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Der Israelit · 1892-11-03 · Heft 87 (3.11.1892) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 87 (3.11.1892)
Date
1892-11-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1657 sich, welche dem „Dilettiren mit volkswirtschaftlichen Problemen und den staatssozialistischen Träumereien" ein entschiedenes Halt entgegenrufen. Den allerentschiedensten Protest, der bisher gegen die Vermischung von Politik und Kirche, politischer Agitation und religiöser Mission laut geworden ist, hat der durch eine Reihe von kirchlichen Broschüren vortheilhaft bekannte Lic. Mücke, Pastor in Sperenberg, erhoben in einer soeben erschienenen Broschüre, die den Titel führt: „Kaiser Wilhelm II. und sein Verhältntß zu Staat und Kirche." In derselben geht der Verfasser Herrn Stöcker wegen seiner christlich-sozialen Agitation scharf zu Leibe und geißelt die Richtung, welche die Kanzel dazu benutzt, um in agitatorischer Weise sich in die Streitfragen zwischen Arm und Reich einzumischen. Ec nennt die sozial-politische Agitation eine Anomalie, die trotz aller Volksversammlungen, Kongresse und Broschüren jetzt auch unter den gläubigen Pastoren nicht mehr Platz greifen wird, wie er denn auch die Stöckersche Berliner Stadtmission ähnlich beurtheilt, wie das ganze Stöckersche agitatorische Treiben. Auf die in Rede stehende Broschüre hatte nun der „Evangelisch-kirchliche Anzeiger", ein Organ streng positiver Richtung, vor Kurzem hingewiesen, und unter Zustimmung zu vielen Punkten derselben den kirchlichen Kreisen empfohlen. Das hat Herrn Stöcker nun derart in Harnisch versetzt, daß er in seiner Deutsch evangeltschen Kirchenzeitung jetzt gegen den Prediger Hülle — den Herausgeber des Evangelisch-kirchlichen Anzeiger — in einem Tone losgeht^ der lebhaft an denjenigen erinnert, welcher seiner Zeit auf dem Kölnischen Fischmarkt üblich war. Dem Prediger Hülle gegenüber sagte er, daß dieser, nachdem er erst vor Kurzem einen „ebenso von Gehässigkeit wie von Unwiss nheit strotzenden Artikel gegen die christlich-sozialen Ideen gebracht habe, jetzt nur durch den „Haß, der in Mücke einen überlegenen Genossen fand, zu seinem Unheil bewogen sein könne" (!). „Mückes Buch aber — so fährt er fort — kann auf den ersten Blick ledig« lich erheiternd wirken" und alles, was darin stehe, sei „durchdrungen von jener Seelenftimmung, mit welcher die Götter selbst vergebens kämpfen". Nie sei in den Kopf dieses Schriftstellers, der die politischen Pastoren in die Hölle verdamme, ein Lichtstrahl politischer Erkenntniß gefallen. Und mit solchen massiven Schimpfereien glaubt der verflossene Hofprediger einem ernsten Manne, wie dem Lic. Mücke, begegnen zu sollen, weil er sein wüstes agitatorisches Treiben gebührend geißelt. Man sieht, wohin es mit dem „neuen Luther" bereits gekommen ist. Neu - Weitzensee, 1. November. Ihre Redaetionsbemerkung, daß die Zöglinge in der hiesigen isr. Taubstummen-Anstalt allem Anscheine nach in reform-jüdischem Sinne gebildet werden, ist wohl dadurch entstanden, daß erstens der Gottesdienst an einem Sonntage ftattgefunden und zweitens, daß deutsche Gebete verrichtet wurden. Ich habe aber nur ausnahmsweise diesen Sonntag gewählt, weil nmon war und die Thora-Vorlesung stattfinden konnte. Die Gönner und Freunde der Anstalt aus Berlin, welche an der Feier theilnehmen wollten, konnten herausfahren, was doch am ersten und zweiten Tage odd und dem darauffolgenden ra® nicht sein konnte. Die Zöglinge hatten bereits am 1. und 2. Tage rraD, wobei auch Jyb und imn« nicht fehlten und roff wie immer Gottesdienst. Außerdem muß ich noch mittheilen, daß alle in der Anstalt mit Ausnahme des Portiers und feiner Familie streng irs leben. Die Sonnabende und Feiertage werden streng nach Vorschrift gehalten, während am Sonntag Vormittag unterrichtet wird. Die Barmizwo-Kinder legen, wie sichs gehört, an Wochentagen und es wird alles wie in einem echt jüdischem Hause gehandhabt. Die Knaben, welche das 13. Lebensjahr erreicht haben, werden, wie üblich, an dem auf den Geburtstag folgenden mv aufgerufen. So wurde auch ein taubstummer Knabe ru 's in der Lippmann Tauß-Synagoge aufgerufen, bei welcher Gelegenheit ich nur auf Veranlassung des Rabbiner Dr. Lippschütz eine Ansprache hielt. Betreffs der erwachsenen jüdischen Taubstummen, von denen eine große Anzahl in Berlin leben, für die weder während ihrer Schulzeit, noch heute, wo sie als Handwerker, Künstler rc. thätig find, in religiöser Beziehung gesorgt wurde, habe ich es unternommen, das Versäumte nachzuholen. Die meisten dieser sind durch die Erziehung in den christlichen Anstalten, durch ihr gesellschaftliches Leben und durch ihre bisherige Gleichgiltigkeit ihrer hörenden jüdischen Glaubensgenoffen dem Judenthume gänzlich entfremdet, sie haben darum, da sie auch einmal das Bedürfniß fühlen zu beten, oft dem christlichen Gottesdienste, welcher in einer protestantischen Kirche vom Prediger Schönberner geleitet wird, theilgenommen. In diesem Jahre zum ersten Male haben am rutpn ffto und 'riss dv auf rmine Aufforderung viele dieser Unglücklichen an dem hier stattgefundenen Gottesdienste sich betheiligt und waren beglückt darüber, daß man sich auch endlich in religiöser Beziehung ihnen zuwendet. Welche Schwierigkeiten wir in Anbetracht des mangelnden Gehöres und der Unkenntniß der hebräischen Sprache zu überwinden haben, werden Sie

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