Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-10-27 · Heft 85 (27.10.1892) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 85 (27.10.1892)
Date
1892-10-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448297--35084-2483052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXIII. Jahrgang. Erste Anlage M ,M 85 des .Jsrntiil“. Literarischer Wericht. Cultur Bilder aus dem jüdischen Leben in Galizien. (Neue Folge.) Von Nathan Samuely. Verl, von R. Friese, Leipzig 1892. Bilder zu beurtheilen ist kein leicht' Ding in einer Zeit, da ein brennender Kampf zwischen Idealismus und Realismus, zwischen Natur-Wahrheit und -Eloge unentschieden hin und herwogt. Von dieser Fehde ist in die jüdischen Zeitschriften noch wenig gedrungen. Trotzdem erheischen auch jüdische Cultur-Bilder eine besondere Stellungnahme bei der Beurtheilung: Diese wird verschieden sein, je nachdem mehr auf den lit era rischen Werth des Werkes oder auf den, welchen es für jüdische Interessen besitzt, Gewicht gelegt wird. Ein strenger Maßstab in diesem Punkte wäre bei der nunmehr zu betrachtenden Sammlung von Culturbildern schon darum nicht am Platze, weil mit dieser kein gesichtetes Gesammtbild der jüdischen Zustände in Galizien zu bieten beabsi.'chtigt ist. Der Verfasser will nicht instruktiv belehren, sondern erzählen, unterhalten. Das vorliegende Buch bildet ein reiches Kaleidoskop von Vorkommnissen und Zuständen des jüdisches Lebens; allerdings nicht immer lediglich wie es sich in Galizien abspielen mag. Einzelne Bilder haben auch nur rein menschliche Schicksale zum Vorwurf: Der Verfasser behandelt in Beispielen soziale Fragen und Gebrechen (bes. in Nr. Nr. 19, 20.); er bezeichnet das Leben symbolisch mit dem Bilde eines grünenden und verwelkenden Blättchens (4.); er dichtet ein in der Form sehr gutes, philosophisch gehaltvolles Gespräch zwischen einem Optimisten und Pessimisten bei ihrem Friedhofsbesuche (20), und er zeichnet eine Anzahl psychologisch getroffener Charakterbilder und Einzeln-Schicksale (7, 8, 13, 15, 16, 17, 23). Das Colorit ist hierbei jüdischen Verhältnissen entnommen, großentheils den galizischen. Der Verfasser führt uns in eine jüd. Gemeinde während der Selichoth-Tage (2) und bei einer bewegten Vorstandswahl (24). Er läßt uns in jüd. Häuser blicken an Freuden- und Festtagen (12, 19). Die Geschichte, in der sich ein „Jakob" am Purim als „Jacques" verstellt (23), wäre man versucht als allegorische Einkleidung, auf das Geschick des Jakob-Volkes zu beziehen, dessen mancher Sohn, als der Völker-Purim der Emaucipation nahte, sich schleunigst in einen „Jacques" zu verwandeln strebt, aber dieselbe Zurückweisung erfuhr wie der kleine Jakob von der Judengasse. — * Der Verfasser zeigt uns spezifisch g a l i z i s ch e Mißstände, so in einem Bild frommer Beschränktheit (9) und in der amüsanten Skizze (11), welche zum Untergrund die „Sitte" des Zufrüh-Heirathens hat. Die Nachtheile derselben beweist der Verfaffer freilich nicht, will es auch kaum mit seinem prächtigen „Feiwele", dem allzeit hungrigen; bei dem „schlägt die Früh-Ehe gut an: Wenn er hungrig „ist, dann sagt er nicht mehr „Mutter," sondern „Malkele" ich bin hungrig, — und sie hat ihn — „wie er selbst constatirt — „für ihr Leben gern, „sein Malkele, daß sie ihm das Tellerl vom Him- „mel herunter langen möchte". — Diese Uebersicht dürfte schon erkennen lassen, daß die Bilder-Serie eine reichhaltige, wie sie auch eine bunt abwechselnde ist. (Es erscheint jedoch die Reihenfolge nicht besonders günstig gewählt. Die zweite Hälfte des Buches interesstrt u. E. weit mehr, ja die Nummern gegen das Ende zu 14, 16, 17, 25 und bes. 20 dürften die Cabinetsbilder der Sammlung sein. Zu denselben möchte Referent auch das „Bußgebet" zählen, wäre dasselbe in seiner Pointe nicht etwas bedenklich. Auch ist die Geschichte wenig wahrscheinlich, da ein jüdisch erzogenes Mädchen, aus Erregung über den Verlust ihres schönen Haares am Hochzeitstage noch nicht gleich — stirbt.) Verschiedene sprachliche Unebenheiten seien dem n i ch t deutschen Verfasser zugute gehalten. Dieselben beschränken sich jedoch einigemale nicht auf das grammatikalische Gebiet, sondern treten den Grenzen des aestetisch-zulässigen einerseits und selbst denen, des vom jüdischen Standpunkte Erlaubten sehr nahe. Eine solche zwiefache Ueberschreitung nach beiden genannten Richtungen ist in „Eine Million Dukaten vereint" zu bemerken. Dort kann die Umschreibung dessen, was an dem Kinde bei der Beschnetdung vorgenommen wird, ebenso wenig geschmackvoll gefunden werden, wie die nicht einmal ganz scherzhaft gestellte Frage, ob ein Kind durch diese an Werth gewinnt, höchst unangebracht sein dürfte. Wenn ferner der Referent in Witz und in Gesichtsschilderungen bisweilen ein unschönes bezugweise sentimentales Zuviel empfunden hat, so soll darüber nicht gerechtet werden; diese ist ja bis zu einem Grade Geschmackssache; manche Leute ertragen eine besondere Qualität Witz und eine große Dosis „Gefühl." Diese Ausstellungen möchten jedoch nicht dem Gefallen Eintrag thun, welches die Lektüre des Buches zu erregen vermag. ' Der Verfasser stattete seine Bilder mit reicher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.