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Der Israelit · 1892-11-24 · Heft 93 (24.11.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 93 (24.11.1892)
Date
1892-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1767 ein Ende bereitet wird, lehnt die Sozialdemokratie es ab, ihre Kräfte im Kampfe gegen die bestehende Staats¬ und Gesellschaftsordnung durch falsche und darum wirkungslos werdende Kämpfe gegen eine Erscheinung zu zersplittern, die mit der bürgerlichen Gesellschaft steht und fällt. Die Sozialdemokratie bekämpft den Antisemitismus als eine gegen die natürliche Entwickelung der Gesellschaft gerichtete Bewegung, welche jedoch trotz ihres reaktionären Charakters und wider ihren Willen schließlich revolutionär wirkt, weil die von dem Antisemitismus gegen die jüdische Kapitalisten aufgehetzten kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Schichten zu der Erkenntniß kommen müssen, daß nicht blos der jüdische Kapitalist, sondern die Kapitalistenklasse überhaupt ihr Feind ist, und daß nur die Verwirklichung des Sozialismus sie aus ihrem sozialen Elende befreien kann. Berlin. Der „Vorwärts" schreibt: Bei den Antisemiten muß ein schauderhafter „Dalles" herrschen, die schönen Zeiten, in welchen der Goldstrom aus der Breitenstraße floß, sind eben vorüber. Für den biederen Rektor aller Deutschen wird jetzt folgendes Schnorrzirkular (hektographirt) in Berlin versandt: Berlin, im November 1892. Vertraulich! Werthe Gesinnungsgenossen! Der durch sein mannhaftes und unerschrockenes Auftreten gegen die Juden in ganz Deutschland rühmlichst bekannt gewordene Rektor Hermann Ahlwardt, der gegenwärtig seiner patriotischen Schriften wegen eine 4monatliche Gefängnißstrafe in Plötzensee verbüßt, ist im Kreise Friedeberg - Arnswalde als Reichstagskandidat aufgestellt. Es ist gegründete Hoffnung vorhanden, daß es gelingt, den wackeren Vorkämpfer für Deutschthum und Recht in den Reichstag zu bringen. Zur Wahlagitation gehört aber Geld. Um dieses zu beschaffen, haben wir, das Nützliche mit dem Guten verbindend, beschlossen, von dem bedeutensten Buche Ahlwardt's: „Der Eid eines Juden",—von dem bereits gegen 40,000 Exemplare im Buchhandel zu 1 M. abgesetzt sind welches Buch auch seinerzeit im preußischen Abgeordnetenhause im „Fall Bleichröder" eine lebhafte Erörterung gefunden und das allerorts so außerordentliche Sensation erregt hat — mehrere Tausend Exemplare an die werthen bezüglichen Vereine zur Weiterverbreitung abzugeben. Es werden geliefert: 100 Exemplare ä 40 Pfg. — 200 Expl. ä 35 Pfg. und 500 Expl. (oder mehr) L 30 Pfg. Das Buch kostet nach wie vor im Buchhandel 1 Mark. Der patriotischen Sache wegen wird um baldige und zahlreiche Bestellung ersucht. Bestellungen sind zu richten an Herrn E. A. Müller Triftstr. 47, Berlin N., unter Baareinsendung oder Postnachnahme des Betrages. Hochachtungsvoll Das Komitee. Es hat fast den Anschein, als ob ein dem Verkrachen naher Buchhändler seine alten Ladenhüter auf diese Weise an den Mann bringen wollte. Da aber „das Komitee" so eindringlich den Parteistandpunkt hevorhebt, wird sich's doch wohl um eine Parteischnorrerei handeln. Daß Ehren-Ahlwardt wegen seiner „patriotischen" Schriften zu den 4 Monat Gefängniß verurtheilt worden ist, ist uns was neues. Bisher waren wir der Ansicht, daß in Deutschland der „Patriotismus" belohnt Würde, — jetzt kommen die Antisemiten mit der Ansicht, das einer ihrer Parteigenossen wegen dieses selben „Patriotismus" ins Loch gesteckt worden ist! Wenn der „Eid eines Juden" das „bedeutendste" Buch Ahlwardt's sein soll, so ist's mit dessen Schrifstellerei nicht weit her,—dasselbe kann auf den Titel Buch überhaupt keinen Anspruch erheben. Wenn der Rektor aller Deutschen wirklich als Vertreter von Arnswalde-Friedeberg im Reichstag erscheinen sollte, so kann er Arm in Arm mit dem Alimenten-Böckel das Jahrhundert der Aufklärung in die Schranken fordern. Berlin, 23. November. Haben wir die Pflicht in die Wahlagitation einzutreten? Das ist die brennende Frage des Tages. Wenn die Strenggläubigen Berlins die Waffen rühren, so haben sie die Niederlage nicht zu fürchten. Sie können wohl majorisirt werden, der Gegner kann triumphiren, doch der gottesfürchtige Jehudi hat keine Veranlassung als Besiegter zu Weheklagen. Ehedem, vor der Begründung der hiesigen Synagogengemeinde Adaß-Jisroel — drohte bei einer etwaigen Niederlage den religiösen Institutionen die höchste Gefahr; man war nahe daran in langsamem Tempo Alles abzuschaffen, und hätte das Werk der Abbröckelung unbehindert fortgesetzt, wenn nicht durch die Gnade des hochseligen Königs Wilhelm I. der Fels erstanden wäre, an welchen die Wogen der Reform vergeblich heranbrausen. Für den Gottesdienst nach altväterlichem Gesetz ist Sorge getragen, die Religionsschule ist jedermann zugänglich, die Kaschrus-Jnstitutionen fragen nicht bei Verabfolgung von Mazzoh oder Fleisch, ob der Consument Mitglied der „Adaß" ist. Schießen die Bäume der Reform allzusehr in die Höhe, dann blüht der Garten der treugesinnten Jehudim um so herrlicher, dann eilen die Lauen und Halben und suchen ihr väterliches Erbe zu schützen. Also Furcht besiegt zu werden, schreckt uns keineswegs ab den Kampf aufzunehmen. Wir können wohl geschlagen werden, aber nicht untergehen. Eine Wahlniederlage wäre nichts weiter als eine kleine Unannehmlichkeit. Der größte Theil der Wähler ist durch die Praxis, die hier in der Gemeindeverwaltung beliebt wurde, indifferent geworden. Der Berliner Jude liebt nicht die Gluth des Kampfes, das stört viel zu sehr sein tägliches Einerlei, das in der fleißigen Arbeit für die Bedürfnisse des Lebens besteht. An den hohen Feiertagen raisonirt er wohl, daß man ihn nicht nach Väter Sitte beten läßt, er schlägt sein altes Machsor auf und erbaut sich in gewohnter Weise an der althergebrachten

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