Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1892)
- Date
- 1892-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Huden waren, die die Bahnen bauten und warum sollte das heute nicht mehr gehen, daß sich Leute zusammenthun, um eine Ballonfahrt einzurichten?" „3a, liebe Kinder, Euch, denen der Begriff Börse, Papiere, Aktien u. s. w. völlig fremd ist, ist daS nicht so leicht zu erklären, die Affociation des Kapitals ist eine gar schwierige Sache und darin sind die Juden von uns heute noch unerreicht. Alle die großen Erfindungen der jüngsten Jahrzehnte, der lenkbare Ballon und das elektrische Zweirad, der Fernseh-Drath und die Brotbereitung aus der atmosphärischen Luft, sie alle liegen nur deßhalb brach und find nur deßhalb dem großen Publicum unzugänglich, weil man die Affociation des Kapitals heut zu Tage nicht mehr versteht. Wenn man zu Jemanden kommt und verlangt, daß er sich an einem neuen noch nicht erprobten Unternehmen mit seinem Gelde bethetltgen soll, so wird er unter tausend Fällen 999 Mal ablehnen, denn wenn die Sache schief geht, so kann er mit seinem ganzen Vermögen hängen bleiben, gründet man aber eine Aktien- Gesellschaft und bietet den Leuten die Aktien an und sagt: seht, liebe Leute, hier habe ich eine Aktie . im Werthe von M. 500 — kauft mir sie ab, mehr wie diese 500 M. könnt Ihr nicht verlieren, im günstigen Falle könnt Ihr viele Tausende gewinnen, so wird Jeder mit Freude bereit sein, eine solche Aktie zu kaufen. So haben es die Juden gemacht, und nach ihrem Beispiele noch viel mehr Christen, und wenn diese Art von Geschäften heute noch erlaubt wäre, so hätten wir heute bereits eine große Reihe von Ballonfahrt-Aktiengesellschaften und kein einziger Eisenbahnzug mit seinen Entgleisungen und sonstigen Unglücksfällen führe heute mehr durchs Land." „Diese gelehrte Auseinandersetzung verstehe wer will, ich kann sie nicht begreifen," versetzte Veit Konrad, ein anderer Enkel Beckers, „auch mir, der ich auf Wunsch Großpapa's wieder Tischler geworden, will Großväterchen immer beweisen, daß ich nur durch das Nichtvorhandensetn der Juden in meinem Geschäfte nicht recht vorwärts komme." „Gewiß, mein Kind, so ist es; als ich im Jahre 2005 meine Möbelfabrik begründete, associrte ich mich mit einem armen, aber grundehrlichen Juden, er sorgte stets für gefüllte Kassen und ich gab mich der Fabrikation der Möbel und der Ueberwachung der Arbeiter hin." „Aber wenn doch der Jude arm war," sagte Veit Konrad, „woher hatte denn der das Geld?" „Er hatte viele christliche Freunde, die es ihm geliehen hatten." „Und der Jude mußte sich erst zwischen Dich und die anderen Christen stellen, haben diese Dir denn nicht geliehen?" „Der Jude gab accepttrte Wechsel, die ja heute leider gesetzlich verboten find, sorgte für pünktliche Einlösung derselben, hielt Ordnung in den Büchern und sah stets nach, ob auch ordentlich verdient würde, damit wir unsere Fabrikation darnach reguliren konnten. Mir, als einfachem Handwerker, hätte man so große Summen nicht anvertraut und als mit der Vertreibung der Juden auch mein Compagnon auswanderte, konnte ich die Wechsel ja auch sehr bald nicht mehr einlösen, die christlichen Kapitalisten verloren ihr Geld, die christlichen Arbeiter verloren ihr Brod, der Jude zog als armer Mann nach Amerika, wo er einem Bruder von mir, einem Bierbrauer, zu enormem Reichthum verhalf. Doch Ihr kennt ja meine Geschichten bis zum Ueberdruß, ich will Euch damit nicht länger belästigen." (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu. Deutschland. Berlin, 30. Oktober. In Betreff der jüdischen Colonisation in Argenrinten findet sich in verschiedenen Blättern folgender telegraphischer Bericht aus Posen über den Besuch des F^brckbesttzers Dr. Papilsky aus Fraustadt in Posen bei Baron Hirsch: „Dr. Papilsky von hier, eine mit den russischjüdischen Verhältnissen genau vertraute Persönlichkeit, konferirte mit Baron Hirsch auf seinem Schlosse Eichhorn bei Brünn in Betreff der jüdischen Colonisation in Argentinien. Baron Hirsch entwickelte seinen neuesten Plan, nach welchem zunächst nur russisch-jüdische Landwirthe in Gruppen von je fünfzig Mann unter Führung von durch Baron Hirsch erwählten Delegirten, nach Argentinien befördert werden sollen. Die allgemeine Leitung der Colonisation in Argentinien verbleibt bei dem Obersten Goldsmidt aus London." — Dieser Bericht ist, wie Dr. Papilsky mittheilt, in seineut Inhalt nicht ganz richtig wiedergegeben. Je fünfzig russischjüdische Landwirthe vereinigen sich zu einer Gruppe, in welcher sie solidarisch für einander haftbar sind, und wählen einen Delegirten, welcher mit der von Baron Hirsch ins Leben gerufenen und unter seinem Vorsitz geleiteten Jewish-Colonisation-Association in Paris (nicht in London) kontrahirt. Sollte das Colonisationswerk in Argentinien sich in größerem Maßstabe nicht schnell genug durchführen lassen, so will Baron Hirsch die jüdische Colonisation auch in geeigneten Gebieten Nordamerikas in größerem Umfange organisiren. Berlin. Mit Herrn Stöcker geht es immer mehr abwärts. Seine sogenannte „christlich-soziale Bewegung" wird auch von konservativer und kirchlichorthodoxer Seite bereits als das erkannt und gekennzeichnet, was sie ist, und die Stimmen mehren