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Der Israelit · 1892-10-31 · Heft 86 (31.10.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 86 (31.10.1892)
Date
1892-10-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. Beilage zu M 86 des „Israelit". Leitender Artikel. Die ver — ziemliche Wirkung der antisemitischen Agitation in Hessen. Von S. Andorn. „Jst's gleich Wahnsinn, liegt doch Methode drin." Das Wort, wäre es nicht schon ein Jahrhundert alt, es könnte der antisem. Agitation des Herrn Böckel gerade auf den Leib gedichtet sein. Methodisch, das muß man zugestehen, hat Herr Böckel von vornherein die „gute Sache" betrieben. Er richtete sein Augenmerk nicht nur auf die fertigen Leute, die in der Anschauung von der Harmlosigkeit der jüdischen Mitbürger herangereift, ihm galt es ganz besonders, seine Saat bei der Jugend auszustreuen. Drum strotzten die Böckel'schen Versammlungen von halbreifen Burschen. Vor diesem gewiß nrtheilsbercchtigten Publikum brachte Herr Böckel dann nicht allein seine Klagen gegen die schlimmen, übermüthigen Semiten vor, er riß auch Landrath und Minister, überhaupt jede Autorität herunter, die nicht von vornherein geneigt war, auf die Vortrefflichkeit des antisemitischen Dogmas zu schwören, oder die seiner Verbreitung gar Widerstand entgegensetzten. Und damit nicht zufrieden, wollte Herr Böckel „Jugendbündnisse" gründen, deren Mitglieder die Juden boycottieren, deutsche Sitte und deutschen Sinn aufrecht erhalten tollten. Diese Pflege deutscher Gesittung nach antisemitischer Auffassung sollte bereits im frühesten Alter beginnen. Das Jammerblatt des Herrn Böckel brachte in spaltenlangen Leitartikeln Belehrungen für die Eltern, wie sie in ihren Kindern die Keime des Antisemitismus zu segensreicher Entfaltung bringen könnten. Die Saat ging auf. Naturgemäß richtete sich ihre erste Bewegung gegen die Juden. Die wohlklingenden Namen Böckel und Pickenbach wurden der Schlachtruf zur Verfolgung der Juden — aber auch aller semitisch dreinschauenden Nichtjuden. Ich fuhr im Sommer 1890 einmal von meinem Wohnsitze nach Kassel und konnte die erbauliche Beobachtung machen, daß auf jedem der zahlreichen Haltepunkte aus dem Munde halbwüchsiger, auf den Bahnhöfen anwesender Burschen die sehr ehrenwerthen Namen Böckels und Pickenbachs erklangen, sobald sich ein jüdisches oder für jüdisch gehaltenes Gesicht an einem Abtheilungsfenster sehen ließ. Ebenso schallten die nämlichen Rufe aus dem Innern der Wagen, sobald auf einem der Bahnhöfe ein Jude sichtbar wurde. Immer waren unreife Burschen die Thäter. Kam ein fremder Jude in ein Dorf, wurde er durch antisemitische Ständchen, mindestens aber „Nachrufe" überrascht. Die Schuljugend blieb trotz aller Mahnungen gutgesinnter Lehrer in diesen! Treiben nicht zurück! — Da zeigte sich aber, daß es noch Gerechtigkeit und Staatsanwälte in Preußen giebt. Ein Erlaß der König!. Regierung bereitete aller antis. Pädagogik ein jähes und gründliches Ende. Die Staatsanwaltschaft schritt wiederholt gegen die Anrempler der Juden ein -- und die antisem. Thaten, Lieder, Aussprüche und sonstige Ausgeburten antisemitischen Geistesüberschwangs erloschen — nicht aber die nun einmal gezüchtete antisem. Verziehung. Die Rohheit war großgezogen, sie mußte sich Luft machen. Das liebste Objekt, die Juden aber, waren durch die liebevolle Fürsorge der Staatsanwaltschaft und ihrer Organe jeder Anfechtung entrückt. Was nun? Da schlug die antisem. Gesittung der deutschen Jugend neue Bahnen ein. Sie nahm die tadellosesten Mitgermanen, soweit sie nicht Miene machten, die Ausschreitungen antisem. Jünglinge stillschweigend hinzunehmen, zum Ziele ihrer — Verehrung. Jetzt müssen sich auch mißliebige, das heißt der antisem. goldnen Jugend mißliebige, sonst höchst achtbare Bürger christlicher Konfession nächtlich Conzertc mit wunderschönen, echt antisem. Gesittung athmenden Liedchen und handgreiflicheren Unfug gefallen lassen. Doch auch unter sich weih die deutsch-anüsem. Jugend „deutschen Sinn und deutsche Sitte" wohl zum echten antisem. Ausdruck zu bringen. Von vier Messeraffairen, die sich unter der Dorfjugend abge' spielt, berichtet die konservative, ebenfalls antisem. angehauchte „Oberhess. Ztg", im Zeitraum von nicht ganz acht Tagen. Zwei davon entfallen auf Frohnhausen, wo noch jüngst die Leiter einer Versammlung zur Abwehr des Antisemitismus, die Herren Prof. Stengel und Archivar Dr. Winter, jetzt in Magdeburg, in geradezu unglaublich roher Weise von einem Theile dieser antisem. Jugend belästigt wurden. Gerade Fronhausen hat Herr Böckel zum Mittelpunkte seiner Agitation gemacht. Die Folgen bei der Jugend treten immer mehr zu Tage und wurden von Juden und Nichtjuden beklagt und von letztere.: auch wohl beseufzt. Bereits aber bricht sich bei den Behörden die Kenntniß Bahn, zu welch' unerträglichen Zuständen die dargelegte antisem. Verziehung der Jugend führt und führen muß. Heute veröffentlichen die Lokalzeitungen eine Verordnung des freikonservatioen Abgeordneten und Landrathes des Frankenberger Kreises (Böckel'schen Wahlbezirks) wonach fortan, Frauenspersonen, Lehrlingen und

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