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Der Israelit · 1892-11-24 · Heft 93 (24.11.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 93 (24.11.1892)
Date
1892-11-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1768 „Sch'moneh-Eßreh" und den Pijutim und läßt den gemischten oder ungemischten Chor singen, was ihm der Geheime-Commerzien- oder ein anderer Rath anbefohlen und bekümmert sich herzlich wenig um die sogenannten Reformen. Sind die Feiertage vorüber, dann wählt er meist diejenigen Synagogen, welche den religionsgesetzlichen Ritus erhalten und läßt die Orgel und das mannigfache Ohrengetöse in die öden Bethäuser hineintönen, so lange es dem „hohen Rath" beliebt. Wir billigen diese Kaltherzigkeit nicht, aber sie ist die Folge der dreißigjährigen Verwaltung, welche ohne Schonung über die heiligsten Gefühle der Gläubigen hinwegschritt und die fest tni Herzen des Volkes wurzelnde religiösen Institutionen zerstörte. Das Volk Israel läßt sich nicht von den Rechts- und Medizinal-Räthen eine Religion dikliren. Daß das Ziel durch Einrichtung neuer Siddurkm und Melodien Ruhmeskränze zu erwerben und sich den Dank der Mit- und Nachwelt zu erwerben, nicht erreicht wird, hätten die Herren doch wohl einsehen mögen. Ihre Abgeordneten werden ihnen wohl berichtet haben, wie diese Religionsmacherei in den öffentlichen Versammlungen beurtheilt wird. Darum scheuen sie auch das Urtheil des Volkes. Ihre Wahlversammlungen dürfen nur von Gesinnungsgenossen besucht werden, welche unbedingt der bisherigen Verwaltungspraxis zustimmen. Eine Kritik wird nicht gestattet. Wehe dem, der gleiches Recht für alle religiösen Richtungen fordert. Er wird sofort von dem schneidigen Advokaten, der die Glocke schwingt, gemaßregelt. Die Versammlungen der „Liberalen", — diesen Ehrentitel nehmen die Herren für sich in Anspruch — haben keinen weiterer! Zweck als die Orthodoxen zu bekritteln und glänzende Errungenschaften der amtirenden Majorität zu verherrlichen. Ein einträchtiges Erwägen, wie die Schäden der Zeit zu heilen, ein einmüthiges Berathen, wie die Rel i g io ns gemeinde die Religion zu schützen hat, — das wird nicht beliebt. Das Losungswort lautet: Vernichtungskampf gegen die strenggläubige Partei. Der Einfluß derselben muß auf ein Nichts herabgedrückt werden, so daß sämmtliche religiösen Institutionen der Reform angepaßt werden. Die beste Taktik wäre diesem Feldgeschrei gegenüber die Wahlenthaltung. Mögen die Herren ihre Führer ins Gemeindehaus senden und" dort rathen und thaten nach Herzenslust, bis kein Steinchen von dem herrlichen Bau zurückbleibt, mögen sie versuchen das Gotteswerk bis auf den Grund zu zerstören, ro hdti ny ny ny. Das Entsetzen vor dem angerichteten Schaden würde nicht ausbleiben, ein Grauen würde die Herren ergreifen, welche das Heil des Judenthums in der Vertreibung der gesetzestreuen Glaubensbrüder erblickten. Da das jüdische Herz noch nicht ga.iz zu schlagen aufgehört, so würden sie vor ihrem eigenen Werk erbeben; sie würden erkennen, an welchen Abgrund ihr unheilvoller Fanatismus das Judenthum geführt. Wir könnten ihnen die ganze Wahlmachination mit der Vertheilung der unbesoldeten Aemter ruhig überlassen. Wahlenthaltung wäre die geziemende Erwiederung auf die illoyalen Mittel, deren sich ein Gegner bedient, der in uns den Glaubensbruder, der mit ihm für sein Bekenntniß leidet, achten sollte. Jedoch um unserer wackern Brüder willen, die im „Eentralverein" ein mannhaftes Wort für die Bedrückten ertönen lassen, müssen wir mitziehen in den Kampf für das auf Sinai geweihte Banner. Wir dürfen die Tapfern, welche in die vordern Reihen treten, um für die tief gekränkte Ehre des Glaubens mit den Gaben ihres Geistes, mit der Gewalt ihrer Rede, mit Aufopferung ihrer Kraft einstehen; wir dürfen gegen diese verdienten Männer nicht undankbar sein. Wir müssen ihnen beiftehen, wenn es uns auch schwer fällt, gegen eine Partei zu Felde zu ziehen, die uns jede Existenzberechtigung versagt. Es kostet uns viele Ueberwindung mit einem Gegner zu kämpfen, der uns mit Hohn und Schmach bewirft, der uns schadenfroh zuruft: „Seht nur ein verschwindend kleiner THeil hat von dem Gesetz von 1886 Gebrauch gemacht." Es schmerzt uns, daß man nicht — wie wir — von dem Taktgefühl durchdrungen ist, daß in einer gehässigen Zeit, wie es die unsere ist, der lauernde Hasser ein Austreten aus der Muttergemeinde für seine Zwecke ausbeuten würde. Aber auch David, unser glänzendes Vorbild im Kampfe für das Erbgut der Gemeinde Jakobs, ergriff die Waffe, trotz des Hohnes und des Spottes, der geschleudert wurde gegen die Reihen der Kämpfer für den Namen des Herrn Zebaoth, bei dem allein das Heil ist, von dem allein wir Hilfe erbitten, den Sieg erhoffen. Berlin. Nach dem Bericht der „Dresdener Nachrichten" vom 3. d. M. erklärte Stöcker in Dresden, daß er in London auf jüdisches Anstiften habe ermordet werden sollen. Herr Lic. Gräbner richtet deßhalb an Stöcker die Fragen: „Ist es wahr, daß Sie eine derartige Aeußerung gethan haben? Falls Sie diese Anfrage bejahen: Welches sind Ihre Beweise für eine so ungeheuerliche Behauptung? Warum haben Sie der Staatsanwaltschaft keine Anzeige erstattet?" Ei, Herr Gräbner, kennen Sie denn den Stöcker nicht?

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