Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1892)
- Date
- 1892-11-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage zu M 87 des „Israelit". Leitender Artikel. SrUmny als Erzieher. Eine Geschichte aus der Zeit nach denr deutschrnssischen Kriege. Berlin im November 2092. Um unsere Erzählung richtig zu verstehen, müssen wir uns noch einmal kurz die Geschichte jener glorreichen Tage von 2070/71 vor Augen führen. Rußland hatte seinen Staatsbankerott angemeldet. Alexander der Neunte von seinem Hauptschuldner, dem Churkaiserthum Frankreich auf's Aeußerstc bedrängt, mußte, um nicht den letzten Rest seiner Habe in das Pariser Pfandhaus wandern zu sehen, dem französischen Ehurkaiser nachgeben und dem deutschen Reiche den Krieg erklären. Frankreich sollte dann Deutschland in den Rücken fallen und so der francoslavische Erbfeind zermalmt werden. Da vollbrachte der Kanzler des deutschen Reiches, Fürst von Ahlwardt, genannt der diamantene Kanzler, der Bismarck des zwanzigsten Jahrhunderts, eine geniale That; er theilte, noch bevor er die Kriegserklärungsnote Rußlands beantwortete, dieses mächtige Reich unter die Großen dieser Erde, und siehe das Unglaubliche geschah. Auch Frankreich gab sich unter der Bedingung der Zurückgabe von Elsaß-Lothringen (das Deutschland bekanntlich ja zweiJahre später gegen die ihm zugefallene Krim wieder eintauschte) mit dem Vorschlag der Theilung zufrieden und zog seine Kriegserklärung in aller Form zurück. Es ist zu bekannt, als daß wir es weiter zu erzählen brauchen, wie die verbündeten europäischen Mächte nunmehr nach Rußland marschirten und fast ohne Schwertstreich das ausgehungerte, in Lumpen gehüllte russische Heer gefangen nahmen, wie der gutmüthige kinderlose Czar widerstandlos nach Böckelshöhe bei Sonnenberg gebracht wurde, wo er ja erst im vergangenen Jahre starb. Auch über die Theilung Rußlands können wir rasch hinweggehen, da die 12 Königreiche die aus dem ehemaligen Rußland entstanden, ja jedes Kind in der Schule auswendig lernt. Wir kommen deshalb nunmehr zu unserer Erzählung. Es ist das Jahr 1974. Handel und Wandel liegen furchtbar darnieder und für Deutschland droht eine seiner schlimmsten Perioden hereinzubrechen. Wir befinden uns in Berlin. Hoftischlermeister Becker feiert heute seinen 95. Geburtstag. Kinder, i Enkel und Urenkel sind im großen Saale seines Hauses ' versammelt, um die Festmahlzeit einzunehmen. Markwart Becker führte feine schöne Cousine Brunhtlde von Miller, beide Enkel des alten Becker, zu Tisch. „Es ist in der That erstaunlich. Cousine," bemerkte Markwart, „wie Großpapa noch so geistesfrisch ist, es wird wenig Männer auf der Erde geben, die in einem solchen Alter noch so in allen Tagesfragen mitzureden im Stande sind; indeß eine gewisse Kindtschkeit macht sich auch bei ihm bemerkbar. „Und worin äußerte sich diese," fragte Brunhilde. „Du magst mit ihm anfangen, wo und was Du willst, immer wird er auf die Juden zurückkommen. Sprich mit ihm von den schlechten Zeiten, von den neuen Erfindungen oder von sonst etwas, immer wird er die Schuld daran der Vertreibung dieses Gesindels beimefsen, und obschon solches nun schon seit fast einem halben Jahrhundert nicht mehr unter uns weilt, kann er es nicht vergessen." „Du übertreibst, Markwart." „Ich übertreibe nicht, wette mit mir, um was Du willst und Du wirst sehen, daß ich Recht habe." „So bestimme Du den Preis der Wette." „Ein Kuß von Deinen Rosenlippen soll mein höchster Lohn sein-" Erröthend willigte Brunhilde ein, schon lange liebte sich das schöne Paar, aber eine Gelegenheit zur Aussprache war noch nicht vorhanden. „So befiehl, daß ich mit dem Großpapa über ein von Dir ausgewähltes Thema spreche." „So frage ihn einmal über die größte Erfindung unserer Zeit, über die des lenkbaren Luftballons; der Erfinder Pastor Brügge war ja gewiß kein Jude. „Großpapa", wandte sich nun Markwart an Herrn Becker, „wieso kommt es, daß trotzdem nun der lenkbare Luftballon schon über 20 Jahre in einer nie geahnten Vollendung erfunden ist, unsere Regierung sich nicht entschließen kann, den staatlichen Verkehr durch dieses Mittel besorgen zu lassen?" „Da ist die Vertreibung der Juden daran schuld, mein Kind, glaube nur nicht, daß, als die Eisenbahn erfunden wurde, gleich alle Regierungen sich beeilten, Eisenbahnen zu bauen, und gesagt haben, kommt her Ihr Leute, hier kauft Euch für ein paar Pfennig ein Billet und fahrt, wohin und so schnell und so bequem wie Ihr wollt, das hat lange Zeit gedauert, zuerst überließ man es der Privatinitiative, viele Privatleute fanden sich zusammen, gaben das Geld her und bauten auf eigenes Risiko die Bahnen. Erst viele Jahre später, als die Negierungen sahen, welch wichtiges Verkehrsmittel die Eisenbahn geworden, kaufte sie solche nach und nach an." „Aber Großpapa, wer sagt mir denn, daß das gerade