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Der Israelit · 1892-11-17 · Heft 91 (17.11.1892) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 91 (17.11.1892)
Date
1892-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXm. Jahrgang. M 91, Der Israelit. Gin Henlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann tn Mainz. Donnerstag, den 17. fRovembev 5653 (1893). Leitender Artikel. |>te Interpellation des antisemitischen Abgeordneten Schlesinger im österreichischen Abgeordnetenhause. Wien, 14. November. In der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses am vorigen Samstag hat sich ein Zwischenfall ereignet, der für die herrschende ^iv-äs-siöole-Moral zu bezeichnend ist, als daß wir nicht noch einen Augenblick bet demselben verweilen sollten. Tags zuvor, am Freitag, hatten der antisemitische Abgeordnete Schlesinger und vierzehn ebenbürtige Gesinnungsgenossen eine Interpellation eingebracht, welche, wie fast alle Interpellationen, unter Unruhe und allgemeiner Unaufmerksamkeit verlesen wurde, ohne daß irgend Jemand im Hause zugehört oder sich sonst um ihren Inhalt bekümmert hätte. Erst als das stenographische Protokoll erschien, erfuhr man, daß es sich in dieser Anfrage um den vor dem Lemberger Landesgerichte kürzlich abgeführten Strafprozeß gegen eine Anzahl von Angeklagten gehandelt hatte, die das schändliche Gewerbe trieben, verrufenen Häusern des Auslandes Mädchen aus Oesterreich, zum Theile unter falschen Vorspiegelungen, zuzuführen. Man hätte sich aber über den Gegenstand, der allerdings ernst und traurig genug ist, nicht im geringsten erhitzt, wenn nicht aus der erwähnten Quelle zugleich bekannt geworden wäre, daß der biedere Schlesinger, um seiner Interpellation mehr Nachdruck zu geben unter Anderm auch der Regierung zu erwägen empfohlen hatte, was etwa Minister empfinden würden, wenn ihre Töchter in die Hände der erwähnten Händler fielen, und „daß selbst liberale Abgeordnete ihre Töchter nicht dem Schmutze solcher Leute ausgesetzt wissen möchten." Das änderte allerdings die Sache gründlich. Zu supponiren, daß die Tochter eines Abgeordneten oder gar eines Ministers unter Umständen einmal ebenso unglücklich werden könnte, wie eine arme Magd oder Näherin — nein, das war zu viel! Ein Sturm tobte durch die Reihen der Abgeordneten, in hellen Flammen loderte die Empörung über solchen Frevel auf, und der würdige Präsident Smolka, getreu seiner Devise: „Immer langsam voran!" und seiner Methode, die Disciplinargewalt nicht früher auszuüben, als bis er die Missethaten der Redner schwarz auf weiß besitzt, ließ am nächsten Tage das Schwert der strafenden Gerechtigkeit mit seinem ganzen Gewichte auf — das stenographische Protokoll niederfallen. Der Abgeordnete Schlesinger erhielt, nachdem Alles verlesen war, was er geschrieben hatte, und Alles gedruckt war, was man verlesen hatte, einen ganz besonders entrüsteten Ordnungsruf. Der Abgeordnete Fuß, auch Einer von den höchst Moralischen, welche gegen Pflichtverletzungen keine Nachsicht kennen, wenn sie von Anderen begangen werden, überraschte das Haus mit dem charakteristischen Geständnisse, daß er die Interpellation unterschrieben habe, ohne sie gelesen zu haben, und daher keinen Theil habe an dem Frevel. Sogar der Interpellant, in dessen Partei es Regel ist, gegen parlamentarische Censuren sich völlig unempfindlich zu zeigen, fing an, demüthige Entschuldigungen zu stottern, aber was er sagte, wurde von den brandenden Wogen empörter Zwischenrufe verschlungen. Es ist jedoch zu bemerken, schreibt die „N. Fr. Pr.", deren Schilderung wir hier folgen, daß dieser ganze feierliche Act parlamentarischer Justiz ausschließlich gegen die erwähnte beispielsweise Supposition des Abgeordneten Schlesinger gerichtet war. Nur dagegen, daß bei der Tochter eines Ministers oder Abgeordneten für denkbar angenommen wurde, was bei den Töchtern des Volkes traurige Thatsache ist, kehrte sich die Empörung, darin erblickte das ganze Haus die gröblichste Verletzung von Anstand und Sitte, und dieser einmüthigen Anschauung gab Herr Smolka den stärksten ihm erreichbaren Ausdruck. Von dem sonstigen und eigentlichen Inhalte der Interpellation war nicht die Rede. Und doch verlohnt es die Mühe, auch diesen kennen zu lernen,

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