Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1892)
- Date
- 1892-11-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1?34 einige aus dem Zusammenhang gerissene, in dieser Fassung confessions-und rassenverhetzend scheinende Artikel liberaler Blätter, natürlich mit Quellenangabe. Daß dies zur Selbstvertheidigung herangezogene Referat des freisinnigen Blattes aber erst aus seiner Fassung gerissen werden mußte, um den antisemitischen Charakter zu erhalten, welchen der Herr Redakteur des Lokalblattes benöthtgt, um damit die Berechtigung seines in Aussicht stehenden antisemitischen Berichtes zu zeigen, das ist natürlich — Redaktiongeheimniß. Durch dieses saubere Verfahren soll Doppeltes erreicht werden. Die jüdischen Leser und Abonnenten erhält man sich, indem man sie über den „antisemitischen" Charakter hinwegtäuscht und bet den für die antisemitische Sache Empfindlichen geben diese Artikel vorzügliches Material, Abonnentenpropagandazutreiben. Wenn es wahr ist, daß der Dieb, welcher die Nacht zur Ausübung seiner Diebstähle wählt, härter zu bestrafen ist, als der, welcher die Tageszeit zur Ausführung des gleichen Frevels benützte, dann genießen die Blätter, welche uns so über ihren wahren Character hinwegtäuschen, sich uns gegenüber persönlich als Menschenfreunde ausgeben, während sie im Verborgenen die Menschenrechte mit vergifteten Pfeilen beschießen, den Vorzug, im edlen Wettstreite mit den unverfälscht arischen Organen die gefährlicheren Feinde zu repräsentiren. Welch eine Summe bodenloser Gemeinheit und Feigheit fleckt in dem Gebühren dieser Presse, solange den „Reservirten" zu spielen, bis das Umsichgreifen der antisemitischen Seuche ihr den Beleg liefert, daß man ohne geschäftliches Risiko die mit „unparteiischem" Stoffe bereits beackerten Spalten von nun an ausschließlich mit solchem Lesestoff versehen kann, der sämmtltch mit christlich-sozialen Weihrauch durchduftet ist. Wenn diese Presse thatsächlich von der relativ höheren Schlechtigkeit unserer jüdischen Mitbürger überzeugt sein will, — was wir, nebenbei gesagt, selbst von den bissigsten Antisemiten nicht glauben — warum gibt sie ihrer „Ueberzeugung" erst in dem Augenblicke Raum, wo das pekuniäre Risiko solcher Aeußerungen ein unbedeutendes ist und wo man für auffallende semitische Reclamen leicht einen Ersatz von solchen Finanziers erhält, die der erstaunten Mitwelt „Böckel-Käse recht warm" empfehlen oder die „antisemitisches Sauerkraut" inseriren?*) Die bewußten Herren Redakteure wissen, daß ein vorzeitiges Hervortreten mit der antisemitischen Generalstabskarte gefährlich und gefahrdrohend für sie sein kann, kann ja immerhin die verhetzende Agitation fehlschlagen und die Zeitung, *) Siehe Jnseratentheil des „Reichsherold", der „Deutsch- Sozialen Blätter" rc. welche vorlaut den antisemitischen Elementen ihre Sympathie gezeigt — könnte den Versuch mit ihrer Existenz zahlen müssen. Auf diese Furcht ist der zwitterliche Character der besprochenen Blätter gegründet. „Halb Fisch, halb Fleisch" stehen sie mit einem Fuße im „aufgeklärten" Lager, während der andere in das antisemitische gesetzt ist, um erforderlichen Falls ebenso leicht in das liberale zurückgezogen zu werden, als wie der erste in das antisemitische. Dieses Verschachern der politischen Preßmeinung um Geldeswerth muß jedem Deutschen, welcher Richtung er angehört, die Schamröthe ins Gesicht treiben und ihn aufs liefste anekeln. Das muß er sich sagen, sind die Leute, welche den jüdischen Mammonismus zu bekämpfen vorgeben und die um Geldeswerth ihr Heiligstes jeder Idee zur Verfügung stellen, ihr das Unantastbarste verkaufen, die „Ueberzeugung". (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin. Der Angriff, den das Junkerthum in Verbindung mit dem Antisemitismus an die verfassungsmäßige Grundlage der Gleichberechtigung im deutschen Reichs- und preußischen Staatsleben schon lange plant, soll nun eingeleitet werden. Der weitere Ausschuß des Wahlvereins der deutsch-conservativen Partei ist gestern, wie wir einem Bericht der „Bolksztg." entnehmen, zu einer neuen Sitzung zusammengetreten. Aus der Tagesordnung standen die Programmrevision und der Parteitag. Der am 20. Juni d. I. gewählten Programm- Commission hatten drei Entwürfe Vorgelegen, diejenigen der konservativen Fraktion des Abgeordnetenhauses und des Herrenhauses und des Herrenhaus-Mitgliedes Frhu. v. Durant. Die Commission trat an die ihr gestellte Aufgabe am 22. Oetober heran und hat einen Programmerweiterungs-Entwurf ausgearbeitet. Wie man einem antisemitischen Blatte schreibt, wird in dem Programmentwurf die sogenannte Judeusrage in der Weise „berührt", daß der Ausschluß der Juden von allen autoritativen Staatsämtern gefordert wird. — Damit würde natürlich, wie bereits hervorgehoben, die Grundlage des modernen Staatslebens, die in der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz besteht, beseitigt sein. Was dann heute den Inden geschieht, geschieht morgen vielleicht den Katholiken und so fort mit Grazie. Bequem wäre es ja aus alle Fälle für den adligen und sonstigen Beamten-Nachwuchs, wenn er in Bezug auf Aemterbesetzung die Concurrenz jüdischer Mitbewerber, die meistens ans der Universität sehr fleißig waren, nicht zu fürchten hätte. O e ft e r. - U n g a r. Monarchie. Aus Ungarn. Die von Seite der orthodoxen Durchführungs-Commission zur Besprechung mehrerer wichtiger Angelegenheiten angeregte Landesconferenz