Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 91 (17.11.1892)
- Date
- 1892-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1726 wäre es auch nur, um die ganze Bedeutung des der verletzten Sitte dargebrachten Sühnopfers würdigen zu können. Der Abgeordnete Schlesinger interpellirte nicht etwa darüber, daß der schmähliche Handel mit Mädchen, dieser europäische Sklavenhandel, vorkommt und daß die Staatspolizei demselben nicht wirksam zu begegnen weiß, sondern darüber, daß er, wie der Interpellant mit Entstellung der Ergebnisse des Lemberger Processes behauptet, nur von Juden betrieben werde. Der Lemberger Fall, in den unseres Erinnerns auch Leute verwickelt waren, die nicht von Abraham abstammen, war ihm nur ein Anlaß, um alle Strafprocesse der letzten Jahre, in denen Juden angeklagt waren, in Erinnerung zu bringen, auf den Czernowitzer Zollproceß, die Wadowicer Auswanderungs-Geschichte, die Lebensmittelfälschung in Bosnien, auf die verschiedenen Wucher- und Gründerprocesse hinzuweisen und daraus mit der bekannten Generaltsirung, welche die ganze Logik des Antisemitismus ausmacht, den Schluß auf die Gemeingefährlichkeit des Judenthums für die christliche Cultur zu ziehen und an die „unendliche Gefahr" zu mahnen, welche entstehe, wenn man im Glauben an die Humanität, der Entwicklung der niederen egoistischen Triebe des jüdischen Volkes die Freiheit gewähre. Es mag, gibt Herr Schlesinger großmüthig zu, „einzelne" Juden mit Trauer erfüllen, wie tief ihr Volk gesunken; aber diese Juden seien einflußlos und verschwinden in der Menge, und deßwegen hat auch seine Interpellation, wenn sie zum Schluffe kommt, den Mädchenhandel, den Lemberger Proceß und sogar die supponirten Möglichkeiten, welche Ministertöchter treffen können, vollkommen vergessen, und seine Frage betrifft gar nicht die Beseitiguug des Mädchenhandels, sondern lautet einfach und sonor: „Welche Vorkehrungen gedenkt Se. Excellenz der Herr Minister-Präsident zu treffen, damit den allgemein schädlichen Ausschreitungen des jüdischen Volkes in Oesterreich ein wirksamer Damm entgegengesetzt werde?" Von der ganzen Nichtswürdigkeit dieses Gedankenganges, von dieser empörenden Methode, aus den Verbrechen Einzelner auf die Verworfenheit einer ganzen Classe von Staatsbürgern, nenne man sie nun Volk, Confession, Stamm oder Rasse, ohneweiters zu schließen; von diesem niederträchtigen System, bei dessen Anwendung vermittelst eines einfachen Auszuges aus den statistischen Tabellen der Strafgerichte ebensogut die Gemeingesährlichkeit der Katholiken, oder der Deutschen, oder der Oberösterreicher, oder auch der Rothhaarigen oder Buckligen bewiesen werden könnte, weil so und so viele Katholiken, Deutsche, Oberösterreicher, Rothhaarige oder Bucklige in den Verbrecherlisten sich vorfinden — von alledem war, wie gesagt, in der ganzen Entrüstungsscene keine Rede. Daß Herr- Schlesinger und seine Gesinuungsbrüder mit dieser Interpellation gegen Hunderttausende makelloser Staatsbürger die iufamsten, durch nichts gerechtfertigten Insulte schleudern, das läßt das Abgeordnetenhaus und seinen Präsidenten kalt. Dagegen, daß nicht wegen, sondern nur aus Anlaß derVerurtheilung einiger Auswürflinge, an denen es in keinem Volke, in keinem Lande, in keiner Confession fehlt, das Judenthum, das jüdische Volk in Bausch und Bogen als gemeingefährlich erklärt, nicht blos der Glaube an die Humanität verhöhnt, sondern die primitivste Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird, dagegen lehnte sich Niemand auf. Aber daß Einer es wagt, die Töchter des Herrn Abgeordneten odergar — shocking! — die Töchter der Minister auf gleichem Fuß mit den Töchtern des Volks zu behandeln, das bringt die Volksvertretung aus dem Gleichgewicht, da endet ihre Geduld! Dies ist der moralische Hintergrund der Entrüstungsscene, an diesem ethischen Maßstabe will sie gemessen sein. Hätte Herr Schlesinger nur die kleine Redefigur von der Ministertochter weggelaffeu, er hätte ungerügt uud unbehelligt noch seitenlang weiter interpelliren können. Was er sagte, wurde nicht das erstemal gesagt und wird wahrscheinlich nicht das letztemal im Abgeordnetenhause gesagt sein. Und es sind durchaus nicht die Juden allein, die sich zu beklagen haben. Das Ehrabschneider: unter demSchutze der Immunität ist ein Handwerk, das manche Abgeordnete auch ohne einen Unterschied in der Confession zu machen, betreiben. Wie oft haben schon Staatsbürger christl. Confession und arischer Abstammung knirschend das Blatt aus der Hand geschleudert, das ihnen berichtete, ihr ehrlicher Name sei im Abgeordnetenhause von irgend einem „Abgeordneten", der der in Wahllotterie ein Mandat gewonnen, durch die Gosse geschleift worden! Wie Viele haben schon ohnmächtig die Faust geballt, weil sie an der Stätte, wo das Recht seine Quelle haben soll, das bitterste Unrecht haben leiden müssen uud jeder Weg ihnen verschlossen war, sich Genugthuung zu verschaffen! Und trotz aller dieser Erfahrungen hat Niemand im Abgeordnetenhause darauf aufmerksam gemacht, daß Gerechtigkeit noch höher steht als der „Anstand", daß es schwerer wiegt, wenn das große sittliche Gesetz, das in die Brust jedes Menschen geschrieben ist und welches die Grundlage der Staaten bildet, verletzt wird, als wenn Einer gegen die bloße Form der Sitte, gegen den äußerlichen „Anstand", sich vergeht. Wahrlich, Herr Schlesinger hat gar so Unrecht nicht mit dem vielbelächelten Worte, man habe nur deßhalb in seiner Interpellation eine Beleidigung