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Der Israelit · 1892-11-17 · Heft 91 (17.11.1892) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 91 (17.11.1892)
Date
1892-11-17
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1-46 Basedow, ein Zeitgenosse Rousseaus, ein Mann auf, welcher das Bestreben zeigte, jegliche „Strafe und Strenge" aus der Schule zu verbannen und daher seine gegründete Erziehungsanstalt Philantropimnm oder „Schule der Menschenfreundlichkeit" nannte. Wie aber Rousseau mit seinen Ansichten in Uebertreibungen sich verstieg, verfiel Basedow vollends tu Lächerlichkeiten. So wußte er in seiner Schrift „Anweisung zum Lesenlernen" nichts anderes zu empfehlen, als gebackene Buchstaben zur Veranschaulichung und eine Buchstabenbäckerei in Vorschlag zu bringen. Dinter sagt: „Ich schweige von Basedow, der die Buchstaben backen ließ, vermutlich, damit sie, wie die Dünste des Weines, aus dem Magen ins Gehirne steigen möchten." (Sammlung kleiner Schriften von Dinter 1833, S. 152.) Ebenso Herder, welcher diese Anstalt einst besuchte: „Mir kommt alles schrecklich vor, wie ein Treibhaus oder ein Stall menschlicher Gänse ..." Es ist leicht einzusehen, daß die Zuflucht zu solchen Abgeschmacktheiten nur den Zweck gehabt haben konnten, sich bei den höheren vermögenden Ständen einzuschmeicheln, ihrer Bequemlichkeitsliebe zu frönen, und daß die Triebfeder seiner ganzen Erziehungsthätigkeit fast nur Eigennutz war. Selbst die Mitarbeiter und Schüler Basedows, seine unmittelbaren wie mittelbaren Schüler, sagten sich von diesen Lächerlichkeiten und Wunderlichkeiten ihres Meisters los. — Salzmann, der bedeutendste Praktiker der Basedowschen Schule (Philautropen) suchte statt durch allerlei alberne Mittel, wie sein Meister, sich selbst lächerlich zu machen, die Thorheiten und Verkehrtheiten der Eltern ins Lächerliche zu ziehen durch weisen Spott, besonders in seinem ironischen „Krebsbüchlein oder Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder", zu welcher Schrift als Seitenstück sein „Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher" sein sollte. Ebenso war der Freiherr v.Rochow, welcher als mittelbarer Schüler Basedows gelten kann, bestrebt, mehr durch Verbreitung von Aufklärung und Volksbildung die Eltern und Erzieher selbst zum Nachdenken über ihre Aufgabe bei der Kindererziehung zu erwecken. Im geraden Gegensatz zu Basedow fordert er in den Schulen militärische Pünktlichkeit, ob er gleich körperliche Züchtigung nur bei groben Vergehen gelten läßt. Die Erziehungsansichten v. Rochows verdienen umsomehr Beachtung, als seine Erziehungsbestrebungen einer durchaus uneigennützigen Gesinnung entsprangen. — Zwar ist auch Pestalozzi, der Vater der heutigen Erziehungskunst, welcher „den europäischen Schulwagen umgekehrt und in ein anderes Geleise gebracht hat", kein Freund von „Strafen" bei dem Geschäfte der Erziehung und des Unterrichts; aber er suchte dieses nicht durch äußere Mittel und Kunstgriffe entbehrlich zu machen, sondern erstrebte eine Erleichterung nur in der methodischen Anordnung des Stoffes und in der Rücksicht auf den Entwickelungsgang der kindlichen Natur. — Allein auch die Grundsätze Pestalozzis können im Grunde doch nur im „Hause", von welchem Pestalozzi bei Aufstellung seines Erziehungsplanes auch wirklich ausgegangen ist, im Kreise weniger Zöglinge, Anwendung finden; weniger ausführbar sind jedoch die Grundsätze des Altmeisters in der „Schule", im Kreise einer großen Kinderschaar. Hier dürfte es gradezu unmöglich sein, die Eigenthümlichkeit jedes einzelnen Kindes genau kennen zu lernen. Dazu gehörte in jede Schule ein „Herold der Mutterliebe und Mutterweisheit", wie es Pestalozzi gewesen ist; dazu gehörte eine Selbstverleugnung und Selbstüberwindung, wie sie nur in dem tiefen und reichen Gemüthe eines Pestalozzi sich vereinigen konnten. — Daher sehen wir auch fast überall da, wo eine größere Schülerschaar vereinigt ist, selbst von Zeitgenossen des Meisters, eine strenge, ja harte Disziplin handhaben. — (Schulen mit sogenanntem „wechseitigem" Unterricht nach Bell und Lancaster.) Besonders wird strenge Zucht in der Schule von den Schulmännern unserer Zeit betont und gefordert. So sagt Kehr: „Strenge Erziehung thut besonders in der Zeit der Gegenwart noth, in der die Jugend in Gefahr steht, der Ungebundenheit einer falschen Freiheit zum Opfer zu fallen. Der Lehrer vergesse es nie: je freier die Formen des Lebens sind, desto strenger muß die öffentliche Erziehung sein." — („Die Praxis der Volksschule" von Dr. C. Kehr.) Ein fernerer Beweis für die Wichtigkeit strenger Zucht in der Schule ist auch die auf Lehrerversammlungen immer mehr laut werdende Forderung der Lehrer an die gesetzgebenden obersten Schulbehörden um Einräumung größerer Freiheit in der Handhabung der Strafmittel in den öffentlichen Schulen. Aber auch bei der Einzel-Erziehung im „Hause" dürfte strenge Zucht nicht ganz zu verschmähen sein, wenn man bedenkt, daß der Spruch Senekas: „mm scholae sed vitae est discendum“ (Nicht für die Schule, sondern für das Leben muß man lernen) auch heute noch Wahrheit enthält. Wenn aber im „Hause" der Eltern diese Strenge etwa ans der Besorgniß vernachlässigt würde, dadurch „das Leben der Kleinen zu verkürzen", so wäre nichts besser geeignet, diesen Jrrthum der Eltern zu widerlegen, als die Ansicht des Arztes Hufeland, welche er in seiner Schrift „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern", geäußert hat.

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