Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 86 (31.10.1892)
- Date
- 1892-10-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1637 Feuilleton. „Fürstengunst." Erzählung von S. Kohtt, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wirb aufs Strengste verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (24. Fortsetzung.) Zwölftes Kapitel. Vor dem Stadtthore wurde der Oberhoffaktor Wertheimer und dessen Commis Rafael Levi von dem Kammerdiener des Grafen Nimptsch erwartet. Derselbe schloß sich ihnen schweigend an und auch auf dem weitern Wege gingen die drei Männer ohne ein Wort zu sprechen nebeneinander. Der starke Regen und das stürmische Wetter begünstigten ihr Unternehmen in so ferne, als es nicht auffallen konnte, daß sie in Mäntel gehüllt waren und die Hüte tief in die Stirne gedrückt trugen, so daß weder ihre Züge noch ihre Figur erkennbar war. Sie begegneten Niemanden und wenn sie auch jemand von der Ferne oder von den Fenstern der einschichtigen, weit ab von einander von der Straße liegenden Häuser gesehen hätte, mochte er glauben, drei Handwerker, welche der Billigkeit wegen in dem ehemaligen Judenquartier, der gegenwärtigen Leopoldstadt wohnten und sich in einem Weinhause in der Stadt verspätet, gingen nun nach Hause. Es schlug eben von dem Thurme der Leopoldkirche, (in welche nach der 1670 erfolgten Vertreibung der Juden deren Synagoge umgewandelt worden war), zehn Uhr als die drei Männer an das Ziel ihrer Wanderung angelangt waren. Es war dies ein ehemaliges Judenhaus, das an verödetem, unwirthlichen Orte liegend, weder einen Käufer noch einen Miether gefunden zu haben schien. Die Lage desselben machte es für geheime Zusammenkünfte sehr geeignet. Die Hinterseite desselben war nur durch wildes Gebüsch von dem Flußufer getrennt, und so konnten die drei Männer, ohne daß es jemand zu bemerken vermocht hätte, durch die Hinterthüre in dasselbe treten. Der Kammerdiener schien in derlei Expeditionen nicht unerfahren. Er hatte eine Diebslaterne bei sich, so daß der Zimmerraum mäßig beleuchtet wurde und^doch das Licht nicht durch die Fenster nach Außen dringen konnte. Der erste Raum, der ehedem als Flur oder Küche gedient haben mochte, führte in zwei Gelasse, von denen, wie der Kammerdiener richtig bemerkte, bloß der in der Mitte gelegene zu den Besprechungen der Verschwörer benützt zu werden schien, weil die Fenster desselben nicht auf die Straße gingen und man von dieser keinen Einblick in das Zimmer gewinnen konnte. Diese Vermuthung wurde durch den Umstand verstärkt, daß sich bloß in diesem Zimmer zwei Stühle und ein Tisch — auf welchem eine Lampe stand und Schreibmaterialien lagen — befanden; während die andern Zimmer ganz leer waren und nach der dicken Staubschichte, welche den Fußboden bedeckte zu urtheilen, schon lange von keinem Menschen betreten worden war. Der Kammerdiener verschloß sowohl jene Thüre die in das mittlere Zimmer, als jene, die in den Flur führte. Rafael Levi glaubte zu bemerken, daß ein Zug von Mißtrauen Wertheimers Züge überflog und er sprach: „Herr Oberhoffaktor, Sie haben keinen ergebener«, treuern Diener als mich und auch diesem Manne da, der mit Innigkeit an mir hängt, können Sie unumschränktes Vertrauen schenken." „Herr Oberkriegsfaktor", sprach dSr Kammerdiener, „Herr Rafael er wollte offenbar zuerst einen andern Namen nennen, aber er faßte sich noch rechtzeitig und ergänzte nach kurzer Pause „Levi hat mir einen Dienst erwiesen, den man nie vergessen kann und den man auch mit Anspannung aller seiner Kräfte nie ganz zu vergelten vermag. Aber ich würde ergebenst bitten nur das Allernothwendigste und auch dieses nur im Flüstertöne zuu sprechen." In hochgradiger Spannung, in einem abgelegenen Hause, in einem schlecht beleuchteten, dumpfen, modrigen Zimmer ohne ein Wort zu sprechen, warten zu müssen, verlängert scheinbar die Zeit und trotzdem man in der tiefen Stille der Nacht und des öden Ortes, jede Viertelstunde von dem Thurme der nahgelegenen Leopoldkirche schlagen hörte, sah Werthetmer doch häufig auf seine Taschenuhr und es schien ihm, als wenn sich die Zeiger viel zu langsam vorwärts bewegten. Endlich hörte man Schritte, das Hausthor wurde geöffnet und sofort wieder geschlossen, ein Mann trat in das Zimmer, welches unmittelbar an jenes stieß, in welchem sich die Horchenden befanden. Es ist eine bekannte Eigenthümlichkeit des Menschen, daß wenn er sich allein im Dunkel befindet, namentlich wenn er aufgeregt ist, gerne laut spricht und auch Nimptsch — daß er der Eingetretene war, erkannten Wertheimer und der Kammerdiener an der Stimme — schien keine Ausnahme zu machen und er sprach den Lauschenden vernehmlich; „Der Abbate ist noch nicht da. Ich habe dem Kaiser versprochen, nun die faktischen Beweise für Eugens Verrath zu erbringen, und wenn er mir diese nicht verschafft, kann ich in die fatalste Lage gerathen. Vielleicht kömmt er gar nicht und alle seine Versprechungen waren eitel Lug und Trug!