Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1892)
- Date
- 1892-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1606 — auch nicht gegen die Religion soll sich der Antisemitismus richten!" Ergo der Antisemitismus hat, sowie er überhaupt ziellos in seinem ganzen unseligen Treiben ist, kernen oder den einen Grund, die Gemüther zu erregen, Mensch gegen Mitmenschen, Bruder gegen Bruder, Schwester gegen Schwester im eigenen Interesse zum Kampfe anzustacheln. — An einer anderen Stelle wird es recht interessant. „Ein Artikel wirft mir vor, ich hätte den Antisemitismus im Parlament schlecht vertreten. (Das soll sich auf den Fall Buschhoff beziehen.) Ich habe allerdings nicht behauptet, daß es zum jüdischen Ritus gehöre, Kinder zu morden, sondern nur, daß oft Kindermorde aus Aberglauben und Fanatismus vorgekommen seien. Ich darf doch nicht mehr behaupten, als sich beweisen läßt. (Sehr fromm!) Man kann ja wohl Manches inVolksversammlungen mit vielem Beifall sagen, was man imParlament nicht sagenkann. Bon einem solchen Unterschied allerdings haben die gewöhnlichen Antisemiten keine Ahnung." Soweit der Redner. — Jedenfalls ist das ein gewaltiges Zugeständniß im eigenen Lager, das um so größeren Werth hat, als es dem Munde des so frommen Predigers entstammt. Die große Menge also, die in ihrer Verblendung nur aufgeregt zu werden braucht, um loszuschlagen, die als willenloses Werkzeug auf ihre Führer wie auf einen Gott schwören, muß auf die Wahrheit verzichten, ja ihr wird Sand in die Augen gestreut, und unerhört erlogene Sachen werden ihr vorgeschwatzt. So sieht es im Feindeslager aus? Möchte doch endlich die Menge zur Besinnung kommen, um den Intentionen ihrer Verführer, denen es auf eine Verleumdung mehr oder weniger nicht ankömmt, nicht zu folgen. Dann hat die Scheidestunde des Antisemitismus, dieser Wurzel von so vielem Unheil, auch geschlagen. M. Lewin. Neu-Weißensee, 8. Oetober. Der heutige Tag war für die hiesige israelitische Taubstummen-Anftalt ein Fest- und Freudentag. Es wurde zum ersten Male in Deutschland vor versammelten, recht zahlreich erschienenen Gästen, ein Festgottesdienst für die erwachsenen jüdischen Taubstummen, in Verbindung mit der Barmizwah dreier Knaben, abgehalten. Die Gebete wurden in deutscher und hebräischer Sprache von dem Anstaltslehrer, Herrn Arndt, in einer, den Taubstummen verständlichen Weife, vorzüglich artikulirt, in wahrhaft erhebender Weise vorgetragen. Die drei jungen „Männer" wurden zur heiligen Thora gerufen, um ihre früher stummen Lippen nunmehr zum Lobe Gottes zu öffnen. Laut und wohl verständlich sprachen sie die üblichen Segenssprüche in hebräischer Sprache. Sodann betrat der Dir., Herr Reich, das Podium, hielt eine kurze Ansprache an die erschienenen Gäste, betonte in derselben, daß die Ausbildung der Taubstummen eine vollständige sein müsse. Es genügt nicht, wenn wir dieselben nur ausrüsten mit Fertigkeiten und realen Wissen. Man müsse mehr Gewicht darauf legen, sie auch als Religionsgenossen für unsere Religionsgemeinschaft zu erziehen. Sie hätten mindestens eben ein solches Recht auf eine religiös-sittliche Bildung, wie auch auf die Kenntniß unserer Religion, wie die Vollsinnigen. Wir Juden in Deutschland haben es aber verabsäumt, unseren unglücklichen Taubstummen das zu geben, was zu ihrer wahrhaft religiös-sittlichen Ausbildung ihnen Roth thut. Nur die wenigsten haben einen Religionsunterricht erhalten. Von religiöser Erziehung ist gar nicht zu sprechen, da wir bis vor kurzem keine Gelegenheit fanden, sie in einer jüdischen Anstalt unterzubringen. Sie haben daher kein Verständniß für unsere Gebräuche und für unsere synagogalen Gebete. Unser Gottesdienst ist ihnen vollständig fremd, daher für sie ohne Zweck und ohne Nutzen. Hier mußte Wandlung geschaffen, und wir haben bereits am Neujahrsfeste und am Versöhnungstage dieses Jahres in unserer Anstalt einen dem Gebrechen der Taubstummen entsprechenden und leicht verständlichen Gottesdienst eingeführt. Wie sehr nun diese unsere Glaubensgenossen das Bedürfniß fühlen, einem solchen Gottesdienst betzuwohnen, beweisen die heute so zahlreich hier erschienenen Taubstummen. So wollen wir unsere Bestrebungen in erziehlicher Hinsicht auch auf die außerhalb der Anstalt stehenden jüdischen Taubstummen ausdehnen und sie der Religion ihrer Väter wieder zuführen; wir werden dann gewiß viele gute Mitbürger, nützliche Menschen und gleichzeitig anhängliche und dankbare Glaubensgenossen gewinnen. Suchen wir auch hier den Forderungen der Zeit, den Bedürfnissen des immer forschreitenden Lebens, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zu genügen, und es erfüllt sich die Verheißung Gottes: Ninn Dva lyoBn ruwn nmy ’J’y ibtidi texoi ibd nai avini „Und hören werden in jenen Tagen die Tauben die Worte des Buches und aus Dunkel und Finfterniß schauen der Blinden Augen." Jesajas Kapitel 29. Hierauf wandte sich Redner an die Taubstummen, erklärte ihnen das Hüttenfest, fragte die Bar-Mizwah-Knaben die wohlverstandenen Glaubenslehren und das Glaubensbekenntniß ab und segnete sie hierauf.