Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448301--35177-2483149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Markwart konnte Brunhilden nicht Unrecht geben und so beschlossen denn die Beiden jedes seine Wege zu gehen,'sich aber in allen Lagen des Lebens treu zu bleiben und durch häufigen Briefwechsel sich von den jeweiligen Schicksalen gegenseitig zu unterrichten. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. C«itfenfen{. Eiue Geschichte aus -eu jüngsten Tagen.*) Von C. Andreas. I. . . . Fast über Nacht hatte die Stimmung in der alten, stolzen Hansastadt einen jähen Wechsel erlitten. Wie bei dem Eintritt eines gewaltigen Naturereigniffes, das die Erde in ihren Grundvesten erschüttert, die Menschen in Furcht und Grauen ihr Antlitz verhüllen, so suchten sie sich auch hier abzuwenden von dem riesigen, schreckhaften Gespenst, daplötzlich in ihrer Mitte erschienen war. Die Stätten, an welchen das Volk nach schwerer Arbeit seine kargen Vergnügungen zu suchen Pflegte, waren mit einem Male verödet, und selbst dort wo die genußfrohe Lebewelt rauschende Orgien zu feiern gewohnt war, erstarb alles Leben. Der Wandel vollzog sich schnell, unerwartet, wie bei dem Gastmahl Belsazars, als eine geisterhafte Hand in flammenden Schriftzügen geheimnißvolle Worte an die Wand geschrieben. „Das gellende Lachen verstummte zumal, Es wurde leichenstill im Saal" . . . Und draußen auf den Plätzen und in den Straßen der Stadt, wo sonst das Hasten und Treiben einer erwerbseifrigen Bevölkerung zu beobachten war, begegnete man bleichen, angstverzerrten Gesichtern. Die reichen Kaufherrn, die sonst würdevoll und stolzerhobenen Hauptes durch die Straßen schritten, schlichen in wenig imponirender Haltung ihres Weges im Stillen die Anordnungen erwägend, die sie zu treffen hatten, um so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen, die ihnen Tod und Verderben zu bringen drohte. Aengstlich, als könnte ihre Berührung ihnen Gefahr bringen, wichen sie den Arbeitergruppen aus, die sich hier und dort gebildet hatten und eifrig das große Unglück besprachen, das über die Stadt gekommen war — ein Unglück, das ihnen Noth und Elend brachte auf jeden Fall, mochten sie auch verschont bleiben von dem Schlimmsten, von der Umarmung des grausigen Gespenstes, das unsichtbar durch die Straßen huschte und in die Hauser eindrang auf geheimnißvollen Wegen. Ein Rollwagen raffelte über das Pflaster. Während er sonst reich beladen war mit Gütern aller Art, trug er diesmal eine unheimliche Last: hoch übereinander geschichtet standen die Särge, in welchen über dreißig Opfer des schwarzen Todes hinaus befördert wurden zur ewigen Ruhe. Kein Leidtragender folgte dem traurigen Zuge. Vielleicht wußten die Angehörigen der Hingeschiedenen nicht einmal, welcher Verlust sie betroffen hatte. Einige Männer blickten dem Gefährt nach. Nicht Theilnahme für die Todten war es, die ihre Aufmerksamkeit auf den trübseligen Transport hinlenkte, sondern ein Gefühl des Neides, das sie beschlich, als sie den Führer des Wagens *) Mit freundlicher Erlaubniß der Redaction entnehmen wir diese zeitgemäße Erzählung der Wochenschrift „Schmach des Jahrhunderts", die wir unseren geehrten Lesern als einen vorzüglichen Genossen in der Bekämpfung des Antisemitismus ani gelegentlichst empfehlen. Red. d. J8r. > und die beiden Auflader so frohgemuth ihr Frühstück verzehren sahen. Die Leute hatten es dazu, sich etwas anzuthun, die verdienten jetzt Geld, heidenmäßig viel Geld, während die Anderen durch die furchtbare Seuche um Arbeit und Brod gekommen waren. An die Todten dachte Keiner. Man hatte sich an den traurigen Anblick solcher Leichentransporte in kurzer Zeit gewöhnt, und das Elend stumpft ab und ertödtet schnell jedes beffere Gefühl. Wie lange die Noth wohl anhalten würde? Und ob es dem Senat und den reichen Kaufleuten nicht einfiele, etwas für die Arbeitslosen zu thun? Waren sie denn nicht verpflichtet dazu? Hatten die Arbeiter den ganzen Jammer verschuldet, oder war es nicht vielmehr der Senat, der die Stadt nicht geschützt hatte vor dem schrecklichen Unglück? Eifrig wurden diese Fragen erörtert, und eine heftige Erbitterung bemächtigte sich der Leute. Während sie noch diskutirten, gingen zwei Herren vorüber, von denen der eine die Bemerkung fallen ließ: „Seht, da habt Ihr ja zwei von den Kerlen, die uns die Cholera ins Land gebracht haben." „Wer? Wo sind sie?" Der Herr wandte sich um und trat an die Gruppe heran. „Nun, seht Ihr denn nicht? Die da!" Er deutete auf ein seltsames Paar, das die Straße entlang kam. Ein Greis, wohl mehr von Kummer und Elend, als von der Last der Jahre gebeugt, stützte sich schwer auf den Arm eines jungen Mannes, der liebevoll um ihn besorgt war. Der Alte trug den langen Kaftan der russischen Juden, während sein jugendlicher Begleiter zwar einfach, aber modern gekleidet war. Die Beiden waren offenbar Vater und Sohn. Das gramdurchfurchte Antlitz des Greises trug den Ausdruck hoffnungsloser Lebensmüdigkeit, wenn auch hin und wieder ein Blick des Auges verrieth, daß das geistige Leben in dem morschen Körper noch nicht erloschen war. Die scharf geschnittenen Züge des jungen Mannes sprachen von trotziger Energie und geistiger Regsamkeit. Aus den dunklen Augen leuchtete ein Hang zu schwärmerischem Idealismus, der dem interessanten Gesicht einen sympathischen Zug verlieh. Der Herr hatte die den Beiden geltende Anschuldigung so laut gesprochen, daß sie von diesen gehört werden mußte. Sie achteten aber nicht darauf, sondern setzten ruhig ihren Weg fort und betraten dann ein an der nächsten Straßenecke belegenes Speisehaus. In einem Winkel des geräumigen Gastzimmers nahmen sie Platz und bestellten ein bescheidenes Mahl. „Da haben wir's also", sagte der Alte sarkastisch, „jetzt tragen wir auch die Schuld an der Cholera. Mich wundert's, daß das Wort nicht schon längst gefallen ist." „Wie Du Dich nur darüber aufregen kannst, Vater," entgegneten der junge Mann etwas unmuthig. „Wer wird sich durch ein solches Wort, das aus dem Munde eines pöbelhaften Menschen kommt, anfechten laffen." „Eines pöbelhaften Menschen?" eiferte der Alte. „Siehst Du nicht, daß er fein gekleidet war und eine goldene Brille trug?" „Gewiß sah ich das, ich kenne sogar den Mann und weiß, daß er Neubert heißt. Er ist, wie ich zufällig hörte, ein verkommener Kaufmann und gehört zu den Führern der hiesigen antisemitischen Bewegung. Man achtet nicht darauf, was ein solcher Mensch spricht, der trotz seiner guten Kleidung und der goldenen Brille zum Pöbel gehört. Ich glaube nicht einmal, daß er auf die ungebildeten Leute, an die er sich wendet, Eindruck macht." „Keinen Eindruck macht?" rief der Alte. „Joseph, sollen denn alle die Lehren, die die Geschichte unseres Volkes darbietet, wirkungslos abprallen an Deinem unseligen Optimismus? Trugen wir nicht stets die Schuld an allem Unheil, das über die Menschen hereintraf? Hatten wir es