Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1892)
- Date
- 1892-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1727 gefunden, weil man sich in den Geist derselben nicht vertieft habe. Der Geist der Interpellation war es nicht, die Töchter der Abgeordneten zu verunglimpfen. Abgeordneter ist der Interpellant selbst, und in der Werthschätzung dieser Würde stehen die Judenvernichter hinter keinem Mandatsträger zurück. Man darf es ihm also glauben, daß er weder den Abgeordneten, noch ihren Familien nahetreten wollte. Der Geist seiner Interpellation ist ein ganz anderer, er ist mächtig und beherrscht Manchen, der sich von demselben frei glaubt. Aber das hindert nicht, daß es trotz Allem noch Denkende genug in der Bevölkerung gibt, die noch eine Verletzung des bloßen Anstandes gegen eine Verletzung des obersten ethischen Princips abzuschätzen wissen, jenes Gesetz, welches die practische Philosophie Kant's nicht anders zu definiren weiß als die Kknderfibel, und welches lautet: „Was du nicht willst, das man dir thu', das füg' auch keinem Andern zu!" Die Geister, die so urtheilen, sind nicht immer diejenigen, die durch ein Mandat ausgezeichnet werden, schon deßwegen, weil sie es verschmähen, sich den mannigfachen Demütigungen auszusetzen, welche die Bewerbung um die Gunst des Fünfgulden-Mannes heutzutage mit sich bringt. Aber diese Denkenden lächeln auch, wenn sie klagen hören, unser Parlament sei ein armes Parlament. Wenn das kostbare Recht der Interpellation so angewend^t wird, wie es in dem Falle Schlesinger sich gezeigt hat, wenn die Bevölkerung sieht, wozu es gebraucht wird und wie seine Abnützung dahin geführt hat, daß das Abgeordnetenhaus gar nicht hört, was und worüber interpellirt wird, daß sogar die Jnterpellirenden selbst es nicht wissen, und daß auf diese Art ganz uucontrollirt der gröbste Mißbrauch getrieben werden kann, dann kann diese Klage nicht rühren. Jedes Parlamet ist so arm oder so reich, als es sich selbst macht. Zeitungsnachrichten nnd Corresporrderrzerr. Deutschland. 8. Frankfurt a. M., 13. November. Ein schwerer Gang war es, zu dem wir uns heute Morgen rüsteten; er galt Abschied zu nehmen von einem treuen Freunde und Genossen, von einem der edelsten, selbstlosesten und charakterlautersten Männer auf Weit und Breil, er galt dem im Lehren ergrauten und weit über das Weichbild unserer Vaterstadt hinaus bekannten und verehrten Israel M. Japhet das Ehrengeleit auf seinem letzten Wege zu geben. Nicht nur für seinen engeren Freundeskreis, auch für entferntere Kreise war es eine erschütternde Trauerkunde, als am vergangenen Freitag sich die Nachricht verbreitete, Japhet sei gestorben; ließ auch die schwere Krankheit, die acht Tage vorher den 75jährigen Greis plötzlich anfi»l, einen schlimmen Ausgang befürchten, war man also auf einen solchen auch nicht unvorbereitet, doch fühlte jeder einen tiefgehenden Schmerz, der die Trauerkunde vernahm; war der Verstorbene doch wie bereits in voriger Nummer erwähnt, fast 40 Jahre hier als Lehrer thätig und konnte einen großen Theil der Männer und Frauen der Religionsgesellschaft seine Schüler und Schülerinnen nennen, und wer einmal den Unterricht dieses vorzüglichen Pädagogen genossen, der hatte ihn in sein Herz geschlossen, der mußte mit kindlicher Anhänglichkeit ihm zugethan sein. So war er seinen Schülern ein liebvoüer Erzieher, der nie die Geduld verlor, stets die Rnhe bewahrte und dessen vorzügliche pädagogische Begabung ihn befähigte, sich so in die Anschauung des Kindes zu versetzen, daß sein Unterricht auch bei Schwachbegabten schöne Erfolge erzielte. Seinen Kollegen war er ein warmherziger und lieber Freund, der gern mit seiner pädagogischen Erfahrung den jüngeren, und das waren ja fast alle, beistand, und dessen tiefes und umfassendes Wissen alle zu bewundern Gelegenheit hatten; mehr aber mußten sie bei diesem Wissen die Bescheidenheit dieses Mannes bewundern. Was Wunder, daß die Kunde von seinem Tode überall mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes ausgenommen wurde. Heute morgen haben wir nun den Edlen bestattet; ein unabsehbares Gefolge geleitete die irdischen Ueberreste des greisen Lehrers, voran gleich hinter den nächsten Leidtragenden, Mitglieder der Familie, die obersten Klassen der Realschule der isr. Religionsgesellschaft nebst dem ganzen Lehrerkollegium. Auf dem Friedhofe gab zuerst der Direktor der Schule, Herr Dr. M. Hirsch '"5 in warm empfundenen Worten ein Lebensbild des Verstorbenen, der mit Begründung der Schule in dieselbe als Lehrer eingetreten und durch seinen Pflichteifer, seine Gewissenhaftigkeit, sein Lehrgeschick das Verdienst sich erworben zu der Entfaltung und glücklichen Entwickelung der Schule einen Hauptantheil beigetragen zu haben. Dann schilderte er auch die Verdienste des Verf. um die Hebung des Synagogengesanges durch seine Kompositionen, die bereits in vielen Gemeinden des In- und Auslands Eingang gefunden, und so ein unsichtbares Baud von Gemeinde zu Gemeinde bilden. Hierauf ergriff der Schwiegersohn des Verstorbenen, Herr Dr. Heinemann das Wort, der tiefbewegt, mit oft von Thränen erstickter Stimme den Heimgegangenen als Familienvater schilderte; wie er die eine Sorge hatte, jede Sorge von den Seinigen zmückzuhalteu, wie er bei schweren Schicksalsschlägen seinen Blick zu Gott wendend und in ihm sich aufrecht haltend, seine Fassung bei