Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1701 nicht zu verantworten, als die Pest verheerend durch die Länder zog? Sagten sie nicht, wir hatten die Brunnen vergiftet? Haben wir nicht Kinder gemordet und Hostien geschändet? Waren wir nicht Schuld an jedem blutigen Krieg, da die Mächtigen ihn nur führen konnten, weil die reichen Juden das Geld dazu hergaben? Traf jemals ein Volk eine große wirthschastliche Kalamität, welche die Inden nicht verschuldet hatten? Und da sollten wir nicht auch für die Cholera verantwortlich gemacht werden können? Sagen die Leute denn so etwas ganz Neues, so Unerhörtes? Spinnen sie nicht einfach den Faden weiter, der seit Jahrhunderten gesponnen worden ist?" „Ich übersehe gewiß nicht das große Unrecht, das man in all' den Jahrhunderten unserm Volke angethan hat," entgegnete Joseph, „aber ich vergesse auch nicht, daß diese Greuel einer vergangenen, finstern Zeit angehören, in der man auch zallose Christen wegen eingebildeter Verbrechen der Folter und dem Scheiterhaufen überlieferte. Diese Zeiten sind, daran zweifle ich nicht, für immer vorüber. Es ist nicht möglich, daß die Geistesarbeit zahlloser Erleuchteter nicht so tiefe Spuren zurückgelassen haben sollte, um es zu verhindern, daß das Volk in seiner Gesittung um Jahrhunderte zurückgeschleudert werde. Ich glaube an den Sieg der Humanität." „Du hast ja auch die triftigsten Gründe dafür," sagte der Alte spöttisch. „Gerade jetzt hast Du sie, wo man uns mit Gewalt von unserer Scholle trieb." „Rußland ist ein barbarisch verwaltetes Land, und in den sibirischen Bergwerken schmachten zahllose Christen . . . ." „Wenn es Dich tröstet, daß unter der Grausamkeit der Menschen auch Christen leiden müssen — mir soll's recht sein. Verlange aber nicht, daß ich da mit mache, und verschone mich vor Allem mit schönen Worten wie Gesittung und Humanität. Wohin ich auch gehe und wohin ich blicke, nirgends begegnet sie mir, die hehre Gestalt der Humanität. Hundert Jahre sind es her, daß Mirabeau in der französischen Nationalversammlung unsere Menschenrechte verlangte und daß sie uns feierlich für alle Zeiten zugestanden worden sind. Das machte sich ganz schön, und Alle waren damit zufrieden, bis sich nach und nach bei Einigen kleine Bedenken eingestellten. Wie sagt doch Heine in „Atta Troll": „Ja sogar die Juden sollen Volles Bürgerrecht genießen Und gesetzlich gleich gestellt sein Allen andern Säugethieren. Nur das Tanzen aus den Märkten Sei den Juden nicht gestattet, Dies Amendement, ich mach es Im Interesse meiner Kunst, Denn der Sinn für Stil, für strenge Plastik der Bewegung, fehlt Jener Race, sie verderben Den Geschmack des Publikums." Ja, mein guter Joseph, so haben sie uns Alles gestattet, nur wenn wir tanzen wollen mit den Andern, dann klopft man uns auf die Pfoten." „Du sprichst von russischen Verhältnissen, während hier die Freiheit unserer Bewegungen nicht im Mindesten gehemmt wird." „Nicht im Mindesten. Aber wenn ich über die Straße gehe in meinem Kaftan, dann laufen mir die Buben nach und das Volk verhöhnt und schmäht mich . . ." „So lege doch Deinen Kaftan ab-" „Wenn ich einen anderen Rock anziehe, dann sagen sie, der Mauschel hat die Schöße von feiner Juppige abgeschnitten, damit man ihn nicht erkennen soll. Nein, Joseph, damit besänftigst Du den Pöbel nicht." „Das hoffe ich auch nicht. Aber ist es nöthig, daß wir uns äußerlich von der Gemeinschaft mit denjenigen ausschließen, in deren Mitte wir leben? Wozu diese eigene Kleiderordnung, die wir doch als einen Ausfluß des Kastengeistes bei Andern verdammen? Aber , das sind füglich nebensächliche Dinge, die ich jetzt nicht erörtern will. Die That soll für uns reden und uns unter den Bölkergemeinoen die Stelle sichern, die wir einzunehmen wünschen. Mit Opfermuth haben wir die Greuel und Verfolgungen vergangener Zeiten ertragen und uns eine große Kraft im Dulden erworben. — Zeigen wir nun, daß wir auch die Kraft besitzen, an der sittlichen Mission unserer Zeit Theil zu nehmen und weisen wir vor Allem die von uns ab, die uns auf diesem Wege hinderlich sind — jene Stammesgenoffen nämlich, die durch ihr Gebaren mit Recht Unwillen erwecken, auch den Unwillen des klarblickenden, vorurtheilslosen Juden. Wir wollen uns mit ganzer Kraft, mit all' der Zähigkeit, die uns durch eine Jahrhunderte lange Verfolgung eigen geworden ist, dagegen wehren, wie ein Volk von Aussätzigen behandelt zu werden, aber wir dürfen uns auch nicht als ein Volk von AuSerwählten hinstellen, das in allen seinen Gliedern makellos und ohne Fehl ist." Der Greis schüttelte den Kopf; er hatte offenbar keine Lust, die Unterhaltung weiter fortzusetzen. Die Beiden erhoben sich und traten auf die Straße. Hier war noch die Gruppe versammelt, der sie vorhin aus dem Wege gegangen waren. Es hatten sich noch einige Männer dazu gefunden, und Neubert, der Herr mit der goldnen Brille, sprach eifrig auf sie ein. „Da kommen sie ja, die russischen Juden, die uns die Cholera gebracht haben," rief einer der Männer beim Erscheinen der Beiden. „Werft sie doch in die Elbe, die Mistfinken." Joseph trat schützend vor den alten Mann, aber dieser schob ihn mit ungewohnter Kraft zur Seite und trat dem Angetrunkenen ruhig und furchtlos entgegen. „Also die Cholera hätten wir in Eure Stadt gebracht?" sagte er spöttisch. „Nun wohl wenn eS so ist, so schlagt uns doch todt. Aber wenn Ihr gerechte Leute sein, dann schlagt auch die Anderen todt, die uns hierher geschickt haben. Glaubt Ihr denn, daß wir zu unserem Vergnügen HauS und Hof im Stich gelassen und hierher gekommen sind, um uns einzuschiffcn nach einem anderen Welttheil, wo wir weder Freunde noch Bekannte haben? Warum rächt Ihr Euch nicht an den großmächtigen Herren von der russischen Regierung, wenn sie Euch durch uns die Cholera über den Hals geschickt haben? Sind wir nicht mit Geißelhieben fortgetrieben worden, als wir uns weigerten, unser Eigenthum zu verlassen?" „Recht haben Eie daran gethan, die Russen!" rief Einer aus der Menge. „Nun, wenn sie Recht gethan haben, uns hierher zu jagen, was beschwert Ihr Euch?" „Die Hälse hätten sie Euch abschneiden müssen." „Das hat Väterchen in seiner Güte nicht erlaubt," sagte der Alte sarkastisch. „Aber wenn's Euch Vergnügen macht, so könnt Ihr ja das Versäumte nachholen." Die halbtrunkenen Männer waren einen Augenblick verdutzt über diese Kaltblütigkeit, aber bald nahmen sie wieder eine drohende Haltung an. „Da seht Ihr die Frechheiten dieser Juden," rief ein baumlanger Kerl, „statt sich demüthig zu verkriechen, haben sie noch ein großes Maul." „Und freuen sich am Ende noch gar, daß sie so viel Elend über eine Stadt gebracht haben," fiel Neubert ein. „Es sind ja freilich nur Christen, die wie die Fliegen dahinsterben, denn die reichen Juden haben sich schnell genug aus dem Staub gemacht und sehen aus der Ferne mit behaglichem Schmunzeln zu, wie die Aktien der chemischen Fabriken steigen, die sie natürlich alle in ihrem Besitz haben. Hunderttausende haben sie in einigen Tagen verdient, die JsaacS und JtzigS,