Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1892)
- Date
- 1892-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage M M 91 des „Israelit“. Leitender Artikel. Arische {Malpreffe und semitische Annoncen. Auch ein Wink zur Abwehr. Von D. JK. Man redet heute so viel von der zunehmenden Entsittlichung der menschlichen Gesellschaft, von ihrer Rohheit und Verthierung, die täglich an Ausdehnung gewinnen soll. Die Wahrnehmung, daß man die Stttlichkeitsfrage in Wort und Schrift immer mehr behandelt sieht, hat zum Trugschlüsse der wachsenden Demoralisation veranlaßt, zu einem Schluffe, welcher der realen Folgerung diametral gegenüberfteht. Die Thatsache, daß man heute der Sittlichkeitsfrage ein gesteigertes Interesse entgegenbringt, darf uns nicht — wie es geschieht — auf die wachsende Demoralisation schließen lassen, sondern sie bildet im Gegentheil einen deutlichen Beleg für die immer mehr und mehr sich bahnbrechende Bildung und Aufklärung. Im selben Maße, wie sich unter den einzelnen Gliedern der menschlichen Gesellschaft der Gedanke der überhandnehmenden Schlechtigkeit Weg bahnt und Mittel und Wege zur moralischen Umkehr erörtert werden, im selben Maße müssen doch auch die Ideen der Moral Eingang gefunden haben! Wir sehen also, daß es die Sonne fortschreitender Bildung und Aufklärung ist, welche die Produkte der geistigen Finfterniß bloslegt. Wenn wir dies bedenken, dann sehen wir auch den Jrrthum jener Pessimisten ein, welche aus den immer breiter werdenden Auseinandersetzungen des Antisemitismus, jenes Parteisystems, welches der Rohheit und dem 'Fanatismus Bürgerrechte verliehen, auch auf dessen Wachsthum schließen wollen. Noch ist die Zeit so lange nicht verflossen, in welcher man, ohne auch nur von einem „Anti- Antiverein — um mit Böckel zu reden — genannt zu werden, einen Theil der bürgerlichen Gesellschaft anspeien, in Ghettos sperren und, wenn es sein mußte, auch zu Tods martern durfte. Daß man in unseren Tagen selbst minimale Ausschreitungen zum Gegenstand heftiger Discussion macht, beweist doch schon zur Genüge, wie hell die Leuchte des modernen Weltgeistes strahlen muß. Wir können diesem fortschreitenden, versöhnenden und auf die Ausgleichung aller Gegensätze bedachten Geist menschlicher Gesittung und menschlicher Nächstenliebe nicht besser zum Sieg verhelfen, ' als dadurch, daß jeder Einzelne von uns mithilft, die Faktoren, deren Macht diesen Geist in seinem Laufe hemmen wollen, zu allgemeiner Beachtung und damit zu ihrer Vernichtung, ans Tageslicht zu heben. Die Macht des Antisemitismus liegt in der Presse, nicht in der engeren, denn sie ist relativ schwach und wenig gelesen. Die Verbreitung antisemitischer Ideen ist vorzugsweise den Zeitungen zu verdanken, die durch zeitweise antisemitische Referate gua8L um der jüdischen Bevölkerung ihre Macht zu zeigen, diese zur Beibehaltung ihrer Abonnements- und Annoncenaufgaben zwingen wollen, eine Erpressung, die ihnen leider oft glückt, und für welche es weiter kein Epiteton gibt als, daß sie einfach — „antisemitisch" ist. Gefährlicher noch sind die Blätter, deren politisches Glaubensbekenntniß es vortrefflich versteht, sich, wie eine Wetterfahne, in charakterloser Weise der jeweilig herrschenden Richtung anzupassen, ohne Rücksicht, daß die früher zum Ausdruck gebrachten Ansichten den jetzigen schroff gegenüberstehen, jene Blätter, die in von konservativen Ideen beherrschten Zeitströmungen mit demselben Brustton der „Ueberzeugung" junkerliche Ideen verteidigen, wie sie in demokratisch angehauchten Perioden sich als Beschützerin „des Volkes", des geknechteten Bürgerthums geriren. Es ist nicht eine aufrichtige, wohlbedachte Ueberzeugung, für die sie eintreten und für deren Verteidigung sie Geld und Gut in die Schanzen schlagen. Den „Modekönig anzubeten", das ist ihr einziges Motiv, ihre Devise, denn „Haute uouvautös" werden viel gekauft. Heute, wo zum Tageskönig die personificirte Lüge erhoben, da hat sich diese Schmarotzerpreffe, die sich bisher immer als „gut bürgerlich" ausgegeben, nicht entblödet, dem neuen Löwen des Tages, dem Antisemitismus, ihre Referenzen zu machen. Allmählich lenkt sie ibr Redaktionsschiffletn vorsichtig in das antisemitische Schlammwasser ein, vorsichtig und allmählich so, daß im Falle einer Reaktion ein Rückrudern immer noch möglich sein soll. Erst finden wir in ihren Spalten, welche bisher das ganze Jahr keinen Artikel zu Gunsten bedrängter Juden brachten, Referate antisemitischer Versammlungen, allerdings ohne persönliche Bemerkungen der Redaktion, womit scheinbar kein unmittelbarer Angriff auf die isr. Mitbürger liegt. Die antisemitische Bevölkerung findet darin aber immerhin eine gewiffe Befriedigung und soll sie auch darin finden. Diesen Referaten folgen in späteren Nummern