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Der Israelit · 1892-10-24 · Heft 84 (24.10.1892) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 84 (24.10.1892)
Date
1892-10-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1597 aus dem Kleeblatte herausgepflückt zu werden. Auch in Dessau macht ein „berühmter antisemitischer Führer" seit einiger Zeit viel von sich hören. Es ist dieses ein gewisser Beissert, der früher in Sandershausen loyal und amtlich gesinnter Politiker war; in Dessau wurde er Sozialdemokrat und jetzt macht er stark in Antisemitismus und gründet zur Verkündung und Bekundung seiner heilbringenden (!) Ideen die „Anhaltische Reform." Ein hergelaufener antisemitischer Apostat, früher Rabbinatscandidat, ein freireltgiös-pietiftischer Prediger und ein flintenscheuer Oberlehrer-Hauptmann so wie sozialdemokratischer Conservativer — ein schönes Kleeblatt das! Es lebe die antisemitische Führung! — M. Rosenwald, Iserlohn. München, 8. Okt. Die M. N. N. schreiben: Das einfältigste Zeug, das wir seit langer Zeit zu lesen bekamen, fanden wir in einer Eingabe des antisemitischen deutsch-socialen Vereins zu München an den Magistrat. In dieser Eingabe wird Stellung genommen gegen die elektrische Beleuchtung der Hauptverkehrsadern der Stadt, weil dort die meisten — israelitischen Geschäftsleute feien!! Das Schreiben ist dabei in einem Tone gehalten, daß wir wohl begreifen, warum die Eingabe keine Namensunterschriften, sondern nur den Vereinsstempel trägt. Von der Münfinger All», im Oktober. Der in Ebingen erscheinende „Neue Bote" enthält aus nichtjüdischer Feder folgende Zuschrift: Die Antisemiten, voran ihr Organ die „Ulmer Schnellpost", können es nicht verwinden, daß nicht schon längst das Schächten der Juden verboten worden ist, und ist es ihnen eine wahre Freude, nach langem Suchen etwas, freilich Weithergeholtes, an dem Schächten zu finden, das man eine Thierquälerci nennen könnte, obwohl es von Fachmännern haarklein bewiesen wird, daß dies nicht so ist — denn bekanntlich lassen ja die Antisemiten kein gutes Haar mehr an den Juden und ihren religiösen Gebräuchen — sie behaupten also, daß das Schächten eine grausige Thierquälerei sein soll. Ich erlaube mir nun als Laie und ohne Vorurtheil dieses Schächten, das ich schon oft mitangesehen habe, einer näheren Betrachtung zu unterziehen und wirklichen Thierquälereien gegenüberzustellen. Wird das zum Schlachten bestimmte Thier ins Schlachthaus oder in den zun Schlachten bestimmten Raum gebracht, so geht es in der Regel nur mit Widerwillen dorthin, denn schon der Geruch des Blutes macht es stutzig. Die ganze Prozedur dauert nun höchstens 3 bis 4 Minuten, das Thier wird geworfen, der Schächter macht mit seinem sehr scharfen Messer seinen Schnitt, alle Nerven, die animalischen und vegetabilischen werden durchschnitten, das Leben des Thieres hört auf. Niemand wird nun behaupten können, dies sei eine grausige Thierquälerei, zudem ja von den größten Koryphäen der biologischen Wissenschaft diese Schlachtart als von jeder Thierquälerei frei, ja sogar von einigen zur allgemeinen Einführung geeignet erklärt wurde. Man hat den Juden schon den Vorschlag gemacht, vor dem Schächten die Schlachtthiere mittelst narkotischer Mittel zu betäuben; dies ist aber von allen maßgebenden Kennern des jüdischen Gesetzes als verboten erklärt worden und auf jeden Fall sollten dann auch diejenigen Schlachtthiere, denen mit der Axt die Hirnschale zerschmettert wird, durch dieselben Mittel betäubt werden. Aus dem ganzen Ansinnen der Antisemiten sieht deutlich heraus, daß die Juden ihr Religionsgesetz, an dem ihre Väter seit Jahrtausenden festgehangen, aufgeben sollten, dann sollen sie auch vom Religionshaß verschont bleiben, sie sollen „die sozialen Vortheile höher stellen als die ideale Wahrheit." Ich möchte nun den Gegnern de- SchächtenS Thierquälereien vor die Augen führen, deren Unterlassung gewiß auch sehr erwünscht wäre. Haben diese Herren noch keinen Fuchs gesehen, der von den Jagdliebhabern verhindert wurde, seinen Bau zu verlassen, indem sie ihm eine Falle vor denselben stellten, in die er, vom Hunger gequält, endlich getrieben wurde. Hätten sie ein solches Jammerbild, das jeder Beschreibung spottet, schon gesehen, so würde es ihnen nicht in den Sinn kommen, gegen das Schächten ein Veto zu erheben. Hier wäre ein Feld für die Thkerschutzvereine, solche Thierquälereien zu bekämpfen, aber dies fällt ihnen nicht ein, denn solche Jagdliebhaber sind gewöhnlich keine Juden. Vielleicht hat schon einer oder der andere von diesen Herren einen angeschossenen Hasen oder ein angeschoffenes Reh im Walde zu Gesicht bekommen, das entweder den brennenden Strahlen der Sonne, der verkümmernden Kälte des Winters, oder bei lebendigem Leib den Vögeln oder dem Ungeziefer preisgegeben war. Und wer hat nicht schon ein Pferdewettrenncn ^mit angesehen? Wie werden da die armen Pferde von den Herrschaften gepeitscht und gespornt, um ihre äußersten Kräfte anzustrengen, damit sie ja zuerst am Ziele gelangen und so ihrem Peiniger den Ruhm eines besten Reiters verdienen? Wenn es den Herren also ernst ist mit ihrem Thierschutz, so mögen sie doch erst diesen unwiderlegbaren, thatsächlich grausigen Thierquälereien ein Ende machen, ehe sie sich um religiöse Einrichtungen der Juden bekümmern. Aber „den Splitter siehst Du in Deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in Deinem eigenen!" Chemnitz (Sachsen.) Die hiesige Gemeinde hat in rühmlichster Weise für koscheres Fleisch, trotz dem seit dem 1. Oktober bestehenden verfassungswidrigen Verbote des rituellen Schlachtens, gesorgt. Es wird in Rußdorf, unweit Chemnitz, das eine herzoglich-altenburgische Enklave ist, von einem Limbacher Fleischer, bez. dem dazu beorderten Schochet der Gemeinde geschlachtet. Der Fleischer bringt das Fleisch zweimal wöchentlich nach Chemnitz und verkauft es in dem der Gemeinde gehörigen Lokal, das bisher zum Schächten des Geflügels benutzt wurde. Die Stadtbehörde hat das gestattet unter denselben Bedingungen, unter welchen Landfleischer Fleisch in Chemnitz verkaufen dürfen. Doch gilt der Verkauf als Privatverkauf, d. h. die Gemeinde als

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