Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1892)
- Date
- 1892-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1609 sie für diesen Zweck reichliche Gaben spenden und an Herrn Rabbiner Jsr. Ackermann, Prenzlauerftr. 18 senden wollten. Feuilleton. .Fürstengunst." Erzählung von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird aufs Strengste verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (24. Fortsetzung.) Elftes Kapitel. Samson Wertheimer saß an einem regnerischen Nachmittage in seiner Bibliothek. Ein Band Mischnajos') lag vor ihm und er versenkte sich in das Studium eines Abschnittes desselben. Es war nämlich der Todesjahrestag der Mutter* 2). Er war mit dem vor ihm liegenden Werke so eifrig beschäftigt, daß er ein leises Klopfen an der Thüre überhörte und erst als ein zweitesmal stärker angepocht wurde, „herein" rief. „Herr Rafael Levi läßt ergebenst bitten, eine Mittheilung in wichtiger und dringender Angelegenheit machen zu dürfen," meldete der Diener. „Soll eintreten!" erwiederte der Oberhoffaktor. Rafael Levi befand sich in großer Aufregung und ohne jede Einleitung zu dem Zwecke der erbetenen Unterredung übergehend, begann er sofort: „Hier lebt ein Mann, dem ich vor langer Zeit einen Dienst erwiesen, der sich mir hierdurch zu ewigem Danke verpflichtet hält und unbeschränktes Vertrauen zu mir besitzt. Ich habe seine Anwesenheit in Wien durch eine zufällige Begegnung auf der Straße erfahren. Bei dieser theilte ich ihm mit, wo ich hier zu treffen wäre. Derselbe ließ mich brieflich um eine Unterredung an einem dritten Orte bitten, von welcher ich soeben komme." „Wer ist dieser Mann?" unterbrach ihn Wertheimer. „Der Kammerdiener des Reichshofrathes und Kammerherrn. Grafen Johann Friedrich Nimptsch." Wertheimer blickte betroffen auf und Levi fuhr fort: „Er sagte mir, daß ihm die unaufhörliche Aufregung und Bewegung, in welcher sich sein Herr seit einiger Zeit befinde, aufgefallen. Jeden Augenblick kämen Menschen zu ihm, die er — der Kammerdiener — früher nie bei ihm gesehen, besonders häufig der italienische Abbate Tedeschi, mit dem er ') Die erste Sammlung rabbinischer Schriften. 2) An dem Todesjahrestage der Eltern sollen sich die Söhne mit dem Studium der Gotteslehre, namentlich der Mischna, befassen. sich stets mehrere Stunden in seinem Zimmer einschließt." „Ach!" unterbrach ihn Wertheimer, „Abbate Giovanni Prosper Tedeschi kenne ich. Er scheint ein Abenteuerer der gefährlichsten Art zu sein, einer jener unverschämten Glücksjäger, wie sie jetzt in allen Residenzen auftauchen, gewissenlose Menschen, die ihr Talent dem Meistbietenden verkaufen und vor keinem Mittel zurückschrecken, Geld, Macht und Einfluß zu erringen. Ich halte ihn für keinen Priester, ich glaube, daß er das geistliche Gewand nur als Deckmantel für seine geheimen Zwecke trägt. Auf mich hatte er schon bet seinem ersten Besuche, den er mir abstattete, einen höchst unangenehmen Eindruck hervorgerufen. Ich habe mir ihn bald vom Halse geschafft. Ich habe ihm ein Darlehen von fünfhundert Gulden, um das er mich anging, bewilligt und habe ihn seit dieser Zeit nicht mehr gesehen, obwohl es ihm jetzt glänzend zu gehen scheint und es leicht fiele, mir diesen Betrag zurückzuzahlen. Auch mag der schlaue Mann erkannt haben, daß ich ihn durchschaue und nicht geneigt bin, seinen Zwecken zu dienen. Er kam in elendem Zustande nach Wien; als er mich das Erstemal besuchte, war er bettlerhaft gekleidet, jetzt fährt er in seiner eigenen eleganten Eguipage und hält eine zahlreiche, fein livrirte Dienerschaft. Ich glaube, er steht in dem Solde einer fremden Regierung, deren geheimer Agent und Spion er ist ... Auch dieser Nimptsch erscheint mir seit langer Zeit verdächtig, er ist des Grafen Althans, des Kaisers Günstling, Schwestermann. Ich halte Nimptsch nicht für das, für was er gelten will und für das ihn alle Welt hält, nämlich für einen harmlosen Spaßmacher .... doch fahren Sie in Ihrem Berichte fort." „Seit mehreren Tagen schien jeder Verkehr zwischen dem Abbate und dem Grafen abgebrochen, dieser ließ sich bei jenem nicht mehr sehen, dagegen hatte der aufmerksame Kammerdiener es erspäht, daß sein Herr des Nachts verkleidet heimlich das Haus verlasse. Er folgte seinem Herrn gleichfalls verkleidet auf seinen nächtlichen Gängen und da entdeckte er, daß sein Herr das Erstemal in einer öden Allee der Leopoldstadt, nachdem er sich ängstlich umhergesehen, ob ihn nicht jemand beobachten könne, aus einem hohlen Baum einen Brief hervorgeholt, das Zweitemal einen Brief hineingeworfen, das Drittemal in einem allein stehenden, scheinbar unbewohnten Hause verschwunden, wo er, so vermuthet der Kammerdiener, Zusammenkünfte mit Tedeschi habe. — Der Kammerdiener, der in früherer Dienstzeit traurige Erfahrungen machte, befürchtet, wenn seines Herrn lichtscheue Pläne mißlängen, in gefähr-