Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1892)
- Date
- 1892-11-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Knlllge M M 88 des „Israelit". Leitender Artikel. Sellamy als Erzieher.*) Eine Geschichte ans der Zeit nach dem deutschrussischen Kriege. II. „Ich kann meine Wette noch nicht als verloren betrachten", sagte die spröde Brunhilde zu dem sie poussirendenTischnachbar, „dasThema war ein von mir schlecht gewähltes und ich hätte ja mit Bestimmtheit schon vorher wissen können, daß bei der Ballonfahrt Großpapa auf die Unternehmungslust der Juden zu sprechen kommt; deßhalb bitte ich Dich, mich noch ein anderes Thema bestimmen zu lassen; wenn auch dann Großpapa auf die Juden zurücklommt, sollst Du das Versprochene haben." „Bestimme", sagte Markwardt, der sich seiner Sache sehr sicher zu fühlen schien. „Erzähle, Großpapa, daß Du Dir einen neuen Rock hast machen lassen." Markwardt gehorchte. „Wie lange hast Du den vorigen Rock getragen?" frug der alte Becker. „Fünf Jahre." „Ja, wie die Juden noch im Lande waren, war das anders, da schaffte man sich zu jeder Saison einen neuen Anzug an." „Wie kam das?" „In allen Straßen waren große Confectionsgeschäfte, in denen man zu außerordentlich billigen Preisen fertige Anzüge erhielt, diese Geschäfte erließen große Annoncen in den Zeitungen, schickten ihre Reisenden herum und veranlaßten auf diese Weise das Publikum zum Kaufe, dieses kaufte mehr und arbeitete mehr; heute aber, wo die zünftigen Schneider die exorbitantesten Preise machen, behilft man sich eben mit einem Kleidungsstück so lange es irgend geht." „Und warum hat man eine so nützliche Einrichtung, wie die der Confectionsgeschäfte aufgehoben?" „Man behauptete, die Juden, die meistens Inhaber dieser Geschäfte waren, hätten den Schneidern zu niedrige Löhne gezahlt und selbstständige Existenzen untergraben, thatsächlich gaben sie aber Tausenden von Leuten Nahrung, die heute hungernd und bettelnd durch das Land ziehen." „Du heißest also gut, daß die Juden den Arbeitern Hungerlöhne gezahlt haben und sich von ihrem Schweiße mästeten?" „Das heiße ich durchaus nicht gut, dem Arbeitgeber mußte ein größerer Gewinn zufallen, da er fortwährend den größten Sorgen um Be¬ *) Das erste Kapitel dieser Erzählung erschien in einem kleinen Theile der Auflage unter dem Titel „Chalaumaus*. schaffung der Arbeitslöhne und um den Absatz der fabrizirten Waare ausgesetzt war, außerdem mußte er, wollte er nicht oft plötzlich untergehen, ein im Verhältniß zu seinem Unternehmen stehendes Kapital besitzen, denn viele Artikel sind der Mode oder sonstigen Veränderungen, die sie plötzlich entwerthen, unterworfen und es kam vor, daß ein solcher Fabrikbesitzer an seinen vorräthigen fabrizirten Maaren oft viele Tausende mit einem Schlage verlor. Wurden sie aber nach einem Leben voller Kämpfe und Mühen thatsächlich sehr reich, so haben sie es meistens ihren Arbeitern wieder zu Gute kommen lassen, bauten ihnen Häuser, lieferten ihnen Holz und Kohlen und sorgten in anderer Weise für sie. Doch wir verlieren uns hier in die soziale Frage, der wir ja, trotzdem sämmtliche Forderungen der deutsch-sozialen Partei bewilligt wurden, heute ferner stehen wie vor 150 Jahren. Niemals war der Unterschied zwischen Arm und Reich so groß wie heute." Die Tafel wurde aufgehoben. Markwardt hatte seine Wette glänzend gewonnen. Er zog seine Cousine in die Nische eines der hohen Fenster des Saales, um den süßen Lohn seines Sieges einzuheimsen. Inzwischen sprangen zwei andere Enkel herbei, um Großpapa Becker beim Aufstehen behilflich zu sein. Sie führten ihn sodann in sein Rauchzimmer, wo sich Becker eine lange Pfeife anzündete. Es war die einzige Pfeife die noch in Berlin existirte und die nach Becker's Tode in das Nationalmuseum wandern sollte. Die beiden Enkel Kurt und Edgar leisteten dem Alten Gesellschaft. „Nun Kurt'chen", fragte der Großvater, „wie gefällt es Dir bet Deinem Meister, dem Kupferschmied Möller? Geht das Geschäft gut?" „O ja", antwortete Kurt, „das Geschäft geht soweit recht gut, nur leidet es unter der Kalamität unter der alle Kupferschmiede leiden. Das Kupfer wird alle Tage theurer und ist schon fast so theuer, daß die Leute vorziehen, statt kupferne Keffel und Röhren Gefäße aus anderen Metallen zu benutzen." „Woher kommt das Kurt'chen? Erzeugen die Bergwerke gegenwärtig so wenig Kupfer?" „Mehr denn je, aber die Hütten geben nur Doppelwaggons von 200 Centnern ab. So viel kann aber ein Meister weder auf einmal brauchen noch bezahlen. Die Production geht deßhalb an den Jnnungsvorstand zur Detailirung, die aber rechnen sich so viele und von Jahr zu Jahr steigernde Verwaltungsspesen, daß die Preise nicht mehr zu erschwingen sind." „Aber warum kauft Ihr denn nicht das Kupfer bei dem Händler?"