Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1702 und wenn das so fortgeht, können die armen Leute den Rest ihrer Habe dahingeben, um die Kosten der Desinfektionsmittel zu bestreiten, durch deren Verkauf die Juden ihre Säckel füllen. Unter solchen Umständen ist es zu begreifen, wenn hie und da die Meinung auftaucht, daß die Epidemie gar nicht die große Ausdehnung angenommen hätte, wenn ihr nicht die Wege gewissermaßen geebnet worden wären. Ich will diesem fürchtlichen Verdacht keine weitere Verbreitung geben, aber es ist schon bezeichnend für unsere Zustände, daß er überhaupt entstehen konnte — ebenso bezeichnend wie die Thalsache, daß die armen russischen Bauern sich in ihrer Verzweiflung endlich gegen die jüdischen Choleraärzte auslehnten und sich mit Gewalt von ihnen zu befreien suchten. Ja, meine Freunde, wer kann es diesen geknechteten, von den jüdischen Handelsleuten bis auf das Mark ausgesogenen elenden Menschen verdenken, wenn sie zu Gewaltthaten schritten und sich die Quacksalber mit ihren höllischen Mixturen vom Halse schafften? Waren sie doch Alle der Ueberzeugung, daß diese gefährlichen Freunde ihnen keine Hilfe, sondern Tod und Verderben brächten . . ." „Dafür verdienst Du Peitschenhiebe, elender Hetzer, infamer Schurke', unterbrach plötzlich der alte Mann den Redner mit zorniger, gellender Stimme. Er hatte die Fäuste geballt und hielt sie Neubert drohend entgegen. „Du weißt, daß wir es waren, die ausgeplündert, beraubt und geschunden worden sind . . ." Er hatte sich von Joseph losgerissen und war auf Neubert zugestürzt, der vor dem Greis angstvoll zurückwich und hinter einigen Männern Schutz suchte. „Wie, Ihr laßt es geschehen", rief der Agitator aus seiner gedeckten Stellung," daß ein Jude die Hand erhebt gegen einen Eurer Freunde, daß er sich erfrecht, ihn zu bedrohen und zu beschimpfen?" Es hätte dieser Vorhaltung nicht bedurft, denn schon hatten sich die Ersten auf den vor Aufregung und Erbitterung fast tobenden alten Mann gestürzt. Vergeblich suchte Joseph seinen Vater vor den Angreifern zu befreien, auch ihm stürzten sich mehrere Männer entgegen und nun entstand ein wildes Handgemenge, dem Neubert frohlockend, mit verschränkten Armen zusah. Wie ein unentwirrbarer Knäuel wälzte sich der Haufen der Kämpfenden in der engen Straße hin und her, und heisere, wirre Laute zeugten von der Wuth, die sich hier Luft zu machen suchte. Lange konnte der ungleiche Kampf — ein Dutzend gegen zwei Männer — nicht dauern, und so hielt es Herr Neubert für gerathen, sich etwas zurückz»ziehen, um, wenn es nöthig sein sollte, unbemerkt verschwinden zu können. Schon hatten sich einige Passanten unwillig geäußert und nach der Polizei gerufen, und jetzt kam auch ein Schutzmann in eiligem Lauf angerannt. „Was ist los?" fragte der Beamte Neubert im Vorbeieilen. „Nichts besonders", entgegnete dieser, „zwei russische Juden haben mit einigen Hafenarbeitern Krawall angefangen". Die Menge, welche die Kämpfenden umringte, machte dem Beamten Platz, der einige der Streitenden mit starker Faust zurückriß. Auf dem Pflaster lag Josephs Vater anscheinend leblos. Aus einer Kopfwunde floß Blut und rann über das Gesicht und den weißen Bart. Auch Joseph war verwundet, aber noch hielt er sich aufrecht. Tie Kleider hingen ihm in Fetzen vom Leibe. Neubert wagte sich jetzt wieder heran. In demselben Augenblick öffnete der Greis die Augen, und seine Blicke begegneten denjenigen Neuberts mit einem Ausdruck tätlichen Haffes. Er erhob den Arm und streckte ihm die geballte Faust entgegen. Aber nur einen Moment zeigte sich das aufflackernde Leben — der Arm sank wieder zurück und die Lider schlossen sich über den glanzlosen Augen .... II. „Die Wunden haben nichts zu bedeuten", sagte Joseph, als er auf der Sanitätswache aus einem ohnmachtähnlichen Zustande erwacht war," etwas Bleiwasser wird genügen. Und der Druck im Kopfe, nun der wird morgen auch verschwunden sein." „Sie scheinen in diesen Dingen ja Bescheid zu wissen?" „Ich bin Arzt." „Ach! Und durch die Cholera zu einem unfreiwilligen Aufenthalt gezwungen, wie ich gehört habe. Aber wollen Sie während dieser Zeit denn nicht Ihre Arbeitskraft in den Dienst der Menschheit stellen?" „Ich habe mich schon vor einigeu Tagen zur Verfügung gestellt. Wenn man keinen Anstoß daran nimmt, daß ich Ausländer bin . . . „O, mau hat in diesen Zeitläufen keine Veranlassung, wählerisch zu sein. Jede Hilfe ist willkommen. Ueber das Schicksal Ihres Vaters sind Sie unterrichtet; Sie wissen, daß Sie vor der Hand nichts thun können." „Leider bin ich auf das Abwarten angewiesen. . . Wenn Sie mir behilflich sein wollen, daß mir bald eine geeignete Thätigkeit zugewiesen wird, werde ich dankbar sein, denn ich sehne mich nach Beschäftigung. Die Honorarfrage spielt keine Rolle." „Sie sind wohlhabend?" „Das nichr, aber ich will keinen Vortheil ziehen aus dem furchtbaren Unglück, das über diese Stadt hereingebrochen ist." Der Arzt warf dem jungen Manne einen warmen Blick zu und reichte ihm die Hand. „Noch heute Abend erhalten Sie Bescheid," sagte er. „Wenn es Ihnen recht ist, suche ich Sie in Ihrem Gasthause auf" . . . Schon am folgenden Tage war Joseph in einer der Cholera-Baracken thätig. Mit bewundernswerther Selbstverleugnung widmete er sich dem aufreibenden Dienst, seine Kräfte schienen zu erstarken an der großen Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. Wohl hielten die grauenvollen Vorgänge, deren Zeuge er war, sein Gemüth in beständiger Aufregung, aber sein fester Witte behielt die Herrschaft über den Körper, der allen Strapazen gewachsen blieb- Er war unermüdlich und bei aller liebevollen Sorgfalt, die er seinen Kranken widmete, ruhig und kaltblütig. Die Kollegen und Vorgesetzten, die alle ihre Pflicht in gewissenhafter Weise erfüllten, begegneten ihm mit der größten Achtung und die Herzen der Krankenwärter und Bediensteten hatte er sich im Sturme erobert. So vergingen acht Tage in der angestrengtesten Thätigkeit. Eine kurze Spanne Zeit — und doch, wie viel Elend hatte er in derselben gesehen, wie eindringlich war ihm der Menschheit ganzer Jammer vor Augen geführt worden. Wie klein und erbärmlich erschienen ihm unter diesem Eindruck die läppischen Zänkereien, die elenden Kümmernisse um geringfügige Dinge, durch die sich die Menschen das Leben in sinnloser Weise verbittern. Da lagen zwei Kranke in seiner unmittelbaren Nähe. Sie waren Beide rettungslos verloren, ihr Leben zählte nur noch nach Stunden. Der Krankenwärter kannte sie und hatte ihm von ihnen erzählt. Es waren zwei Nachbarn, ehemals gute Freunde, die durch einen Streit über einen Gartenzaun auseinandergekommen waren. Jeder erhob Eigenthumsansprüche auf den Zaun, und es war zu einem langwierigen Prozesse gekommen, dessen Ende jetzt noch nicht abzusehen war. Der Rechtsstreit hatte sie zu erbitterten Feinden gemacht, und es gab kein Unglück, das der eine dem andern nicht gewünscht hätte. Jetzt konnte jeder triumphiren über die Heimsuchung des andern. Aber sie triumphiren nicht und dachten nicht mehr an den Zaun, der