Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1892)
- Date
- 1892-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1649 sammlungsberichte seines Organs, der „Neuen Deutschen Zeitung", finden: „Die antisemitischen Gruppen haben sich zunächst naturgemäß an das bisherige abgelehnt, jetzt aber ist der Tag gekommen, wo sie mündig sind und selbstständig handeln wollen auch gegenüber einem Stöcker, der durch seine neuerlichen Angriffe nur seinen Rückzug in das Opportunistenlager der Helldorf und Genossen maskirt." Wir überlassen unseren Lesern, das passende Eigenschaftswort für diese Aeußerungen selbst zu wählen." So das Blättchen des ergrimmten Stöcker. Der sächsische Ober-Antisemit Bauer wird's an einer noblen Antwort nicht fehlen lassen. Ja, so sind sie, die Apostel „teutscher" Sittel Wittenberg, 31. October. Aus der heute durch den Kaiser, den verbündeten evangelischen Fürsten Deutschlands und den Vertretern der freien und Hansastädten Lübeck, Bremen und Hamburg im Lutherhause zum Gedächtniß der Einweihung der hiesigen Schloßkirche vollzogenen Urkunde entnehmen wir die nachstehende alle Consessionen angehende Stelle: „Wir erwarten von allen Dienern der evangelischen Kirche, daß sie allezeit beflissen sein werden, das Volk zur Gottesfurcht, Unterthanentreue, zu herzlicher Liebe und zur Erbarmung gegen alle Mitmenschen und gegen die Andersgläubigen anzuleiten." Aus dem Zulauf, den die Redauantisemiten in Arnswalde Friedeberg bei ihren Hetzversammlungen haben, folgert die Kreuzzeitung nicht etwa, daß die konservative Partei zwischen sich und den Antisemitismus eine Scheidungslinie ziehen, sondern daß man die Juden jetzt „ohne Glacehandschuhe" anfafsen müsse. Ist das auch der Standpunkt des Herrn Stöcker? Wir sind übrigens in der Lage, dem Blatte des Herrn von Hammerstein Material zu einer wirkungsvollen Rede zu geben. In Köln sprach vor einigen Tagen der antisemitische Dr. Förster aus Berlin. Wie, kann man sich denken. Als er geendet, trat ein „früherer" Israelit, Namens Meyer auf, der nach der Rh. Ztg. folgende Rede hielt: (Ohorufe, großer Lärm.) Redner ruft: „Meine Herren, rufen Sie doch nicht oho! ich gestehe offen, daß ich hier in Bezug auf Antisemitismus andere Anschauungen als früher habe, und heute sehe ich ein, daß Ihr Schlachtruf: „Haut die Juden!" vom moralischen, vom christlichen und vom humanen Standpunkte nur gutzuheißen ist. (Allgemeines Erstaunen.) Während die Bankiers, Aktionäre, Großgrundbesitzer und Millionäre — und das sind nur Juden — in Saus und Braus leben und Austern mit Champagner genießen, muß der Mittelstand, wie auch der Referent hervorhob, sich abrackern für das tägliche Brod, und auch die breiten Masten des Volkes müssen im Schweiße ihres Angesichtes das tägliche Brod verdienen. (Rufe: Sehr richtig!) Woher kommt es nun, daß dieses Brod dem Volke so sehr vertheuert wird? Daran haben nur die Juden Schuld. (Bravo-Rufe.) Nehmen wir erstens die sogenannten Schutzzölle, wodurch jeder Bisten Brod schwer besteuert wird. Wer hat nun Jntereste an diesen Zöllen, und wer hat sie mit ins Leben gerufen? Ja, m. H., das sind z. B. die Großgrundbesitzer Fürst v. Fürstenberg, Fürst v. Aremberg, Fürst v. Thurn und Taxis, Fürst v. Bismarck; nun m. H., das sind nur Juden! (Heiterkeit.) Doch noch mehr! Wenn das Mehl einmal in Köln angekommen ist, dann wird das Kilo Brod statt der offiziellen 17 und 18 Pfg. von den Vorstandsmitgliedern der Bäcker-Innung zu 24, 25 und 26 Pfg. verkauft, und woher kommt es, daß in dieser Weise das brodkonsumirende Kölner Publikum tagtäglich um mehrere tausend Mark übers Ohr gehauen wird? Sehr einfach, m. H.! weil die Kölner Bäcker-Innung durch und durch verjudet ist! (Heiterkeit.) Wenn nicht sämmtliche Vorstandsmitglieder, wie jetzt, Juden wären, sondern ehrliche deutsche Christen, dann wäre es nicht vorgekommen, daß die Bäcker-Innung mit dem Polizeipräsidium Kölsch- Hänneschen gespielt und mit unwahren Angaben auf Kosten des Kölner Publikums um sich geworfen hätte. (Lärm; viele Stimmen: weitersprechen!) Ja, m. H.! die Juden sind nur Betrüger! Sie betrügen Staat und Gemeinde und ihre Mitbürger! Wir haben dies bei den christlichen Steuerdefraudationen in Bochum gesehen. Baare und seine Freunde, die sich zu niedrig einschätzten, sind natürlich nur Juden! Inwieweit aber an der glücklich günstigen Wendung der Beleidigungsklage Baare gegen Fusangel die Juden schuld sind, habe ich noch nicht ermitteln können! Wir haben hier in Deutschland eine sehr schöne nützliche Institution, genannt Militärismus! Daß aber diese nützliche Institution Millionen und Milliarden verschlingt und jetzt wieder extra 100 Millionen Mark auf Kosten des Volkes fordert, daran haben natürlich allein die Juden Schuld. Der Jude muß verbrannt werden!! (Heiterkeit.) Und die Soldatenmißhandlungen, die schon viel von sich reden machten und noch immer fortbestehen, würden nie Vorkommen, wenn die Vorgesetzten deutsche Christen wären; jetzt sind namentlich in Preußen, sämmtliche Offiziere und Unteroffiziere nur Juden, der Jude mutz verbrannt werden!! Der Redner hat sehr richtig betont, daß der Besitz sich immer mehr in wenige Hände konzentrirt, und in Folge dessen der Mittelstand fortwährend mehr zum sogenannten Proletariat herabsinkt. Daß aber wenige Personen auf Kosten des Volkes in Glanz und Pracht lebten und Millionen verdienen, auch daran haben natürlich nur die Juden Schuld! Der Jude muß verbrannt werden!!! Ja, es ist eine anerkannte Thatsache, daß der Grund und Boden sich immer mehr in wenige Hände konzentrirt und dieser Prozeß aus Kosten der Menschheit vor sich geht. Und wer ist nur schuld daran, daß die christliche Kirche Millionen und Milliarden an Grund und Boden und Kapital verschlingt? daran haben nur die Juden Schuld! Der Jude soll verbrannt werden!! Meine Herren! Ich befasse mich gern mit Statistiken, weil man dadurch ein klares Bild der heutigen Verhältnisse bekommen kann. Nun, die deutschen statistischen Jahrbücher beweisen deutlich, daß die Kindersterblichkeit in den Fabrikcentren eine sehr hohe ist. In vielen Industriestädten sterben in den Proletarierkreisen von 100 neugeborenen Kindern 72 und 73, bevor sie das erste Lebensjahr erreicht haben. (Rufe: Hort, hört!) Die Dummen behaupten, daß eine Regierung sofort eingreifen würde, wenn in einem Staate eine so große Sterblichkeit bei den Schweinen Vorkommen würde. Die Unausgeklärten behaupten, daß nur durch Noth und Elend und mangelhafte Ernährung gerade unter den Arbeitern so viele junge Kinder hinweggerafft werden! Doch diese An-