Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 85 (27.10.1892)
- Date
- 1892-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1605 dem Zweck, eine Richtigstellung des Sachverhalts herbeizuführen. Von diesem Standpunkte aus konnte er die Sache als erledigt betrachten, nachdem in anderen Untersuchungen eine eingehende, die eidliche Vernehmung des Ministers in sich schließende Beweisaufnahme stattgefunden und sich, wie in einer Sache auch durch richterliches Urtheil festgestellt wurde, die völlige Haltlosigkeit jener Ausstreuungen ergeben hatte. Ob eine etwaige Wiederaufnahme dieser Ausstreuungen einer gleichen Schonung begegnen würde, erscheint uns zweifelhaft." Die Consequenzen, die sich aus dieser offiziösen Erklärung ziehen lassen, liegen klar zu Tage, nach denselben Grundsätzen müssen in Zukunft Majestätsbeleidigungen, Beleidigungen des Reichskanzlers und aller über dem Justizminister stehenden Personen gestattet sein, die unendlich vielen Bestrafungen wegen Bismarck-Beleidigungen hätten hiernach nicht statthaben können, denn was konnte „für die unparteiische Wirksamkeit" des ersten deutschen Kanzlers, der ja die Oberaufsicht über die gesammte Justizverwaltung hatte, „unerwünschter sein, als bei diesen Behörden als Kläger aufzutreten" und brachte sich Bismarck durch Verfolgung jener Beleidigungen nicht auch „in persönliche Gegnerschaft zu gewissen Richtungen im Staatsleben?" Und auch im umgekehrten Falle dürfte nach diesen Darstellungen der Justizminister Alle und Jeden so viel er mag beleidigen, denn welcher Staatsanwalt wird es wagen, den Minister, der die Aufsicht über ihn führt, zu verfolgen? Doch beruhigen wir unswenn gewöhnliche Sterbliche, Minister beleidigen, wird man sie schon zu finden wissen, nur die Antisemiten genießen bei uns eine Freiheit, die in früheren Zetten bet Höfen gewisse schellenbekappte Krüppel genossen haben. Uebrigens hat der Minister nicht nur die Klagen gegen Paasch und Ahlwardt, welche vor hiesigen Gerichten schwebten, zurückgezogen, sondern auch die gegen Dr. Erwin Bauer, den Redacteur der „Neuen Deutsche Ztg.", welche vor dem Leipziger Gerichtshöfe angestrengt war, der doch der Aufsicht des preußischen Justizministers nicht untersteht. Berlin, 20. Oktober. Welche Höhe des Unsinns eine gewisse antisemitische Spielart auch schon erklommen, sie steigert sich immer noch. Das hiesige rein antisemitische Organ, die „Staatsbürgerzeitung" belehrt heute seine Leser darüber, daß Professor Harnack mit dem Vorbringen, von Zweifeln betreffs des Apostolikums das Judeuthum fördern will. „Das Judenthum öffnet allen denen, die sich vom „Götzendienst" des Christenthums abwenden, willig die Arme; denn mit ihnen hat es leichtes Spiel. Und dehhalb ebnen die Harnack und Genossen der Verjudung die Wege und öffnen ihr die Thore, damit das Judenthum seine messianischen Joeen erproben möge in der erträumten Religion der Zukunft." (Die Begriffe Absicht und Wirkung wirft der Schreiber konfus zusammen.) Den Artikel, der „die rabbinische Zukunftsreligion" überschrieben ist, schließt das Blatt mit einem Satze, der seine Zukunftsreligion bezeichnen soll: „Ein vom jüdischen Geiste vollkommen gereinigtes Christenthum, das ist die Religion der Zukunft." Hiernach wäre also auch das Christenthum verjudet. Daß Liberalismus und Sozialdemokratie, ja Staat und Regierung verjudet seien, hatten wir die Antisemiten schon oft sagen hören. Daß aber selbst das Christenthum verjudet sei, ist der Gipfelpunkt des Verrückten. Berlin, 25. Oktober. Gestern Abend entlarvte ich hier einen Schwindler, der es verstanden hat, sich für den Pakscher n m auszugeben und auf diese Weise Geld und Empfehlungsschreiben sich erschwindelte. Da ich erfahren hatte, daß auch rmn Dr. Hildesheimer n ihm ein Empfehlungsschreiben gab, so eilte ich zu ihm, um demselben auf den Betrug aufmerksam zu machen. Inzwischen hatte sich der Schwindler aus dem Staube gemacht, um wahrscheinlich in anderen Städten dasselbe Manöver zu beginnen. Ich kenne persönlich den Pakscher 3-1 und sagte dies dem Betrüger, worauf er mir auch eingestand, daß er ein Anderer sei, nur verkaufe er das Werk des genannten m. Der Betreffende nennt sich Schreiber, hat einen grauen, zugespitzten Vollbart und volles Gesicht. E. Berlin. Tritt der Hosprediger aller Deutschen den Rückzug an? Oder ergeht es ihm etwa wie einem Kranken, der von Fieberhitze gequält durch einen Trunk kühlen Wassers, den man ihm gereicht, für eine kurze Zeit beruhigt, sodann mit desto größerer Wucht von seinem Leiden überfallen wird? So könnte wohl so Mancher fragen, der in den Tagesblättern den Bericht über die erste Winterversammlung der christlich-sozialen Partei gelesen, in welcher Herr Stöcker in langer Rede als Referent aufgetreten. Es enthält in der That diese Rede so manches Interessante, daß wir trotz unseres Prinzips, die Vorgänge in derartigen Versammlungen todtzuschweigen, sie doch nicht ganz unbeachtet lassen können. Der Redner führt unter Anderem wie folgt aus: „Ein Fehler ist der Rassen-Antisemitismus; aber auch gegen die Person soll sich der Antisemitismus nicht richten. Man glaubt mir leider im Allgemeinen nicht, daß ich keine Antipathie gegen die Person der Zügen empfinde! (Der Aermste! dem so wenig geglaubt wird.) Es gibt in allen Kreisen dem Judenthume angehörende Personen, die in jeder Beziehung durchaus volle Anerkennung verdienen