 2) „Mit dem Gebet für Kaiser und König, Stadt und Gemeinde, einem Schlutzchoral und Segen, wäre dann die Andacht in einer Stunde beendet und dann wäre die Betheiligung sicherlich eine größere, als am Samstag, an welchem jedoch der bisherige Modus mit einigen Kürzungen beibehalten werden könnte." „Die derzeitige Dauer des Gebets währt entschieden zu lang. — — Unstreitig ist mit jenen Gebetftellen aufzuräumen, welche die Rückkehr nach Palästina und die Wiederaufrichtung des Opfercults zum Inhalt haben." „Bet solch einschneidenden Kürzungen werden nicht mehr Viele vor Schluß des Gottesdienstes das Bethaus zu verlassen sich bemüßigt sehen." „Dann" — so schließt das Ganze salbungsvoll, „wird man auch von unserer Synagoge mit Recht sagen können, daß sich an ihr und in ihr das Prophetenwort erfüllt: „Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker." Wir erlauben uns dazu folgende unmaßgebliche, laienhafte Bemerkungen zu machen: Schon im Hamlet wird Kürze die Seele des Witzes genannt. Wir begreifen, daß daher auch bei diesem schlechten Witz, den sich ein Württemberger Rabbiner mit unseren heiligsten Anliegen erlaubt, Kürze das Alpha und Omega der anempfohlenen Reform ist. Steigerte sich aber der religiöse Sinn je nach der Kürze der Gebete, so müßte gänzliche Abschaffung der Gebete, durch welche die höchste, denkbare Kürze erzielt wird, auch die vollendetste Religiösität erzielen. Ist die größere Betheiligung wirklich der Maßstab für die Religiösität der Vetheiligten, so ließe sich dieselbe dann viel sicherer an der Börse, in den Restaurants und im Theater erzielen, wo das lange, lästige Gebet von selbst wegfiele, und es wäre nicht zu befürchten, daß Jemand vor dem letzten Akt wegginge. Zu spät kommen und zu früh fortgehen wird allerdings auch bei dem abgekürzten Verfahren, das unser Rabbiner hier vorschlägt, nicht mehr zu befürchten sein. Denn wer dies noch ferner wollte, käme um den ganzen Gottesdienst, dessen Vorzug ja eben darin besteht, daß er sofort nach Beginn schließt. Daß es trotz der antisemitischen Excesse, trotz der „Ulmer Schnellpost" und der Geschwornengerichte, welche die Beschimpfung des Judenthums für straffrei erklären, unserem Reformator in Württemberg besser als in Palästina gefällt, spricht für seinen Patriotismus. Daß aber ein Rabbiner gegen die Wiedereinführung der Opfer eifern und in demselben Athemzug „mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker", das verräth eine Unwissenheit oder Unverfrorenheit, die jenem Patriotismus noch um einige Längen über ist. Der gute Mann muthet den Lesern der „Sch. Kr." doch eine große Unwissenheit zu, wenn er glaubt, daß sie jenes Prophetenwort nicht in seinem ganzen Zusammenhang kennen. Dasselbe findet sich im V. 6 u. 7 des 56. Kap. des Jesajas und lautet wörtlich: „Die Kinder der Fremde, die sich Gott an- „schließen, um ihm zu dienen, und zu lieben den „Namen Gottes, ihm Diener zu sein, jeder, der „den Sabbat (nicht die Kirchenzeit am Sonntag) „hütet, daß er ihn nicht entweiht, und die an „meinem Bündnisse festhalten, diese bringe ich zu „meinem heiligen Berge, und erfreue sie in „meinem Bethause, ihre Ganzopfer und „Schlachtopfer werden zum Wohlge- „fallen auf meinem Altäre sein, denn „mein Haus wird einBethaus genannt „werden für alle Völker." Die Opfer also, deren Wiederherstellung unser Anonymus perhorrescirt, sind Jesajas die Vorbedingung der Verheißun.i, daß die jüdische Stätte der Gottesverehrung ein Bethaus für alle Völker genannt wird. Das genügt, um jeden Denkenden zu überzeugen, daß mit solchen Mittelchen das neue Württemberger Judenthum nicht gerettet und das alte nicht aus den Angeln gehoben wird. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Peft, 21. Nov. (Abgeordnetenhaus.) Das neue Cabinet stellte sich heule dem Parlamente vor. Wekerle legte das Regierungsprogramm dar. Bezüglich der Kirchenpolitik führte Werkerle aus: Schon die frühere Regierung arbeitete mit Genehmigung des Königs Gesetzentwürfe aus betreffend die Rezeption der israelitischen Religion, die Einführung der allgemeinen Civilstandsregister und die freie Reltgionsübung. Diese Gesetzentwürfe würden in der Wintersession vorgelegt werden. Frankreich. Paris. Dienstag, 15. November starb hier der berühmte jüdische Gelehrte Senior Sachs, der langjährige Bibliothekar der Baron M. D. Günburg'schen Bibliothek. Im Jahre 1816 in Samocz in russ. Polen geboren, kam er ziemlich jung nach Berlin, um dort seine Studien zu vollenden. Hier hielt es ihn nicht lange und im Jahre 1850 finden wir ihn in Paris in Gesellschaft der Munk Sandaer und Goldberg. Zuerst wurde sein Name viel genannt durch die neue Folge der -ran pp, die