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Der Israelit · 1892-11-14 · Heft 90 (14.11.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 90 (14.11.1892)
Date
1892-11-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. Beilage ju M 90 -es „Israelit^. Leitender Artikel. Bellamy als Ersteher. Eine Geschichte aus -er Zeit nach dem deutschrussischen Kriege. IV. Auf dem großen Dampfer „Fritschia" des Norddeutschen Lloyd treffen wir Markwart wieder, wie er frischen Muthes dem vor sechshundert Jahren bereits entdeckten, aber immer noch „neue Welt" benannten Erdtheil entgegensegelt. Schon auf der Reise von Berlin nach Bremen hatte Markwart viele neue Eindrücke in sich ausgenommen, auch der Hafen mit seinen ewig wechselnden Szenerien fesselte ihn mächtig und nun erst gar das Meer, das ewig sich gleich bleibende Meer! Mögen die Menschen gut oder schlecht, klug oder thöricht, stark oder schwach sein, unbekümmert darum schleudert das Weltmeer seine Wellen gegen das Ufer und wie vor Jahrtausenden so auch heute noch wirkt sein Anblick aus den, der es das erste Mal erschauet, erhebend überwältigend, ein Bild der Unendlichkeit. Markwart hatte sich auf dem Schiffe bald heimisch gemacht, auch hier war ihm Vieles neu; so war vor allen Dingen die Schiffskost eine ganz andere, als die Kost, die er zu Hause gewöhnt war und der Wein, den er auf dem Schiffe zum ersten Male in seinem Leben zu trinken bekam, mundete ihm ganz vorzüglich. In Berlin konnte man den Wein nur noch in den Apotheken haben und auch dieser war meistens nicht gut und sehr theuer. Am Rhein und an der Mosel, am Main und an der Saar gab es zwar sehr viel Wein, so viel, daß die Winzer nach dem Worte der Bibel den alten Wein auslaufen lassen mußten, um den neuen zu bergen, aber in Berlin war Wein eine seltene Waare geworden, der Handel in diesem Artikel war, wie der Handel in fast allen Produkten gesetzlich verboten. Ja, wie die guten, alten Zeiten noch waren, da konnte jeder etwas besser situirte Berliner Bürger jeden Mittag sein Schöppchen Wein trinken, aber eines Tages entdeckte die Statistik, daß es unverhältnißmäßtg viel jüdische Weinhändler in Deutschland gebe und die deutschsoziale Partei sorgte dafür, daß ein Gesetz, das den Weinhandel verbot, für ganz Deutschland erlassen wurde. Markwart hatte mit seinen Mitreisenden schnell Bekanntschaft geschlossen. Da war unter Anderen ein früherer Führer der deutsch-sozialen Partei, der nunmehr sein Glück in der neuen Welt suchen wollte, und Markwart hatte durch den Verkehr mit diesem reichlich Gelegenheit, sich über die Fragen, die ihn in jüngster Zeit so sehr beschäftigten, zu unterrichten. Eines Tages standen Markwart und dessen neuer Bekannter, Herr Kleist, in eifrigem Gespräch begriffen, auf dem Verdeck. „Sie haben also Ihren Antisemitismus vollständig an den Nagel gehängt?" bemerkte Markwart nach längerer Pause. „So ist es, junger Freund, ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Antisemitismus für unser theures Vaterland das größte Unglück tft." „Aber es wohnen doch gar keine Juden mehr in Deutschland, wieso kann da der Antisemitismus ein Unglück sein?" „Das ist ja gerade die merkwürdige Erscheinung. Trotzdem in Deutschland keine Juden mehr sind, wird die antisemitische Partei alle Tage größer. Der Begriff Jude hat in Deutschland längst aufgehört das zu sein, was man vor 200 Jahren darunter verstanden. Jude heißt bei uns heute Jeder, der mit Erfolg gegen die bestehende Corruption und Kliquenwirthschaft kämpft und deßhalb wächst die antisemitische Partei so sehr. Alle Leute, die nicht säen, sondern nur ernten wollen, sie halten zu ihr. Darin steckt ihre Popularität. Etablirt sich irgendwo ein junger Mann mit frischer Lebenskraft, großem Fleiß und schneidiger Geschäftsführung; fängt er an, seinen Concurrenten unangenehm zu werden, jenen, die in ihrem alten Schlendrian steckend, gewohnt sind, ohne viel Arbeit reichlichen Gewinn einzuheimsen, dann hört man von allen Seiten das Geschrei: Das muß ein Jude sein oder wenigstens ein Judenabkömmling. Er wird so lange verleumdet, es wird so lange intrigutrt, bis die allmächtige Antisemitenpartei den Regierungsbefehl erwirkt hat, daß sein Geschäft geschloffen werden muß. Aber nicht nur jungen Strebern geht es so, auch reiche, vornehme Leute haben unter diesem furchtbaren Drucke zu leiden. Man sucht ihnen zu beweisen, daß ihr Vermögen von jüdischen Wucherern und sonstigen Ausbeutern stamme, und setzt ihnen so lange zu, bis sie große Summen zu Parteizwecken opfern. Mit diesem Gelde soll angeblich Propaganda für die Partei gemacht werden; in Wirklichkeit dient es aber nur dazu, einzelnen Personen, die an der Spitze stehen, den Beutel zu füllen und diesen ein Schlemmerleben zu ermöglichen. Wie einst die spanische Inquisition die besten Kräfte des Landes dem Scheiter-

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