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Der Israelit · 1892-11-24 · Heft 93 (24.11.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 93 (24.11.1892)
Date
1892-11-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1774 mächtiger ergreifen uns die Klänge der heiligen Sprache, da der Hauch der Kunst sie umgibt. Dasjenige Element nun, welches dem gesprochenen Worte erst sein Leben verleiht, ist der Schall, der Ton. Das gesprochene, d. h. das durch den Ton zum Leben erweckte Wort erst hat seinen Zweck erfüllt. Ist doch der Ton das eigentliche Lebenszeichen der sichtbaren Schöpfung, welche ungeachtet der Vielheit und Mannigfaltigkeit ihrer Gestaltungen und alles Licht- und Farbenretchthums uns todt erschiene, wenn nicht der Ton ihr Leben und die Qualität ihres Lebens uns verkündete. Im Tone spricht die Natur zu uns und wir zu ihr, der Ton ist Vibration und bewirkt, in unser Innerstes dringend, in uns ein Mitschwingen und Mitleben mit dem Tönenden. Hierauf gründet sich die Macht der Töne. Wo aber könnte sich dies. Macht der Töne auf den Menschen gewaltiger offenbaren, als beim Gottesdienst, wo könnte das Mitschwingen und Mittönen der menschlichen Gefühlswelt mit den von Außen in sie hineindringenden Klängen besser und intensiver zum Ausdruck kommen, als da, wo der ganze Mensch nur Gefühl ist? Mit dem Eintritt der Tonkunst in den Gottesdienst vollendet sich seine Würde. Sie erst erweckt und stärkt in dem betenden Menschen jenen gottähnlichen Zustand, der das eigentliche Kriterium des wahren Gottesdienstes bildet, den Zustand der Andacht. Denn damit, daß das Wort der Dichtkunst im Gewände der Tonkunst auftritt, werden seine tiefsten Geheimnisse offenbar; der Klang verinnerlicht den Gedanken und wandelt ihn um in Gefühl. Hiermit ist uns zugleich auch der ästhetische Werth der Instrumentalmusik für den Gottesdienst klar charakterisirt. Derselbe beschränkt sich auf eine Minimum-Instrumentalmusik, welche niemals den Zweck haben kann, eine unmittelbare Stütze für das aus Worten der Dichtkunst bestehende Gebet zu sein; sie könnte höchstens dazu dienen, eine Stimmung h e r v o r z u r u s e n, die vorher nicht vorhanden war. Gesang im Gottesdienst aber legt stets nur den im Texte enthaltenen Gedankeninhalt dem andächtigen Gefühle näher. Außerdem schließt Instrumentalmusik den natürlichen Erguß frommer Gefühle, sowie die Mitwirkung der Betenden zu gegenseitiger Erbauung völlig aus; ein würdig vorgetragener Gesang der Gesammtgemeinde oder ein gut besetzter Sängerchor wird stets viel eher das Herz erheben, als das Ertönen eines musikalischen Instrumentes. *) (Fortsetzung folgt.) ") Bei der Krönungsfeier Napoleons I. wirkte ein Chor nnn achtzig Harfen mit, die großes Staunen erregten. Kaum abel hatten dieselben geschwiegen, da erhob sich ein Chor von Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 22. November. Die Antisemiten verbreiten jetzt in großer Anzahl Flugblätter, die die den Juden feindlichen Aussprüche Luthers enthalten. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" veröffentlicht deßhalb Luthers wirkliches Urtheil über die Juden, das ein überaus günstiges ist. Es wäre zu wünschen, daß besagter Verein dieses Urtheil gleichfalls als Flugblatt und in gleicher Ausstattung, wie das der Antisemiten (mit dem Bildniß Luthers an der Spitze) herausgeben würde. Worms. Ich habe Ihnen schon früher berichtet, wie sehr das Vorstandsmitglied, Herr Julius Goldschmidt, sich um das Archiv der hiesigen jüdischen Gemeinde verdient gemacht hat. Nun hat er den Vorstand veranlaßt, alljährlich eine Summe zu bewilligen, welche zum Aufrechtstellen der liegenden oder schiefstehenden Grabsteine auf dem ältesten Thetle des hiesigen Friedhofes verwendet werden solle. Der Anfang wurde vor mehreren Wochen gemacht und es thut dem Auge des den Friedhof Besuchenden wohl, zu sehen, wie an die Stelle früheren wirren Durcheinanders eine wohlthuende Ordnung getreten ist. Herr Golbschmidt hat aber seine Arbeit darauf nicht beschränkt, sondern er hat auch eine große Anzahl Steine, von denen nur ein Rand noch sichtbar war, und welche man als letzte Reste eines abgehauenen Steines vermuthete, heben lassen und da ergab sich nun das Interessante, daß die ganzen Steine bis auf den Rand eingesunken waren und als sie gehoben waren, fand man die Schrift vollständig erhalten. Ebenso wurden eine Anzahl Steine mit vollständig erhaltener Schrift gehoben, von denen äußerlich gar nichts mehr sichtbar war, als nur das Vorhandensein von vielen Moospflanzen. Bei günstiger Witterung wird man sich mit der Entzifferung derselben befassen, und es ist sicher anzunehmen, daß manches Interessante dadurch an das Tageslicht gefördert werden wird. Selbstverständlich werde ich nicht ermangeln, Ihnen alsdann solches baldigst mitzuthetlen. Worms. Das Kommando des hiesigen Bataillons hat an das Rabbinat die Anfrage gerichtet, ob und zu welcher Zeit nächsten Freitag Gottesdienst abgehalten werde, da es beabsichtige, sich durch eine Deputation vertreten zu lassen. In Folge dessen hat der Vorstand der dreißig Sängern der Sixtinischen Kapelle, die daS ergreifende „Tu es Petrus“ von Scarlatti erschallen ließen: Da war aus ' einmal der ganze Harfeneffekt vernichtet.

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