Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1892)
- Date
- 1892-11-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1766 ihres Parteimachteinflusses und nicht etwa darum zu thun ist, dem guten Werke auch ihre thatkräftige Mitarbeit zu widmen, acquirirten sie den verflossenen Redacteur der entschlafenen „Ojczyzna", den alten Famulus des „Agudaß-Achim", zum Secretär des Executivcomites, wodurch auf einmal Beiden geholfen ward: Die Herren „Funktionäre" ersparen sich die Selbstarbeit, die ihnen im alten Geiste fix und fertig geliefert wird; für den „verdienstvollen" emeritirten Redacteur hingegen wurde auf fremde Kosten, nämlich auf Rechnung der Stiftung, ein in splendidester Weise dotirter Secretärposten creirt. Run drängt sich die'Frage auf: „Wie verhält sich alldem gegenüber das Curatorium in Wien, die Oberinstanz des Lemberger Execuüvcomites? Leider gelang es den übereifrigen Lemberger Pseudopatrioten mehrmals schon unter dem Schutzmantel verschiedener Einflüsse ihren Tendenzen und Aspirationen auch im Curatorinm selbst Geltung zu verschaffen. Roch mehr, bis zum Präsidentensitze sind diese Stürmer — diesmal planmäßig, langsam, schrittweise und zielbewußt vorgedrungen! Nach Aufzählung einiger besonders in die Augen springenden Thatsachen, welche beweisen, wie in Galizien die Grundgesetze der Gleichberechtigung aller Confesstonen den Juden gegenüber in praxi so vielfach verletzt werden, schließt die Broschüre mit einem warmen Appell zur ehrlichen Arbeit mit vereinten Kräften, vor allem auf dem Gebiete der Volkserziehung und Volksaufklärung, und meint: „Hiezu reicht jedoch eine Widmung allein von noch so vielen Millionen nicht hin, wenn derselben nicht auserwählte Männer von festem Charakter und freier tüchtiger Gesinnung, von zielbewußtem Wollen und energischer Thatkraft, ausgestattet mit gründlichem Wissen und reicher Erfahrung zur Seite stehen, Vertrauensmänner, welche es mit uns und unserem Lande aufrichtig und ehrlich meinen". Wir erlauben uns diesem Postulat noch hinzuzufügen, daß es vor allem Männer bedarf, die es mit dem Judenthum, mit dem überlieferten gesetzestreuen, also dem eigentlichen Judenthum ehrlich meinen, und diese Ehrlichkeit dadurch bekunden, daß ihr ganzes Leben in Wort und That von demselben getragen wird. Diese Kräfte müßten, wenn von einem Wirken vereinter Kräfte die Rede sein soll, in allererster Linie hinzugezogen werden, falls die geplante Volkserziehung und Volksaufklärung nicht an dem Mißtrauen der zu Erziehenden und Aufzuklärenden wie bisher kläglich scheitern soll. So aber steht die sogenannte Culturmission der Baron Hirsch-Stiftung im Dienste einer einseitigen Parteipolitik, die selbst, wenn dem „offenen Wort", das hier gesprochen wurde, Folge geleistet wird, nur eine andere Form und Richtung annähme, ohne den eigentlichen Kern zu berühren. Mit Millionen von Gulden ist hier in der That nicht allein gedient, es fehlt, daß sie in einem Sinne verwendet werden, den man kurzweg nwb d'd» bezeichnet, und daß dies geschieht, dafür fehlte unter den Händen der bisherigen Curatoren jede Garantie und dieselbe wird auch dann fehlen, wenn diese Männer im Geiste der hier vorliegenden Broschüre gewählt werden. . Daß aber das Verfehlte, Verkehrte, Zweckwidrige, ja Gefährliche und Schädliche der bisherigen Verwaltung von so competenter, eingeweihter Seite einmal öffentlich dargelegt wurde, ist als der erste Schritt einer Möglichkeit zur Abstellung dieser schweren Mißstände aufrichtig zu begrüßen. Zeitungsnachrichten «uv Correfponvenzeu. Deutschland. Berlin, 18. November. In „Berliner Tageblatt" weift der Abgeordnete Rickert die aus der Luft gegriffene Behauptung der Staatsbürger-Zeitung zurück, er hätte für die Reise in den Wahlkreis Arnswalde von den Juden 800 Mark erhalten. Rickert erklärt, er habe nicht nur nichts erhalten, sondern auch für die Unkosten der Wahl aus eigener Tasche beigetragen. Berlin, 19. Nov. Bei der Eröffnung des sozialdemokratischen Parteitags theilte zunächst Singer mit, daß auf Antrag von Bebel über diejenigen Punkte der Tagesordnung, die von der wirtschaftlichen Krise nebst deren Folgen und von der Stellung der Partei zum Antisemitismus handeln, keine Diskussion stattfinden werde. Ueber beide Gegenstände herrsche wohl allerseits Klarheit, so daß eine Abstimmung über die von dem Referenten vorgeschlagenen Resolutionen genüge. Die Resolution betreffend den Antisemitismus lautet: Der Antisemitismus entspringt der Mißstimmung gewisser bürgerlicher Schichten, die sich durch die kapitalistische Entwickelung gedrückt fühlen und zum großen Theil durch diese Entwickelung dem wirthschaftlichen Untergang geweiht sind, aber in Verkennung ihrer Lange den Kampf nicht gegen das kapitalistische Wirthschastssystem, sondern gegen eine in demselben hervortretende Erscheinung richten, die ihnen im Konkurrenzkampf besonders unbequem wird, gegendas jüd. Ausbeuterthum. (? Red. d. Jsr.) Dieser, sein Ursprung zwingt den Antisemitismus zu Forderungen, die ebenso mit den wirthschaftlichen wie politischen Entwickelungsgesetzen der bürgerlichen Gesellschaft im Widerspruch stehen, also fortschrittsfeindlich, das heißt reaktionär sind. Daher auch die Unterstützung, die der Antisemitismus vorzugweise bei Junkern und Pfaffen findet. Der einseitige Kampf des Antisemitismus gegen das jüdische Ausbeuterthum muß nothwendig erfolglos sein, weil die Ausbeutung der Menschen durch die Menschen keine speziell jüdische, sondern eine der bürgerlichen Gesellschaft eigentümliche Erwerbssorm ist, die erst mit dem Untergang der bürgerlichen Gesellschaft endigt. Da nun die Sozialdemokratie der entschiedene Feind des Kapitalismus ist, einerlei, ob Juden oder Christen seine Träger sind, und da sie das Ziel hat, die bürgerliche Gesellschaft zu beseitigen, indem sie die Umwandlung derselben in die sozialistische Gesellschaft herbeiführt, wodurch aller Herrschaft der Menschen über den Menschen, wie aller Ausbeutung des Menschen durch den Menschen