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Der Israelit · 1892-10-24 · Heft 84 (24.10.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 84 (24.10.1892)
Date
1892-10-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1596 den hatte, so daß der große Kühn'sche Saal dieselbe kaum fassen konnte. Nachdem der Vorsitzende, Herr Cremer aus Dortmund die Versammlung eröffnet und die Versammelten Herrn Ahlwart mit lautem Zurufen begrüßt hatten, nahm letzterer das Wort zu seiner Brandrede. Zunächst gab er die Erklärung ab, daß ihm seine Vorgesetzte Behörde, auf Grund einer Bestimmung aus den 30er Jahren, verboten habe, sich außerhalb Berlins aufzuhalten. Wenn er trotzdem gestern in Essen und heute hier rede, so sei ihm das durch den Umstand ermöglicht worden, daß er zum Zwecke der Beiwohnung der Vernehmung von Zeugen in einem seiner Prozesse nach Esten geladen worden sei. Nach den üblichen, mehr denn, als tausendmal wiederholten und eben so oft gründlich widerlegten Schimpfereien, platten Gemeinplätzen absurden, grobkernigen Verleumdungen, die sich nicht allein gegen Juden, sondern auch gegen Alles richten, was nicht antisemitisch denkt und handelt, stellte er die Behauptung auf: der ehemalige Juftizminister Friedberg habe doch sehr schlimme Dinge begangen, habe unter anderem auch versucht, die Zeugen durch Geld bestimmen zu lassen, ihr Zeugniß abzuändern; der damalige Polizeipräsident, v. Madai, habe ebenfalls eine schlimme Rolle in beregter Sache gespielt -- dieses alles behauptete er, — Ahlwardt — schon seit langer Zeit, er habe die Thatsachen in einer Broschüre ntedergelegt, aber es fiele Niemanden ein, ihn deswegen anzuklagen, obwohl er es sehnlichst wünsche. Die Judenpresse habe die Angelegenheit von dem schmachvollen Meineidsjuden (?;) verschwiegen; auch von der Judenflinten-Affaire hörten die Franzosen gar nichts, obwohl diese doch in lautem, Hellen Jubel ausbrechen würden. Es handle sich dabei eben — um Juden. Redner sprach dann über den Talmud und bezeichnete denselben als das Statut einer organistrten Räubergesellschaft. In geradezu empörender, höchst schmachvoller Weise beschuldigte er dann die in der Confectionsbranche beschäftigten, ungefähr 150,000 Frauen Berlins. Dann ging Redner zu einer Kritik der verschiedenen politischen Parteien über und bezeichnete die Sozialdemokraten als die Schutz truppe der Juden, wozu die jüdischen Führer die Sozialdemokraten gemacht. Die Liberalen schützten in ihrem linken Flügel (Freisinnige) den Großhandel, in dem rechten Flügel (Nationalliberale) die Großindustrie. Das Prinzip des Liberalismus sei wohl nicht schlecht, nur die Träger desselben ständen im Solde der Juden. Der Liberalismus betone die Humanität, aber es sei dieses eine Humanität, die das Raubthier (hört, hört!) schütze, den zu Beraubenden aber nicht; der Liberalismus habe die Juden auf die Menschen losgelassen. Die gesch. Leser werden aus Vorstehendem zur Genüge ersehen, welch eine Fülle von groben Beschuldigungen der Hetzapostel Ahlwardt vorgebracht hat. Daß an allen kein wahres Wort ist, braucht nicht erst versichert zu werden. In der Sache Löwe gegen ihn wird man wohl auch erfahren, was es mit der geheimen jüdischen Regierung auf sich hat. Geradezu frivol ist es, hundertfünfzigtausend Frauen und Jungfrauen in einer öffentlichen Versammlung in so schlimmer Weise zu beschuldigen. Die Antwort darauf werden die Berliner dem Ahlwardt wohl nicht* schuldig bleiben. — Zum Schluffe sei es uns noch gestattet, das Urtheil eines Wittener christl. nationalltberalen Blattes über den Vortrag Ahlwardt's in Dortmund beizufügen:-„Die Vorträge Ahlwardt's ermangeln auch des sittlichen Ernstes. Die größten und gröbsten Schmähungen, die er hervorbringt, begleitet er meist mit faden Witzen, so daß er die Zuhörerschaft in eine Stimmung versetzt, daß selbst bei den unerhörtesten Beschuldigungen gegen die Berliner Kleidermacherinnen großes Gelächter laut wurde. Auf der andern Seite kann man es allerdings nicht begreifen, daß die Behörden völlig unthätig bleiben, wenn gegen einen noch lebenden Staatsminifter so große Vorwürfe des Amtsmißbrauches erhoben werden, wie Ahlwardt sie gegen den früheren Minister Friedberg erhebt. Warum stellt der Minister nicht Strafantrag gegen Ahlwardt, damit gerichtlich festgestellt werde, was an der Sache ist. Als der Antisemit Bernhard Förster behauptete, der Cultusminister v. Goßler stamme von Juden ab, fein Großvater fei der Handels-Jude Goßler in Cassel gewesen, wurde sofort Anklage gegen Förster erhoben.-" — Die antisemitischen Führer sind doch ganz famose Cumpane. Die westphältschen antisemitischen Blätter sind noch immer des Lobes voll von dem genugsam als Apostat, als Fälscher und Betrüger gekennzeichneten Paulus Meyer. Sie sagen, „er sei mit wichtigen Arbeiten über den Schulchan Aruch beschäftigt und werde dem Gericht als Sachverständiger vorgeschlagen werden. Dieser neue Stern am antisemitischen Himmel läßt die Hetzblätter nicht ruhen. Er sollte auf ihre Anregung mit Herrn Schwennhagen, einem ehemaligen freireligiösen Prediger, der noch bis vor ^Kurzem Mitarbeiter der Kreuzzeitung war, sowie mit dem antisemitischen Oberlehrer und Reservehauptmann a. D., Förster, dem das Schießen aus Preußischen Flinten lebensgefährlich schien, eine antisemitische Versammlung leiten. Leider pafsirte ihm, zum größten Leidwesen der Hetzer, das Pech, von der ^Polizei

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