Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1892)
- Date
- 1892-10-27
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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1629 wollen. Nun wurde der Rückweg angetreten. Fast waren wir schon glücklich in unserer Straße, bei unserem Haus, da kamen zwei fanatische Beamte des Emirs daher. Kaum erkannten sie uns, da machten sie Lärm, von allen Seiten stürzten aufgebrachte Leute heran und mißhandelten uns in der empörendsten Weise. Den todtkranken Mann rissen sie aus der Sänfte, schleuderten ihn zu Boden, schleppten die Esel über ihn und stampften so lange mit den Füßen aus ihm herum, bis er entseelt dalag. . . . Der Verachtung, dem Hasse und Spotte waren mir freiaegeben und hatten nicht einmal das Recht zur Klage, nicht einmal das Recht zur Vertheidigung. Wer sich zu beschweren wagte, ward in Acht und Bann gethan, sein Hab und Gut war vogelfret, seine Frau und seine Töchter wurden geschändet, seine Söhne zu Tode gemartert. . . . Außer den gewöhnlichen Abgaben entrichteten wir noch eine riesige Extrasteuer, die alle unsere Kräfte ausrieb, und bei der Ueberreichung dieser Steuer an den Vertreter des Emirs erhielt der Gemeindevorstand als Zeichen unserer Unterthänigkeit zwei Schläge ins Gesicht. Die entsetzlichsten Hetzen waren an der Tagesordnung. Wenn der Emir oder einer seiner Beamten Geld brauchte, wurde einfach die Ermordung einer größeren oder kleineren Zahl Juden angezettelt und deren Eigenthum geplündert." . . . „Konnten denn da die Juden nicht auswandern?" „Das war es ja! Auswandern durste man trotz alledem nicht. Wenn Jemand Lust dazu hatte und sie verrieth, ward er mit Fortnahme all' seines Eigenthums oder mit Tod bestraft. . . So war denn die Eroberung Samarkands durch die Russen für uns ein wahres Glück, die Erlösung aus namenlosem Leid, welches mit dem Einzug der Moskowiter sein Ende erreichte." „Es ist sonderbar", unterbrach ich ihn, „und ich habe diese Wahrnehmung oft gemacht, daß jene selben Russen, welche für ihre europäischen Unter - thanen mosaischen Glaubens nicht genug harte Maßregeln zu finden wissen, sich gegen ihre asiatischen Juden in humanster Weise benehmen." „Ich weiß nicht, wie es die Juden in Ruß. land, nämlich im europäischen Rußland haben", sagte einer der Anwesenden, „aber wir haben es unter den Russen ganz gut und sind zufrieden und unseres Lebens sicher. Uebrigens gebot und gebietet den Moskowitern dies schon die Klugheit. Sie haben uns dadurch zu Verbündeten, was hier viel bedeuten will, wo die früher wilden, zügellosen Volkselemente, die weder Recht noch Gesetz kannten, nur schwer zu bändigen waren. Als General Kauffmann nach Samarkand kam, waren wir die Ersten, die ihm entgegeneilten, denn er kam ja als unser Erlöser. Gleich nach seinem Einzug hob er alle unsere Bedrückungen auf: Wir dürfen nun Gürtel und Lammfellmützen, ja sogar Turbane wie die anderen Einwohner tragen, wir haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten, wie diese, wir betheiligen uns frei an Handel und Gewerbe, liefern tüchtige Handwerker aus unserer Mitte, haben öffentlichen Gottesdienst und eine stattliche Synagoge. Eine neue, gute, segensreiche Zeit scheint anzubrechen. Möge der Schein nicht trügen." Es war unter all diesen Gesprächen schon sehr spät geworden und ich verabschiedete mich denn bald von meinem Wirth und den anderen Anwesenden, nachdem ich noch am anderen Morgen in der Synagoge zu erscheinen versprochen hatte. Das that ich auch. Das Haus war neu, sehr hübsch und geräumig, wenn auch nicht zu groß. Der Chor bestand aus einigen Sängern mit wohltönenden Stimmen und gefiel mir ganz gut. Ich sah in der Synagoge verschiedene Gebetbücher, welche theils aus Wilna und Warschau, theils aus Wien und London über Indien und Rußland dorthin gelangt waren. Ferner zeigte mir Reb Mosche einige Andenken, die sich auf Jerusalem beziehen und von dort stammen sollen; besonders interessant waren verschiedene, sehr klein, aber äußerst rein und deutlich geschriebene Dokumente. Die Synagoge war von Besuchern dicht gefüllt. Die Juden in Samarkand sind in religiöser Beziehung sehr streng und beobachten alle Gesetze und Regeln. Nach dem Gottesdienste drängten sich viele an mich heran, um „den Jwri (Hebräer) aus dem Abendland anzustarren. Die Trachten der Samarkander Juden, speziell der Männer, sind von denen der Mohamedaner nicht viel verschieden. Schwerfällige, bis an die Knöchel herabfallende Chalate aus einfachem Baumwollstoff, Alatscha oder Tuch, Lammfellmützen oder Turbane, Pantoffeln und Sandalen aus Kameelhaut oder spitze rothe und gelbe Stiefel mit hohen Absätzen, das sind die wichtigsten Bekleidungsstücke. Man erkennt die jüdischen Männer äußerlich an ihren, oft bis zum Kinn reichenden Haarlöckchen. Sie sind meist von mittlerer Figur, sehr schmächtig und blaß. Ihr Gesicht hat die auch bei uns bekannte Adlernase und ist von feinem edlen Schnitt und intelligentem Aussehen. Die Frauen und besonders die Mädchen zeichnen sich durch seltene Schönheit aus. Gegen Fremde sind sie spröde und zurückhaltend, im häuslichen Kreise aber heiter und ungezwungen. Das Familienleben soll ein äußerst musterhaftes sein. Während die Kinder der Oezbegen gar keinen Respekt vor den Eltern haben,