Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1892)
- Date
- 1892-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. M 93 Der Israelit. Ein Hentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Vr». Lehman» in Main -. Donnerstag, den 24. November 5653 (1892). Leitender Artikel. Hinter den Coulisseu der galizische» Baron Hirsch-Stiftung. Wien, 7. November. Zum Zweck der Beförderung des Schulunterrichts inl Königreich Galizien und Lodomorien mit dem Großfürstenthume Krakau und im Herzogthume Bukowina hat bekanntlich Herr Baron Hirsch eine Summe von zwölf Millionen bewilligt, die durch ein Curatorium in Wien verwaltet wird. Daß ein gediegener Volksunterricht für die sociale Besserstellung der Juden in den genannten Ländern ein dringendes Bedürfniß, eine unschätzbare Wohlthat ist, haben wir erst vor einigen Monaten an dieser Stelle hervorgehoben. Daß die Vertreter des orthodoxen Judenthums, zu welchem die große Mehrheit der ca. 800,000 Seelen starken jüdischen Bevölkerung Galiziens zählt, sich gegen diese Stiftung und ihre Wohlthat ablehnend verhalten, ist bekannt. So sehr auch sie die Bedeutsamkeit eines geregelten Volksunterrichts zu schätzen wissen, so steht ihnen doch das Judenthum ihrer Kinder höher. Sie fürchten, daß mit dem Volksunterricht noch vieles andere eingeschmuggelt würde, welches in hohem Grade geeignet ist, die religiöse Zukunft ihrer Kinder zu gefährden. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, welche diese Zurückhaltung als finsteren Zelotismus verdächtigten und weidlich Capital daraus gegen die jüdische Orthodoxie in Galizien schlugen. — Da erscheint nun soeben eine Broschüre, deren Verfasser eine unverkennbare Vertrautheit mit den in Rede stehenden Verhältnissen bekundet, der zudem für die Stiftung, ihre Intentionen und vor allem für den Stifter selbst, voll der wärmsten Sympathien ist, dessen Zeugniß, daß etwas faul im Staate Dänemark ist, daher wohl kaum angefochten werden kann.*) *) Der Titel lautet: Ein offenes Wort zur Präsideuten-Krisis im Curatorium der Barou Hirsch-Stiftung und eine offene Antwort auf die offene Frage, warum diese Stiftung ihren Sitz in Wien hat. Die diskreten Interna, die hier von einer der Stiftung ganz wohlwollenden Seite öffentlich ausgeplaudert werden, bedeuten eine so glänzende Rechtfertigung des Mißtrauens, welches die gesetzestreue galizische Judeuheit der ganzen Stiftung von vornherein entgegenbrachle und noch heute entgegeubringt, daß wir es uns nicht versagen können, von diesen Auslassungen nur einige im Auszuge folgen ZU lassen. „iDffeu gestanden/' heißt es daselbst, „war die Auswahl der in das ostgalizische Erccutivcomiw berufenen Mitglieder leider keine sehr glückliche, Mit wenigen Ausnahmen gebricht es den „Herren von Eornist'" an dem nöthigen Ernst für die üvernommeuc statutarische Aufgabe, au jeder Lust zur Mitarbeit. Besonders befremdlich muß es erscheinen, daß im Eomitb der Einfluß gerade Derjenigen prävalirr, denen notorisch j e d e s A e m e i ng e f ü h l für j ü d i s ch e I nte ressen völlig abgehl, die nur daun ihr jüdisches Herz zu entdecken pflegen, lveiiu es sich um Auftheilung der der Lemberger jüdischen Wählerschaft für die Stadt- oder Handelskammerrepräsentanz concedirlen Mandate handelt". Vom Allgemeinem auf Einzelheiten übergehend, hebt die Broschüre folgende charakteristische Facta hervor: 1. Bei verschiedenen Lehreranstellungen an den ostgalizischen Stiftungsschulen, welche ja zuvörderst dazu bestimmt sind, die „Eheder-iNiuder" couservativer Eltern der Schule zuzuführen, ist sehr oft nicht das Fachwissen und die Tüchtigkeit entscheidend: So z B. wurde in Stanislan an Stelle eines sehr tüchtigen Hebraisten, der den hebräischen ttrtert der heiligen Schrift in Mendelfon'scher deutscher Uebersetzuug vorgetragen, durch einen Lehrer von sehr minimalem hebräischem Wissen ersetzt, der aber dafür den Bibelterr in polnischer Uebersetzüng nach einer Missionsausgabe tradirt. 2. Bei der Concursausschreibung einer Lehrerinnenstelle an einer Fröbelschnle evmvetirte unter Anderen auch die bestgnalificirte Tochter des verstorbenen jüdischen Gelehrten K. Dieser Bewerberin ivnrde die ininderbefähigte B. vorgezogen, welche aber dafür ein hübscherem Aeußere als Empfehlung mitbrachte. Daß die Verleihung dieser Stelle als „Schönheitspreis" zu gelten habe, war in der betreffenden Evueursaumschreibung nicht erwähnt. 3. Da es unseren beanemen Würdenträgern, welche schon so viele andere öffentliche Würden ohne Bürden „leicht" tragen, hier, wie dort, nur um die Erhöhung