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Der Israelit · 1892-10-27 · Heft 85 (27.10.1892) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 85 (27.10.1892)
Date
1892-10-27
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1628 aufgeschlagen, um welches Apfelbäume ihren langen Schatten warfen. Auf einem Teppich, der den Boden deckte, standen verschiedene Schüsseln und tiefe Teller mit Speisen und Früchten: Erbsen, Quitten, Fleischpasteten, Mehlkuchen und Weintrauben. Auf kleinen Kissen hockten die Frau des Reb Mosche, mehrere Kinder und eine Anzahl Gäste, die mir zu Ehren erschienen waren. Sie waren alle sehr sauber und nett gekleidet, in der dort üblichen Talartracht. Besonders freute mich das anmuthige Benehmen der Kinder und ihre Reinlichkeit, welche letztere Eigenschaft sonst nicht zu den Tugenden der Samarkander gehört. Während des Essens ward wenig gesprochen. Nach demselben aber entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, die sich meinem Wunsche gemäß hauptsächlich um die Stellung der Juden von Samarkand, um ihre Geschichte, um ihr Leben und Treiben drehte. „Seit wann leben denn hier Juden?" eröffnete ich die Unterhaltung. „Es soll hier schon vor mehreren Tausend Jahren Juden gegeben haben", sagte Reb Mosche, „also schon zur Zeit der chinesischen Herrschaft. Doch weiß ich nicht, ob dies wahr ist und es ist meines Wissens nichts mehr darüber bekannt, als eben dieses bloße Gerücht." „Glaubwürdiger ist", mischte sich ein Gast ins Gespräch, „was eine andere Sage berichtet: daß nämlich Timur die Juden in Samarkand eingebürgert hat. Er soll sieben Familien aus Mesched, die sich durch Kunstsinn und als Handwerker ausgezeichnet hatten, in seiner Residenz angesiedelt und mit reichlichen Arbeitsaufträgen bedacht haben. Eine dritte Legende berichtet schließlich, daß bei der Erstürmung der Stadt durch die Oezbegen im Jahre 1500 mehr als 24.000 Kohannim-Juden getödtet wurden. Es müssen damals also noch viel mehr hier gelebt haben. Damit sind die Nachrichten über unsere „Geschichte" erschöpft." „Wieviel Juden gab es denn bei der Ankunft der Russen?" fragte ich weiter. „Ich glaube tausend. Nun hat unsere Gemeinde schon mehrere Tausend Köpfe. Die hier jetzt lebenden Glaubensgenossen sind vor anderthalb Jahrhunderten aus Persien hierher eingewandert und stammen von Rüben, Gad und Menasse." „Man hat so viel darüber gehört," fuhr ich fort, „daß die Juden in Mittelasien äußerst bedrückt waren. Am schlimmsten soll es in Bochara gewesen sein. Hier war es wohl nie so arg, wie dort?" „Nun," meinte Mosche, „doch noch arg genug, daß Einem schon beim Hören von den verübten Gräueln und noch jetzt, wo diese schlimmen Zeiten schon längst entschwunden scheinen, das Herz erzittert. Was hatten wir nicht Alles zu erdulden, da war der Tod oft eine wahre Erlösung! Eine Synagoge durften wir nicht öffentlich halten und so besaßen wir im Geheimen ein kleines Bethaus. Würden die Mohamedaner davon gewußt haben, sie hätten uns sicher alle abgeschlachtet. Wir mußten uns ferner schon in der Kleidung von den Anderen unterscheiden. An Stelle des Gürtels durften wir nur einen Hanfstrick tragen und unseren Kopf bedeckte als Erkennungszeichen ein hoher spitzer Filzhut, der die „Rechtgläubigen" schon von ferne vor der Berührung mit uns warnen sollte. Es war den Mohamedanern streng untersagt, einen Juden zu grüßen, uns aber noch strenger anbefohlen, jedem Gläubigen in weitem Bogen aus dem Weg zu weichen, wofern wir nicht geprügelt, ja sogar erschlagen werden sollten. Mußten wir einmal aus irgend einem wichtigen Grunde einen Mohamedaner besuchen, so durften wir uns nur an der Schwelle seines Hauses zeigen und von hier aus unser Anliegen Vorbringen. Wenn aber umgekehrt ein Rechtgläubiger einen Juden besuchte, so mußte der Letztere sammt seiner Familie aus der Wohnung, diese dem „Gast" überlassen, sich selbst vor der Thür stellen und da so lange bleiben, als bis es dem Gast drin zu verweilen beliebt, wo derselbe sich oft — trotz des Abscheus gegen die Juden — an vorhandenen Speisen gütlich that und auch die Sachen, die ihm gefielen, zu sich steckte" ... „Und dies," fiel ein alter Mann ein, den ich wegen seines durchgeistigen Gesichtsausdruckes schon gleich von Anfang an mit Sympathie betrachtet hatte, „dies Alles ist noch nicht das Schlimmste. Was wir hier zu leiden gehabt, bis noch vor wenigen Jahren, das ist unmenschlich, und die Zunge, die Alles erzählen wollte, würde erstarren und der Hörer müßte sich selbst einen Dolch ins Herz stoßen aus Qual über das Vernommene . . . Wer das nicht erlebt, mit seinem eigenen Blut bezahlt, an seinem eigenen Leib erprobt hat, — der kann es nicht begreifen . . . Wir durften nicht Pferd, nicht Esel besteigen, wir mußten wie Verbrecher heimlich zu Fuß schleichen, in jedem Winkel den Tod fürchten. Ich hatte einen Bruder — er war krank zum Sterben und wir wollten ihn zu einem Hetlkünstler bringen, da kein solcher zu uns kommen wollte. Im Dunkel der Nacht — und Nachts ist es still bei uns, auch heute noch — legten wir ihn in eine bequeme Sänfte, welche zwischen zwei Eseln gespannt war. Der Versuch glückte anfangs. Ja sogar der Arzt, ein Mohamedaner natürlich, war gegen kostbare Geschenke menschenfreundlich genug, den Bruder anzuschauen, ohne uns verrathen zu

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