Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 89 (10.11.1892)
- Date
- 1892-11-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Belletristische Beilage z« Nr. 8» des „Israelit". Brchodoxe.NuderrlhumÄ mJmt ■&r Leitender Artikel. Sellamy als Erzieher. Cine Geschichte aus -er Zeit nach dem deutschrussischen Kriege. III. Das Geburtsfest beim alten Becker war längst vorüber, aber die Eindrücke die Markwart auf demselben empfangen, übten auf dessen Seele eine nachhaltige Wirkung aus. Daß der Großvater alles Schlimme und jeden Uebelstand, der im deutschen Reiche herrschte, auf die Abwesenheit der Juden zurückführte, mochte ja eine Folge der Schwäche des alten Mannes sein. Aber besäße der Mann diese Schwäche, wenn nicht die „Judenreinheit" Deutschlands tiefe Furchen in das Leben des Mannes gegraben hätte? Je mehr Markwart über diesen Gegenstand nachdachte, desto klarer wurde es ihm, daß der Großvater, so sehr er auch von aller Welt deßwegen verspottet wurde, so Unrecht nicht hatte. Das Geschäft seines Vaters ging außerordentlich schlecht. Dieser war Metzger und hatte, da der Viehhandel aus Ungarn und Rußland gänzlich aufgehört, nur noch selten Gelegenheit ein Stück Vieh zu schlachten — so beschloß denn Markwart auszuwandern. In Folge des Einflusses, den sein Großvater auf ihn gewonnen hatte, wollte er ein Land aufsuchen, in welchem recht viele Juden wohnten und auf Erkundigungen erfuhr er, daß im neugegründeten Staat Jacobea in den Vereinigten Staaten die meisten Juden sich aufhalten sollen. Dort waren sie vor zweihundert Jahren, im Jahre 1892, als in Rußland die große Judenvertretbung statthatte, aus diesem Staate eingewandert und alle Fabrikarbeiter, alle Ackerbauern, alle Handwerker und Taglöhner waren in Jacobea Juden. Dagegen befanden sich der Großhandel und die Börse, die Industrie und die Presse, die größten Läden und die kleinsten Trödelbuden ausschließlich in den Händen von Ntchtjuden. In die-! sem Lande wollte Markwart sein Glück versuchen.! Thränenden Auges war er im Begriff Abschied von seiner geliebten Brunhilde zu nehmen, war aber nicht wenig überrascht, als er diese, ebenfalls in Thränen gebadet, auf dem Sopha liegen fand. „Was fehlt Dir, Geliebte", frug Markwart bestürzt? Lange Zeit konnte Brunhilde kein Wort Hervorbringen und erst nach vieler Mühe erfuhr Markwart, daß der Vater Brunhilden's wegen betrügerischen Bankrotts flüchtig geworden war. Herr von Becker hatte ein telegraphisches Nachrichten- Büreau, das sich seit zweihundert Jahren vom Vater auf den Sohn fortvererbt hatte. Das Büreau ging früher sehr gut und hatte die Familie stets glänzend ernährt. Nachdem aber die großen Weltblätter in Deutschland eines nach dem andern eingegangen waren, konnte auch das Büreau nicht länger bestehen und Becker griff zu Fälschungen, um sich und seine Familie vor Mangel zu schützen. Die Fälschungen wurden entdeckt und Becker entfloh. „Und was gedenkst Du nunmehr zu thun?" fragte Markwart theilnahmsvoll. „Ich habe an eine Freundin von mir, von der ich Dir erzählte, daß sie in Kiew eine so gute Stelle habe, telegraphirt und sie sendet mir soeben folgende Antwort." Brunhilde reichte Markwart ein auf dem Boden liegendes Telegramm. Markwart las: „Prinz Bernhardin von Gotha, regierender Fürst von Bessarabien, sucht für seine beiden ältesten Töchter schon seit längerer Zeit deutsche Erzieherin. Habe Dich empfohlen. Bist angenommen. Eile hierher. Adelgunde." „Und Du bist entschlossen, nach Kiew zu fahren?" „Was bleibt mir sonst übrig?" „Ich wandere morgen nach Amerika, gehe mit mir!" „Hast Du denn drüben eine Position?" „Rein, ich muß mir erst eine suchen." „So wäre ich Dir ja eine unerträgliche Last, während ich in Kiew einer glänzenden Karriere entgegensehe."