Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1892)
- Date
- 1892-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1593 mag mich Euch als geldgierigen, hochmütigen Menschen geschildert und da mögt Ihr geglaubt haben, ich würde mich um Nebensächliches dem Glücke meines einzigen Kindes widersetzen. Ich... ich . . wieder stotterte der kluge, sonst redegewandte Mann vor Verlegenheit etwas auszusprcchen, das die Frauen unangenehm berühren könnte, „habe, Gott sei Dank, nicht nöthig darauf zu sehen, daß meine Schwiegertochter meinem Sohne einen großen Brautschatz mitbringt, ich habe für Beide genug. Ich stelle an meine zukünftige Schwiegertochter keine andere Anforderung als die: sie möge mit Gottes Hilfe meinen Sohn beglücken, thut sie das nach ihrem besten Können, dann hat sie mir für meine Einwilligung gar nicht zu danken; — im Gegentheil, ich werde ihr bis zu meinem letzten Athemzuge dankbar sein und meinen letzten Vatersegen endlich zwischen ihr und meinem Sohne theilen. Wenn man's genau bedenkt und erwägt, ist die neue Einführung, wonach der Mann von den Brauteltern Mitgift verlangt, eine recht unvernünftige, — wie die Bibel erzählt, war's in der guten, alten Zeit im Morgenlande, aus dem die ganze Menschheit stammt, anders, da mußte der junge Mann den Brauteltern reiche Morgengabe bieten. Ich würde — weil ich sie für recht finde — diese alte Sitte wieder aufleben lassen; wenn ich nicht befürchten müßte, daß Sie, verehrte Frau, mir bei der Schönheit, der Anmuth, dem Liebreiz Ihrer Tochter mehr auferlegten, als selbst ich, der reichste Jude in Mähren zu leisten vermöchte." Markbreiter lächelte. „Das Euch, Ihr lieben Frauen, zu sagen, bin ich hergekommen, das heißt, deshalb auch, aber hauptsächlich um nochmals um Eva's Hand für meinen Sohn anzuhalten. Wenn Ihr — woran ich nach meiner Auseinandersetzung nicht zweifle — mich, meine Frau und meinen Perez durch Euer Jawort glücklich macht, dann werde ich Euch inständigst bitten, mir Eueren wahren Namen zu nennen; so nahe Verwandte dürfen sich ja nicht fremd gegenüberftehen und zwischen Gatten und Gattin darf es kein Geheimniß geben!" Und als die beiden Frauen trotz seiner von höchstem Wohlwollen und zartesten Feingefühl zeigender Rede wortlos blieben, fuhr Markbreiter herzlich, wenn auch betreten, fort: „Nach dem, was meine liebe Frau von Euch erzählt, möchte ich, — wenn man auf moralische Ueberzeugung schwören dürfte — den höchsten Eid ablegen, daß in Euerer Vergangenheit nichts liegt, dessen Jbr Euch zu schämen brauchet und endlich," fuhr Markbreiter zögernd fort, „wenn auch — ein junger Mensch kann einmal fehlen — Ihr Gatte, Eva's Vater — ich glaub' es nicht, ich setze nur den Fall — sich einen leichten Fehler hätte zu Schulden kommen lassen, so erinnere ich an des weisesten Menschen ewig wahres Wort Al kol pschoim techasse ahawo l)! Wir Juden werden durch sinnlosen Druck zum Handel gedrängt. Wir können nicht Ackerbauer, nicht Handwerker, nicht Beamte, nicht Soldaten, wir können fast nichts anderes als Kaufleute werden. Das aber ist in unseren Zeiten ein gar gefährlicher Stand. Will man als Kaufmann sich ernähren, muß man an Jude und Christ borgen, und wenn dann Jemand, besonders — wie dies vorzukommen pflegt — ein Jude — durch Pöbelhaß und Fürstenwillkühr aus seiner Heimath vertrieben wird, und dadurch seine Schulden nicht zahlen kann oder ein ungerechter Richter bestochen oder aus blindem Judcnhasse die Richtigkeit einer Schuld nicht anerkennen will, da kann der Klügste, Reichste und Redlichste zu Grunde gehen und seinen ehrlichen Namen verlieren. Bechaji roschi wenafschi2 3), ich will Sie nicht verletzen, Frau Dina Leidenfels, ich will mich ja mit Euch verbinden und Ihr Kind soll ja auch meines werden, wenn Ihr verstorbener Gatte vielleicht in dieser Weise Einbuße an seiner kaufmännischen Ehre erlitten." Markbreiter richtete sich unwillkührlich zu seiner vollen Höhe empor, „bin ich, Gott sei Dank, im Stande die Ehre meines Neellutons^), die ja die Ehre meines Kindes und meine eigene ist, durch Nachzahlung eines unbezahlten Restes wieder völlig herzustellen." Dina Leidenfels war noch bleicher geworden als sie bei Markbreiters Eintritt gewesen und auch Eva's Züge — die vom Fenster zurücktretend sich an ihre Mutter schmiegte, trugen das Gepräge des bittersten Seelenschmerzes. Nachdem Markbreiter etwa zwei Minuten — für diese peinliche Situation eine ziemlich lange Zeit — vergeblich auf Antwort gewartet hatte, begann das tiefe Mitleid, das er mit seinem eigenen Kinde, — dessen Aussichten auf ein ersehntes Lebensglück mit jedem Momente mehr zu schwinden schienen — fühlte, jenes, das er für die Fremden empfunden zu verdrängen. Die warme Theilnahme für seinen Sohn begann bei dem jähzornigen, leidenschaftlichen Manne auch leidenschaftlich zärtlichen Vater, die Oberhand zu gewinnen. Er hatte bei seinem Temperamente bislange in Selbstbeherrschung Unglaubliches geleistet, jetzt schien sein morsch gewordener Geduldfaden schon zu reißen, seine Stirne furchte sich, seine Züge verdüsterten sich, 4) Alle Vergehungen kann die Liebe verschleiern. Prov. Cap. 10, D. 12. 2) So wahr mein Haupt und meine Seele lebt! Eine Betheuerung. 3) So wird der Vater des Schwiegersohnes oder der Schwiegertochter bezeichnet.