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Der Israelit · 1892-11-24 · Heft 93 (24.11.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 93 (24.11.1892)
Date
1892-11-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage zu M 93 des „Israelit". Leitender Artikel. Der Gesang im Gottesdienst. Von Dr. A. Ackermann. Die erhabensten Momente, deren das menschliche Leben fähig ist, sind diejenigen, in denen der Mensch zu dem Urquell seines Daseins sich hinwendet, in denen er aller Gedanken an seine irdische Zeitlichkeit sich entschlägt und ganz aufgeht in dem seligen Gefühl der Nähe des Unendlichen, der Nähe Gottes. „Gottesdienst" ist es, den wir dann üben, unsere Pflicht als Knechte und Abhängige Gottes erfüllen wir, wir dienen Ihm. Dieser Drang nach dem Göttlichen hin wird mit dem Menschen geboren und begleitet ihn durch alle Phasen seines Lebens hindurch, bis zum Grabe; er offenbart sich in der unbewußten Lust, mit welcher der Säugling sein Auge dem Sonnenlichte zukehrt, in dem Forschen nach dem Wesen der Dinge, mit dem sich der kaum erwachte Verstand abgibt, er offenbart sich in der Lust am Wohlthun, in der Thräne des Mitleids, in der Liebe zum Guten, wie in dem nagenden Schmerze ob begangener Schuld, kurz alle Freude am Guten und Wahren ist Offenbarung des Göttlichen im Menschen. Wie unzählig aber nun auch die Formen sein mögen, in denen sich dieser Drang nach dem Göttlichen hin kundthut, so steht doch eines fest: er hebt stets den Menschen in eine höhere, edlere Sphäre seines Denkens und Fühlens; das Göttliche, d. h. das Gute und W ahr e tritt auf in dem Gewände des Schönen; aller Gottesdienst, der geübt wird, hat einen mehr oder weniger festlichen Charakter, der der inneren Stimmung des Menschen entspricht und sie zum Ausdruck bringt, allen Gottesdienst geleitet jene Offenbarung der Schönheit, die dem Menschen als irdischer Abglanz der göttlichen Allmacht verliehen ward — die Kunst. Die Kunst, diese Darstellung des Ueber- und Außersinnlichen durch sinnfällige Mittel, hat zum Gebiet die Schönheit. Die Dinge aber sind schön, sofern sie sich als Ausdrücke der göttlichen Ideen darstellen, und so können wir wohl sagen, daß die Kunst von Gott ist. Der letzte Grund des Schönen, wie alles Seins ist Gott, in ihm findet es seine absolute Vollendung. Der Künstler soll im Anschauen des Idealen fühlen und in seinem Werke Zeugniß geben, daß die ewige Wahrheit und die unwandelbare Schönheit sich in Gott vereinigt, der Künstler hat die herrliche Bestimmung, ein Vermittler zwischen der Sinnen- und Geisterwelt, ein Wegweiser zur wahren Bildung zu sein. Dieser Charakter der Kunst als einer von Gott ausgehenden und zu Gott wieder zurückführenden Macht genügt vollauf, ihre Berechtigung als würdige Dienerin des Gottesdienstes zu erweisen. Wie nun vollzieht sie diesen erhabenen Dienst? Zunächst an der Stätte, wo wir beten. Wohl tönt uns aus der heiligen Schrift die beseligende Versicherung entgegen, daß jede Statte gottgesegnet sei, an der Gottes Name in Ehrfurcht ausgesprochen wird, wohl fühlen wir es bei jedem „Ach Gott", das seufzend unserer Brust sich entringt, daß wir Gottes Nähe überall finden, wo wir sie suchen: dennoch aber dünkt es uns herrlicher und angemessener, Gott in großer Versammlung anzurufen, seiner unendlichen Hoheit entsprechender, dem Weltenkönig in großer Gemeinde zu huldigen und ihm eine Stätte zu weihen, dahin die Frommen zu regelmäßigem Gebete wallen. Wir bauen Gotteshäuser. Da nun tritt zum ersten Male die Kunst hervor und lenkt die zeichnende Hand des Baumeisters. Größer werden seine Entwürfe, sinnvoller seine Pläne, als wenn es ein gewöhnliches Haus zu bauen gilt. Die heilige Symbolik des Gottesdienstes gibt seinem Geiste eine Unzahl neuer, vielversprechender Gestaltungen ein, an denen sich so manche kunstgeübte Hand erproben kann; fromme Sprüche gilt es aufzuzeichnen in würdiger Schönheit, vielarmige Leuchter gilt es herzustellen, die ganze Gruppe um die heilige Lade gilt es würdevoll auszustatten, die Vorhänge in kunstreichem Gewirke auszuarbeiten, die heiligen Geräthe, die Zierden der Thorarollen auszuschmücken, und noch viele andere gottgeweihte Symbole mit dem gottgeweihten Schimmer der Kunst zu umgeben. Dann treten wir ein in das reichgeschmückte Gotteshaus, heilige Schauer in der Brust. Das Wort des Gebetes drängt sich auf unsere Lippen. Wir sprechen aus, was uns das Herz bewegt, in rührenden Bitten, und in erhabenen Worten huldigen wir der göttlichen Allmacht, die wir deutlicher fühlen an dieser Stätte. Wie unsere Gefühle aber ungewöhnlicher Art sind, so hebt sich auch das Wort, das sie ausdrückt, weit über das Alltägliche hinaus, in das erhabene Gebiet der Kunst. Die Worte des Alltagsverkehrs sind geschwunden, an ihre Stelle tritt die Sprache der Dichtkunst. Die altehrwürdigen Kunstwerke des königlichen Sängers, die prachtvollen Sätze der Propheten, die innigen Gesänge der langen Reihe unserer Paitanim, sie sind es, die wir vor Gott vortragen, und

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