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Der Israelit · 1892-10-27 · Heft 85 (27.10.1892) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 85 (27.10.1892)
Date
1892-10-27
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1624 Wollet Ihr denn ganz vergessen Eurer Liebe Jugendtraum, Als Ihr nachzogt in die Wüste, Ez-Chajim dem Lebensbaum? Seht das Erbe Eurer Väter Ist versenkt in öde Nacht, Sucht den Schatz Euch noch zu retten Aus des Dunkels tiefem Schacht. Erbaut mir wieder eine Stätte In des Hauses Heiligthum, Auf den Lippen Eurer Kinder Wird verkündet Gottes Ruhm! Seht das Wort war nicht vergebens An die kleine tapfre Schaar, Mit der Thora Ruf im Herzen Kämpften sie so Jahr um Jahr. Und im Kampfe half auch muthig Oft der Frau ermunternd Wort, So ist jetzt vereint entstanden Unser Tempel, Gottes Hort. Drum bringt auch der Nah' und Ferne Heut ein Hoch Euch ohne Hehl, Schön sind Deine Zelte, Jakob, Deine Wohnung Israel! L o t t p B u t t e n w i e s e r. „Gßre seinem Andenken!" Erinnerung aus ernster Zeit von S. Steinberg. — (Aus dem in Dresden erscheinenden „Kamerad.") Nach langen unheilvollen Wochen ist es endlich den vereinten Anstrengungen gelungen, den grausamen asiatischen Würgengel aus unserer theuren, so schwer heimgesuchten Vaterstadt zu bannen. Der drückende Alp, der schwer auf jeder Brust lastete, ist endlich gewichen; Hoffnung und Zuversicht beginnen wieder einzukehren in die Herzen der schwergeprüften Bewohner und von allen Lippen steigt ein Dankgebet zum Himmel empor, so inbrünstig, wie es nur die dräuende Gefahr, die gemeinsame Noth erweckt. Wohl rinnen noch in tausenden von Familien die heißen Thränen um die theuren Angehörigen, die der grausame Tod mit Blitzesschnelle dahingerafft; noch mildert kein äußeres Liebeszeichen, kein Grashalm den erschütternden Anblick der tausend frischen Grabeshügel, in welche die schmerzlichen Opfer der verheerenden Seuche sang- und klanglos gebettet wurden. Unzähliges Familienglück, Freude und Zufriedenheit sind mit einem Schlage vernichtet; namenloser Schmerz, Kummer und Elend starren aus den heimgesuchten, einst so behaglichen Räumen. Eine tiefe, tiefe Wunde ist unserem Gemeinwesen geschlagen mit fürchterlicher Gewalt hat das Schicksal seine Furchen gezogen. Und dennoch darf das bangende Herz nicht verzagen, sondern muß in treuer unabweisbarer Pflichterfüllung gegen die Lebenden den eigenen Schmerz bekämpfen. Keine Thräne giebt zurück, was die Erde birgt! — Wenn aber etwas im Stande ist, das unsägliche Weh zu mildern, den trüben Ausblick in die Zukunft zu erhellen, so ist es die großherzige Opferwilligkeit unserer Bewohner, ihr gemeinsames erhebendes Mitempfinden, und die rastlose Bethätigung einer wahren Nächstenliebe, die aus tiefster Seele bittet: Latz das Zagen! trage muthig Deine Sorgen, deine Qual! Sei die Wunde noch so blutig, Heilen wird sie doch einmal. Auch in den Reihen der Männer, welche einst im heiligen Kampfe für das Vaterland dem Feinde todesmuthig gegenüber traten und seit zweiundzwanzig Jahren im miterkämpften Frieden unter uns geweilt, hat die verwüstende Geißel eine schmerzliche Lücke gerissen. Unergründlich bleibt das Schicksal, das einst die jungen Krieger im blut'gen Schlachtgetümmel, im heißen Kampfe — Brust gegen Brust — beschützte, und sie nunmehr, als sorgende Familienväter, inmitten des tiefsten Friedens von einem unsichtbaren Feinde dahinraffen ließ. Ueberaus schmerzlich bewegt den Schreiber dieser Zeilen das jähe Hinscheiden eines ihm innigst befreundeten Kameraden. Das Andenken an dessen seltenes Beispiel im Kriege von 1870/71 bleibt für immer verknüpft mit der unerschütterlichen Gewißheit, daß wahres Menschenthum auch dann nicht erstirbt, wenn rings um uns Tod und Vernichtung toben. Nur in den Stunden der dräuenden Gefahr, der allgemeinen Noch wissen es die Menschen, welche Fülle der Liebe ihre Brust birgt. Beim Anblick des Todes zerstiebt alles Nichtige, alles Kleinliche, was menschliche Engherzigkeit geschaffen, — und nur sie allein, die ewige Wahrheit, erstrahlt im himmlischen Glanze: Uns alle hat ein Gott geschaffen, wir alle sind Bruder. Wie der Krieg mit seinen zahlreichen Verlusten an Menschenleben eine Aehnlichkeit zeigt mit der wüthenden Epidemie, so erweckt auch das allgemeine menschenfreundliche Liebeswerk unserer Hamburger Bevölkerung einen Anklang an die großherzigen Vorkommnisse im Felde. In diesem Sinne möchte ich jene nur wenigen bekannt gewordene Episode aus dem Leben meines entschlafenen Kameraden als ein theures Angedenken vor Vergessenheit bewahren.- Da drunten wars, am eisumstarrten Strande der Loire, wo der Resttheil unseres 76. Regiments im tagelangen blut'gen Ringen, Schritt vor Schritt, vom übermächtigen Gegner gedrängt, die letzte Kraft einsetzte. Wer dort vom Anfang bis zum Ende in Reih und Glied gestanden, getreulich seine Schuldigkeit gethan, der hat die allerschwersten Leiden deS Krieges kennen

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