Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1892)
- Date
- 1892-11-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1771 Ihnen offen gestehen, ich hätte Sie — Sie in ganz andern Verhältnissen als das Erstemal wiedersehend — trotz meines enormen Gedächtniffes, Doch nicht erkannt, wenn nicht gestern der Besuch eines unerwarteten und unwillkommenen Gastes mir die Erinnerung an jene Scene, wo ich Sie das Erstemal gesehen und gesprochen, lebhaft zuräckgerufen hätte; .... ich empfing gestern . . . ." Der Prinz brach ab und fuhr erst nach kurzer Pause fort. „Ich habe nicht das Recht und daher auch nicht die Absicht Ihre Pseudonimität, zu der Sie, mir unbekannte Gründe veranlassen mögen, zu lüften und hätte mich auch nicht zu der Aeußerung Hinreißen lassen, Sie zu kennen, wenn nicht unser würdiger, besonnener, kluger Oberhoffaktor es auch in Gegenwart dieses Herrn", er streifte Markbreiter leicht mit einem Blicke, „ausgesprochen, der Name, den Sie sich beilegen, sei nicht Ihr wahrer.' — Während ich Sie betrachte und mit Ihnen spreche, verstärken sich meine Erinnerungen zu voller Deutlichkeit! vraiment! jetzt weiß ich auch, weßhalb mir der Name Ropert nicht fremd klang. E r den Sie mir vor acht Jahren — Sie waren damals ein schmucker Bursche von etwa zwanzig Jahren, vorgestellt, als Sie für — Ropert sprachen, war gestern bei mir." „Er ist hier .... in Wien?!" rief Levi erschrocken einen Schritt zurücktretend. „Wenn er erfährt, daß ich mich hier befinde, wird er meine Auslieferung verlangen .... Stände ich allein auf der Welt, würd' ich den Tod nicht fürchten; — aber ich habe die Pflicht mich für Andere zu erhalten!" Der Prinz blickte höchst überrascht auf. „Was sprechen Sie? Er hat mir Sie als seinen Lebensretter vorgestellt! Er sprach von der Dankbarkeit, die er Ihnen schulde und die erst mit seinem letzten Athemzuge erlöschen würde." Seine Worte, seine Versprechungen! Levi lachte leise, bitter auf. Er hat dreitausend Dukaten auf meinen Kopf gesetzt!" „Tu Dieu!“ rief der Prinz. „Daß ich von dieser wichtigen Umwälzung nichts erfahren! — aber ich war in den letzten Jahren durch die fortwährenden militärischen und diplomatischen Kämpfe stets in so anstrengender Weise in Athem erhalten, daß alles Andere, das mich nicht unmittelbar touchirte, meiner Aufmerksamkeit entgehen konnte. Ich habe ihn schon damals als einen unzuverlässigen, wetterwendischen Menschen kennen gelernt.aber Sie haben nichts zu befürchten! Nicht ein Haar Ihres Hauptes darf Ihnen gekrümmt werden.Ich habe gerade durch Ihre rechtzeitige Entdeckung den vollen Einfluß in Oesterreich, der mir rechtmäßig zukommt, den ich mir redlich durch dreißigjährige treue Dienste erworben, wieder erlangt. Er hat sich mit einer Bitte an mich gewendet, er bedarf meiner Protektion. Er muß sich meinem Willen fügen. Allerdings lassen sich bei seinem eigenthümlichen Charakter keine vernünftigen Voraussetzungen bilden — aber sollte der halb oder ganz Verrückte in seiner Halsstarrigkeit verharren, würde ich die allvermögende Intervention seiner Majestät des Kaisers anrufen. ... Ich wiederhole es Ihnen, Sie haben nichts zu befürchten. — Kommen Sie um fünf Uhr Nachmitttags in mein Palais; da wird die Sitzung des Conferenzrathes, die ich heute, seit langer Zeit wieder das Erstemal, etnberufen, beendigt sein. Sie werden dann die Güte haben mir über die seltsamen Vorkommniffe, denen Sie zum Opfer fielen, zu unterrichten, mich über Ihre Verhältnisse informiren." „Euer Durchlaucht", erwiederte Levi mit einer tiefen Verbeugung, „ich danke unterthänigst für höchst Dero gnädige Theilnahme und nehme höchst Dero gnädigen Schutz im Interesse meiner Angehörigen dankbarst an. — Ich werde höchst Dero Befehlen gehorsamen und zu der bestimmten Stunde erscheinen." „Es wird mich freuen, Sie bei mir zu sehen und Ihnen nützlich zu sein. Meine Dankesschuld an Sie wird dadurch noch immer nicht getilgt erscheinen." Der Prinz sah auf seine Taschenuhr und rief: „Ah! Die unerwartete Begegnung mit Ihnen hat mich länger hier aufgehalten, als ich beabsichtigt hatte. — Ich erwarte um diese Stunde die Mitglieder des Conferezrathes in meinem Palais; ich muß mich sputen!" Eugen reichte Wertheimer und Levi die Hand, nickte dem sich tief verbeugenden Markbreiter freundlich zu und verließ das Kabtnet so rasch, daß der Oberhoffaktor, den das Podogra an schnellem Gehen hinderte, ihm nicht — wie er dies gewöhnlich that, — über die Treppe bis zu seinem Wagen geleiten konnte. Fünfzehntes Kapitel. Nachdem der Prinz das Gemach verlassen, herrschte eine geraume Zeit die tiefste Stille in demselben. Rafael Levi, wie wir ihn noch immer nennen wollen, hatte soeben in rascher Aufeinanderfolge so Vielfaches und Verschiedenartiges erlebt, daß er sich bis in den Urgrund seine Seele erschüttert fühlte. Auch Perez Markbreiter war tief bewegt. Das, was er aus dem Gespräche zwischen dem Prinzen und Evas Bruder herausgehört, klang ihm so sonderbar, so unverständlich, daß er einige Minuten lang