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Der Israelit · 1892-11-10 · Heft 89 (10.11.1892) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 89 (10.11.1892)
Date
1892-11-10
Page
– (sequence 21)
Language
German
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1703 ihnen lange Jahre hindurch so viel Stoff zu täglichen Aergerniffen gegeben hatte und um dessentwillen sie mit Vergnügen einen Völkerkrieg entfacht haben würden, wenn es in ihrer Macht gelegen hätte. Joseph wurde aus der minutenlangen Träumerei, der er sich im Augenblicke der Ruhe überlassen, aufgeschreckt. Ein neuer Kranker war eingeliefert worden und erforderte seine Dienste. Die Wärter hatten ihn gebettet und Joseph trat an das Lager. Fast erschreckt fuhr er zurück, als er einen Blick auf das Antlitz des Kranken warf. War es auch durch die furchtbare Krankheit entstellt, so hatte er es doch im Augenblick wieder erkannt, denn zu lebhaft waren diese Züge in seinem Gedächtniß haften geblieben. Es war Neubert, der antisemitische Agitator, der die betrunkenen Hafenarbeiter auf seinen Vater und ihn gehetzt hatte. Welch' seltsames Verhängniß, daß dieser Mann gerade seiner Abtheilung, seiner Pflege überwiesen wurde! Dieser Mann, den er hassen — nein, den er aus dem tiefsten Grund seiner Seele verachten, verabscheuen mußte; ein Mann, der der Menschheit zur Schande gereichte, durch dessen Hingang sie nichts verlieren,konnte. Er achtete jede Ueberzeugung, auch wenn sie zu der seinen im schroffsten Gegensätze stand; aber dieser Mensch hatte bewußt gelogen, als er die unwissenden Arbeiter verhetzte, er hatte aus ekler Lust an der Hetze die durch Roth und Entbehrungen erzeugte Mißstimmung geistig Unmündiger dazu benützt, um seiner niedrigen Leidenschaft einen billigen Triumph zu verschaffen. Dieser Mann war kein Gegner, mit dem man sich mißt, sondern ein ekler Wurm, den man verächtlich zur Seite schiebt. Schon wollte Joseph Anordnungen treffen, den Kranken in eine andere Abtheilung zu bringen, als er sich anders besann. Er hatte ärztliche Pflichten zu erfüllen, gleichviel wem gegenüber. Was ging ihn die Person an? Kannte er die Andern, die sich in seiner Pflege befanden? Was hatte er danach zu fragen, ob es ehrliche Männer oder Schurken waren? Die Krankheit hatte er zu bekämpfen, von der sie befallen waren. Darin bestand einzig und allein seine Aufgabe. Nur einen Augenblick hatten diese Gedanken ihn beschäftigt — jetzt war er wieder ganz Arzt, der keine andere Empfindung hatte, als die Sorge um den Patienten, der seiner Obhut anvertraut war. Er trat an das Bett des Kranken und traf seine Anordnungen. Ein Tag später. Joseph sitzt am Lager Neuberts und beobachtet den Kranken, der schwer athmet und sich unruhig hin und her wälzt. Jetzt schlagt er die Augen aus und sein Blick trifft den jungen Arzt. Wie eine gespensterhafte Erscheinung starrt er ihn an, sein Gesicht zeigt den Ausdruck des tätlichsten Schreckens. Plötzlich stößt er einen markdurchdringenden Schrei aus. „Fort . .. fort mit dem Inden, er will mich ermorden .. Joseph beugt sich über ihn und sagte beruhigend: „Erregen Sie sich nicht, ich bin Ihr Arzt und will Ihnen Hilfe bringen." „Hilfe? Sie? . . . Das glaube ich nicht. Lassen Sie mich, ich will fort . . Er springt auf und will fliehen, aber vor dem Bett bricht er zusammen. Einige Krankenwärter eilen hinzu, um den Erregten zu bewältigen. „Noch einmal, beruhigen Sie sich, Sie sind hier in den besten Händen", sagte Joseph. „Diese Männer werden Ihnen bestätigen, daß ich Ihr Arzt bin. Ich hege keinen Groll gegen Sie und werde Alles aufbieten, um Sie gesund zu machen. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, daß Ihre Genesung wahrscheinlich ist". Neubert blickt Joseph an; tief, durchdringend versenken sich seine Blicke in diejenigen des jungen Arztes und allmählich schwindet der erregte Ausdruck seines Gesichtes, er wird ruhig und sinkt ermattet in die Kiffen zurück. Joseph bleibt an seinem Lager und hält die Hand des Kranken in der seinen. So vergehen zehn Minuten. Der Kranke hat die Augen geschlossen und athmet ruhig. Da fühlt Joseph einen leichten Druck seiner Hand. Bald darauf verkünden tiefe Athemzüge, daß Neubert schläft. Joseph kann jetzt seine Dienste anderen Kranken widmen. Erst in einer Stünde wird Neubert seiner wieder bedürfen. Nach kurzem Schlummer fährt Neubert wieder in die Höhe. Unruhige Traumbilder haben ihn gequält. Er sah sich in der Hafenstraße unter den wüthenden Arbeitern, die den alten, greisen Juden blutig schlagen und Joseph die Kleider vom Leibe reißen. Im nächsten Moment schon hat sich die Situation geändert. Er befindet sich in einer anderen Straße und stürzt plötzlich zusammen. Man hebt ihn auf, legt ihn in einen Wagen und fährt ihn nach dem Hospital. Joseph, des alten Juden Sohn, ist ihm gefolgt mit drohend geballten Fäusten, er sucht ihm zu entfliehen, aber der Verfolger ist ihm immer auf den Fersen und jetzt . . . jetzt steht er vor seinem Bett und beugt sich über ihn, um ihn zu erwürgen .... Mit einem Schrei fährt Neubert empor. Vor ihm steht der Krankenwärter, der ihm Eis reicht. „Wo ist er . . . der Jude?" stammelt der Kranke. „Sie meinen den Arzt? Er wird bald wieder zu Ihnen kommen." „Um mich zu tödten?" „Schon wieder diese wilde Phantasie? Die Gesundheit wird er Ihnen wiedcrgeben, denn er ist ängstlich um Sie besorgt." „Um mich besorgt? . . Nein, das kann nicht sein . . er haßt mich, muß mich hassen . . „Sie ihun ihm Unrecht, dem guten Doktor. Er haßt weder Sie, noch irgend einen anderen Menschen. Ich weiß nicht, was zwischen Ihnen vorgefallen ist, aber die Versicherung kann ich Ihnen geben, daß er Ihnen nichts nachtragt, nicht das Mindeste. Sie hätten sehen müssen, mit welcher Aufopferung er sich Ihrer angenommen hat." Neubert blickte einige Minuten starr vor sich hin. Dann fuhr er wieder auf, wie von einer neuen Vorstellung erschreckt, und fragte; „Und was ist aus dem Alten geworden — dem Vater?" „Das weiß ich nickt — ich kenne ihn nicht . . . Doch da kommt der Doktor, fragen Sie ihn selbst." Der Krankenwärter zog sich zurück, und Joseph trat an das Bett. „Nun, ich sehe, es geht gut mit Ihnen," sagte er freundlich. „Ich hatte das erwartet, denn Ihr Fall gehört nicht zu den schwierigen. Hüten Sie sich nur vor jeder Aufregung. Wenn es Ihnen möglich ist, so schlafen Sie jetzt." Er nickte dem Kranken zu und ging. Neubert schloß gehorsam die Augen, aber schlafen — nein, das konnte er jetzt nicht. Er sah immer noch die Augen des Arztes auf sich gerichtet mit einem ruhigen gütigeu Blick. O, wenn sie doch Zorn, Haß und Verachtung ausgedrückt hätten, es wäre ihm lieber gewesen in seiner jetzigen Seelenverfasiung. Aber diese Ruhe, diese unentwegte, fast geschäftsmäßige Freundlichkeit bereitete ihm Qualen unnennbaren Seelenschmerz. Er hatte ihn angesehen, so seltsam gütig angesehen und ihm mit der Hand die Stirn gestreichelt, so sanft, so zart . . . Mußte er ihn deßhalb Haffen? Oder mußte er ihn hassen, weil der Jude ihn nicht haßte? ....

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