Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 88 (7.11.1892)
- Date
- 1892-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448300--35145-2483116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1669 der wird „aufgeklärt", wenn er von der funkelnagelneuen Entdeckung des Dr. Ripner überrascht wird. Wer sich noch etwas Pietät gegen Gott und fein ewiges Wort bewahrt hat, den geleitet der würzige Humor des Herrn Dr. Deutsch in einen lieblichen Lustgarten, wo der Unglaube prangt, wo der allerfeinste Spott sich über die Gläubigkeit ergießt, wo der Zweifel genährt und in zartester Weise aus dem hochragenden Bau unseres göttlichen Glaubens ein Stein nach dem andern langsam und bedächtig ent. fernt wird. So handeln wohl geschulte, vorsichtige Diplomaten. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. 8. Berlin, 1. Novbr. Der Hosprediger „aller Deutschen", Stöcker, der vor Kurzem hier den Radau-Antisemitismus abgeschworen hat, hat eine Reise nach Wien gemacht, um sich dort mit den Radau-Antisemiten zu verbrüdern — wieder eine sehr merkwürdige Illustration dafür, wie Herr Stöcker sich nach der Lehre seiner Religion richtet: „Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein". Der berühmte Stempel-, Wahlzettel- und Wahrheits-Fälscher Schneider reiste dem Herrn Hosprediger a. D. einige Stationen entgegen, und als die beiden Gesinnungsgenossen in Wien eintrafen, bereiteten ihnen vier andere Antisemiten auf dem Bahnhofe einen glänzenden Empfang. Dem öffentlichen Auftreten des Herrn Stöcker steht leider die Ansteckungsgefahr als Hinderniß entgegen — nicht die Gefahr der antisemitischen Ansteckung, denn in dieser Beziehung ist Wien ohnehin verseucht, sondern die Choleragefahr. Eine für Sonnabend Abend angekündigte Versammlung, in welcher Herr Stöcker als Redner auftreten sollte, konnte in Folge des Verbotes aller öffentlichen Versammlungen während der bestehenden Choleragefahr nicht stattfinden, und deshalb war für Sonntag in Kalksburg bei Wien eine antisemitische Versammlung einberufen. Auch diese ist jedoch unter Hinweis auf die Choleragefahr verboten worden. — Es wäre wohl besser gewesen, Herrn Stöcker sprechen zu lassen. Denn man wird die Choleragefahr nun doch nur als Vorwand für die Versammlungsverbote betrachten. K. Wiesbaden. Hier gründete sich ein antisemitischer Verein unter Vorsitz des Schusters Kölsch. Angesichts dieser Thalsache müßten sich die Juden doch ganz besonders all der Handümgeu enthalten, die Antisemitismus hervorzurufen im Stande sind. Was soll man aber dazu sagen, wenn Juden selbst sich zu Schürern der antisemitischen Bewegung hergeben? So stellte gestern der jüdische Schuhhändler Herr Heinr. Heß einen Schuh in seinem Laden aus, dessen Sohle aus Pappdeckel statt aus Leder hergestellt war, mit der Unterschrift: „In Spiers Schuhbazar gekauft." Es entstand hierdurch ein Auflauf vor Spiers Laden, der eine antisemitiiche Färbung annahm und sich gegen Spier wie gegen Heß richtete. Falls sich die Mähre vom papiernen Stiefel bewahrheiten sollte, (Spier scheint bestreiten zu wollen, daß derselbe von ihm ist) so sind wir gewiß die Ersten, welche die Unreellität auf Seiten eines Juden verdammen und mit allen erlaubten Mitteln zu unterdrücken streben werden. Daß aber ein anderer Jude, statt die Sache auf gesetzlichem oder privatem Wege zur Bestrafung zu bringen, zu einem Radaumittel dieser Art greift und dem Antisemitismus solchen Brennstoff zuführt, dieses Gebühren des Herrn Heinrich Heß verdient von den übrigen Wiesbadener Juden in seiner ganzen — Noblesse gewürdigt zu werden. M. Hannover. Vor wenigen Monaten fand die Grundsteinlegung des neuen Unterrichtsgebäudes der Anstalt zur Bildung jüd. Lehrer statt. Seitdem ist der Bau der neuen Unterrichtsstätte soweit vorgeschritten, daß bereits Montag, den 7. November, dieselbe ihre Einweihung erfahren wird. Das Gebäude, an der Ohestraße gelegen, ist im modernen Stil ausgeführt und macht von außen einen sehr stattlichen Eindruck. Aber auch von innen verfehlt es seine Wirkung nicht: Die Räume sind groß und hell, so daß für Licht und Lust hinreichend gesorgt ist. Der Comfort entspricht zum größten Theile den Anforderungen der Neuzeit. Die riesigen Kellerräume sind für den Handfertigkeitsunterricht, der prächtige Garten mit seinen Gewächshäusern für den Gartenbauunterricht bestimmt. — Die eigentliche Einweihungsfeier wird in der Aula des neuen Gebäudes abgehalten und gewinnt durch den Umstand an Bedeutung, daß dieser Tag auch der Gründungstag der Anstalt ist. Abends findet im Saale „der Börse" ein Festeffen statt, an welches sich ein Festkommers anschließen wird, veranstaltet von den Schülern der Btldungsanstalt. Dresden, 4. Nov. Zwischen den sanften und den scharfen Antisemiten ist es auch hier in den letzten Tagen zu einer Auseinandersetzung gekommen. Der bekannte Dr. Bauer hatte hier in öffentlicher Versammlung den angeblich zahmen Antisemitismus Stöcker's und der Konservativen als eine Abschwenkung in das Opportunistenlager der Helldorf und Genossen bezeichnet. Die jetzt arg in der politischantisemitischen Klemme steckenden sächsischen Konservativen haben hierauf den Hosprediger a. D. als Nothhelfer kommen lassen und Herr Stöcker suchte hier gestern Abend, gewissermaßen Namens der sächsischen Konservativen, die „scharfen Antisemiten"