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Der Israelit · 1892-11-07 · Heft 88 (7.11.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 88 (7.11.1892)
Date
1892-11-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1676 „Aber, Großpapa, bist Du in der Weltgeschichte noch zurück! Weißt Du denn nicht, daß der Kupferwucher verboten ist?" Diesmal sagte Becker nicht, „da ist die Vertreibung der Juden Schuld," er seufzte nur und sagte: „Es ist merkwürdig, wir haben Rußland besiegt und die kleinen Königreiche des ehemaligen Rußland werden immer mächtiger und reicher, während unser armes Deutschland von Tag zu Tag mehr zurückschreitet. Der Handel ist verboten, die Industrie ist dem Kleinhandwerk erlegen und dieses beutet das Volk nach Kräften aus. Welche Aussichten für meine Enkel! Zum Glück weiß unser guter Kaiser Eitel III., was dem Volke fehlt, er wird bald Wandel schaffen!" (Fortsetzung folgt.) Zeitnngsnachrichten und Correspvrrderrzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 4. November. In Nr. 85 dieser Blätter erbietet sich Herr Mühlenbesitzer I. Christian zur Lieferung von Mazzenmehl, indem er sich zugleich als Lieferant der Israelitischen Religionsgesellschaft bezeichnet. Es ist selbstredend, daß die Israel. Religionsg. Mazzenmehl nicht pure von einem Müller bezieht, sondern solches nur unter einer von ihr eingesetzten Aufsicht, und nachdem die Mühle gereinigt, von ihrem Rabbiner besichtigt und für geeignet erklärt worden, Herstellen läßt. Es ist wohl kaum nöthig, etwaige Käufer hierauf aufmerksam zu machen; um jedoch jedes Mißverftändniß zu beseitigen, wird bemerkt, daß, nachdem der Bedarf der Religionsg. an Mazzenmehl gedeckt ist, die Aufseher seitens der Religionsg. zurückgezogen werden. Berlin, 31. October. Der Director der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Charlottenbürg, Dr. Leopold Löwen Herz, ist gestern an Darmverschlingung verstorben. Jni blühenden Mannesalter (im 45. Lebensjahre) stehend, nahm er in der wissenschaftlichen Welt eine hervorragende Stellung ein. Die Erfolge, die er erzielt hatte, vermag aber erst der ganz zu würdigen, der die ungewöhnlichen Schwierigkeiten kennt, mit denen der Verstorbene zu kämpfen halte, um sich einen wissenschaftlichen Bildungsgang zu ermöglichen. Aus einer achtbaren, aber dürftigen jüdischen Familie in Czarmkau (Posen), war er als Steinmetzlehrling und hinter dem Tische eines Kaufmannsladend Ihätig gewesen, ehe er cs durchsetzte, sich für die Universität vorbereiten zu dürfen. Dann endlich bezog er die Berliner Hochschule. Hier lenkte er die Aufmerksamkeit des Leiters der Sternwarte, Professor Förster, auf sich, auf dessen Anregung hin er später zum Mitglied der Normal-Aichungs- Kommission berufen wurde. In dieser Thätigkeit hatte er reichlich Gelegenheit, die Mängel kennen zu lernen, an denen die wissenschaftliche Ausgestaltung der Technik in unserem Vaterlande litt. Das machte ihn zum eifrigsten Agitator für die Idee, im Reiche ein Institut begründen zu helfen, das dieses Bedürfniß befriedigte. So entstand wesentlich unter seiner Mitwirkung die Physikalisch-Technische Reichsanstalt, welche, von Helmholtz und ihm geleitet, auch weithin im Auslande als ein Institut von vorbildlicher Bedeutung gilt. Der Einblick, bemerkt die „Jsr. Wochenschr.", der wir diese Mittheilung entnehmen, den Löwenherz innerhalb dieser Thätigkeit in der Lage der deutschen Mechaniker nach ihrer wissenschaftlichen, wie sozialen Richtung gewonnen, wurde ihm zum Ansporn, in diesen beiden Beziehungen Wesentliches für die Stellung dieses Berufes zu thun. Eine umfassende literarische Thätigkeit unterstützte ihn in der Erfüllung aller dieser Aufgaben. Aber auch in allgemein menschlicher Hinsicht, in der Förderung aufstrebender Talente, in der Unterstützung von Armen suchte Löwenyerz die Stellung, die er sich zu erwerben verstanden, nutzbar zu machen. So bedeutet sein Tod einen schweren Schlag für seinen Beruf und seine Wissenschaft, einen unersetzlichen Verlust für seine Familie, seine Freunde und den großen Kreis derjenigen, denen sein menschenfreundliches Herz so warm geschlagen hat. Er blieb in seiner hohen Stellung ein treuer Sohn seines angestammten jüdischen Glaubens. Die Beerdigung fand auf dem israelitischen Friedhofe in Weißensee unter außerordentlicher Betheiligung der Notabilitäten Berlins und unter Anwesenheit von Vertretern der Regierung — auch Staatsminister Dr. v. Bötticher war anwesend -- der Universitätsbehörden und vieler Vereine statt. Rabbiner Dr. Maybaum hielt die Trauerrede; an dem Sarge sprachen ferner noch an Stelle des durch Krankheit verhinderten Professor Dr. Helmholtz, Professor Förster, sowie die Prof. Dr. Lemann und Dr. Krüß-Hamburg. Berlin, 1. Nov. „In meinem Staate kann Jeder nach seiner Fa^on selig werden." Dieses großherzige Wort Friedrichs des Großen ist zum Regieruugprinzip der Hoheuzollern geworden, die sich stets durch religiöse Duldung auszeichneten. Auch Kaiser Wilhelm ist diesem Grundsätze treu geblieben. Er hat dies gestern aus dem Wittenberger Kirchenfeste, als er den Pokal Luther's bei der Frühstückstafel im Luthelhause zu einem Toaste auf die evangelischen Fürsten und Regierungen erhob, der Welt laut verkündet, indem er den bedeutungsvollen Satz aussprach, „daß es in Glaubenssachen keinen Zwang gebe."

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