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Der Israelit · 1892-11-17 · Heft 91 (17.11.1892) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 91 (17.11.1892)
Date
1892-11-17
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1747 „Ich muß hier, so schreibt Hufeland, einen Hauptfehler unserer heutigen Erziehung rügen: Die physische und moralische Weichlichkeit. Ich verstehe darunter die Gewohnheit und das Vestreben, Kindern und jungen Leuten das Leben so bequem wie möglich zu machen, und allen Widerstand und Druck, alles Harte und Beschwerliche sorgfältig aus dem Wege zu räumen. Das gilt sowohl vom Physischen, als vom Moralischen. Im Physischen rechne ich dahin bequeme Meubles, Sophas und Federbetten, ein immer gleich warmes Stubenkltma, weiche, schon vorgearbeitete Speisen u. dgl. m. Im Moralischen eine zu weiche und nachgiebige Behandlung, Vermeidung aller Strenge, alles direkten Widerstandes, aller Strafen, die Methode, alles spielend zu lernen — eine große Thorheit — da es ja nicht blos darauf ankommt, daß man lernt, sondern gewiß eben so sehr, wie man es lernt, d. h., daß man zugleich die Kunst lernt, zu lernen, sich Mühe zu geben, Schwierigkeiten zu überwinden, und sichs sauer werden zu lassen. Eine solche Erziehung erzeugt Schlaffheit und Schwäche, denn nur Widerstaod bildet wahre Kraft, nur die Neberwindung von Schwierigkeiten und Mühseligkeiten gibt Selbstthäügkeit, Energie und Charakter. Ist es denn nicht unser ganzes Leben hindurch die Mühe, die Arbeit, die Widerwärtigkeit, wodurch uns das Schicksal erzieht, und unsere edelsten Kräfte, unfern Muth, unsere Erhebung über das Irdische und Gemeine ausbtldet? Es bleibt ewig wahr, was Göthe so schön sagt: „Wer nie sein Brot mit Thränen aß, „Der kennt euch nicht, Ihr himmlischen Mächte." Nun denke man sich einen jungen Menschen, der, auf solche Art erzogen, nun in die Welt tritt, wo ihm nicht nachgegeben, sondern alles sauer gemacht wird, wo seine schönsten Wünsche vereitelt und tausend Schwierigkeiten in den Weg gestellt werden. — Was wird, muß die Folge sein? Muthlosigkeit, Unzufriedenheit mit sich und der ganzen Welt, tiefes Gefühl des Unglücks, ohne Kraft es abzuändern, oder — wenn noch einige Energie da ist — Verzweiflung. Woher, jetzt fährt Hufeland fort, die vielen hypochondrischen, lebenssatten, unzufriedenen jungen Leute? — „Weil sie als Knaben keine Schläge mehr bekommen", hörte ich neulich eine verständige alte Dame sagen — und sollte sie so ganz Unrecht haben? — Man braucht nur nicht eben Schläge, sondern eine gewisse Strenge der Erziehung zu verstehen. — Man blicke um sich, und befrage die Erfahrung und die Geschichte. Die größten und kraftvollsten Menschen waren die, welche eine schwere und harte Jugend hatten." Diese Ansicht Hufelands verdient umsomehr Beachtung und Beherzigung, als derselbe der Menschheit unschätzbare Dienste und Wohlthaten erwiesen hat (Einführung der Leichenhäuser, Ausbreitung der Schutzpockenimpfung und dgl.) und auf dessen Schultern die heutige so vorgeschrittene „ärztliche Kunst" ruht; und man von einer Schrift, die eine solche Ueberschrift und den Namen eines solchen Mannes trägt, wahrlich voraussetzen darf, daß deren Verfaffer, es mit der Menschheit nur gut gemeint hat. Daß auch die Aerzte der Jetztzeit noch der Ansicht Hufelands sind, das möge folgende Stelle aus einer in neuester Zeit erschienenen Schrift beweisen. Daselbst heißt es: „Die Wichtigkeit strenger häuslicher Zucht ergibt sich aus der beachtenswerthen Thatsache, daß die meisten Insassen der Irrenhäuser einzige Kinder sind, die also durchweg die meiste Freiheit und den größten Eigenwillen haben, wogegen Sprößlinge kopfreicher Familien, die in strengerer Zucht aufwachsen, der Krankheit weit seltener verfallen." („Der Charakter", englisch von Smiles, deutsch von Rudow 1888, S. 196). Selbst die Geschichte unseres eigenen Vaterlandes, der Erziehungs- und Bildungsgang unserer eigenen Fürsten und Könige bietet uns Beweise für die Wichtigkeit strenger Erziehung. — . Die strenge „Jugend", welche Friedrich der Große hatte, ist bekannt. Wer weiß, ob nicht gerade die „Schläge" seines königlichen Vaters ihn „groß" gemacht, ihn zum Ehrentitel: „Der große Friedrich" verholfen haben. — Und daß er seinem königlichen Vater ob der strengen Erziehung nicht gram war, das beweisen folgende Aussprüche und Gedanken, die dieser Kriegs- und Geistesheld in seinen Werken niedergelegt hat. In seinen „Briefen über die Erziehung" schreibt dieser große König: „Im väterlichen Hause hindert die blinde Liebe der Eltern die nöthige Zucht der Kinder. Besonders kennen die Mütter, welche die Männer unter dem Pantoffel haben, kein anderes Erziehungsprinzip, als unbegrenzte Nachsicht. Vater und Mutter bewundern das Meisterstück, das sie zur Welt gebracht haben, und aus Furcht, der Aerger könnte der Gesundheit dieses Phönix schaden, wagt es niemand, ihn zu tadeln (nämlich die Dienstboten und der Hauslehrer.) Im 10. oder 12. Jahre wird der junge „Herr" auf eine öffentliche Schule geschickt." An einer andern Stelle schreibt er wieder: „Die Weichlichkeit der ersten Erziehung macht die jungen Leute weibisch, bequem, faul und feig. Statt den alten Deutschen zu gleichen, haben sie wahrhaftig mehr das Ansehen einer hierher verpflanzten Kolonie von Sybariten, sie vergehen im Schlamm des Müssigganges und der Unthätigkeit. Sie glauben, nur zum Vergnügen und zur Bequemlichkeit auf der Welt zu sein, und Leute ihrer Art seien der Pflicht, der menschlichen Gesellschaft nützlich zu sein, überhoben. Daher diese Ver-

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