Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1892)
- Date
- 1892-10-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448296--35062-2483029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1590 Blut abfließt und kein Tröpfchen mehr zurückbleibt. Einige Autoritäten behaupten nun, das sei eine Thierquälerei; andere dagegen glauben, das Schlachtopfer leide dabei keinerlei Schmerzen und man dürfe das Schächten wohl erlauben und dulden. Es ist nun nur schade, daß man die Thiere nicht selbst befragen kann, dann wäre der Streit bald entschieden. Sie würden aber wahrscheinlich sagen: „Es kommt so ziemlich auf einerlei Bewegung heraus, ob ihr uns auf die eine oder die andere Methode schlachtet." Was wir nun am Abstimmungstage thun sollen, Ja oder Nein stimmen, d. h. den Juden Helsen oder den Aargau-rn und Bernern, welche die Israeliten auf dem Strich haben? Nun, Lieblinge sind mir die Juden gerade auch nicht, weil mir einmal Einer um theueres Geld einen recht schlechten „Tschopen" verkauft hat, aber trotzdem mochte ich ihnen nicht in ihre Religion hinein pfuschen. Sie sollen glauben, was sie gelehrt worden sind und sollen's Blut bleiben lassen, wenn sie doch dasselbe nicht mögen. Ich helfe also ihnen; aber sie müssen dann versprechen, ihre Jungen folgendes Sprüchlein zu lehren: „Ueb" immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab, Und schneide keinen Finger breit vom Tuch für Christen ab." Die Aufwerfung einer Schächtfrage ist eigentlich einfach ein Rückschritt in das Mittelalter. Wie weit man es damit dann in kurzer Zeit bringen kann, zeigte ein Prozeß, welcher in Xanten am Niederrhein gegen den jüdischen Schächter Buschhof stattfand, ein volles Gegenstück zu dem berüchtigten Solymmosie-Handel in Ungarn, dessen Nachahmung in dem gebildeten Deutschland man noch vor wenigen Jahren als ein Ding der Unmöglichkeit betrachtet haben würde. So kann es uns auch gehen. Es gibt nichts Furchtbareres in der Welt, als die ansteckende Kraft von Vorurtheilen und aufregenden Gerüchten. Haben dieselben einmal eine gewisse Fluthhöhe erreicht, so sind sie momentan unaufhaltsam und man muß dann auch hier „dem Waldwasser seinen Lauf lassen", hoffend, es werde um so bälder, wenn auch mit großer augenblicklicher Zerstörung, wieder ablaufen. 8 *) An diesem Punkte befinden wir uns, und Manche, die diesem Waldwasser gegen die Juden die Dämme geöffnet haben, werden sich nachher seiner schämen, wenn sie einmal seine Ausschreitungen vor Augen haben. Wir können den Judenhaß namentlich bei manchen angesehenen protestantischen Geistlichen in Deutschland und der Schweiz nicht begreifen. Denn unsere gesammte religiöse, und ein guter Theil unserer Bildung überhaupt, beruht doch historisch aus den geistigen Errungenschaften dieses kleinen Völkchens, das in der Festhaltung feiner Ueberzeugungen eine Ausdauer bewiesen hat, 8) Selbst den Israeliten wohlwollend gesinnte Organe der Presse können sich dabei aus einem falsch verstandenen Liberalismus nicht immer zu dem Gedanken der Glaubensfreiheit erheben, der in unserer Verfassung für Alle besteht und muthen den Juden zu, den „Dogmatismus", der in dieser Schlachtmethode doch liege, aufzugeben, um sich dadurch die Verständigung mit ihren Mitbürgern zu erleichtern. Natürlich, wenn die Katholiken den Papst aufgeben oder die Protestanten sich ihm unterwerfen wollten, so würde die Verständigung auch leichter werden und sehr viel Streit in der Welt aufhören. Das ist aber nicht Glaubensfreiheit. welche ehrwürdig genannt zu werden verdient, obwohl wir glauben, daß seine Entwicklung eine in einem entscheidenden Augenblicke unrichtige war°). Sollten wir aber deßhalb für die höchsten geistigen Güter, die es auch für uns erworben und in seinen höchst vollkommenen religiösen Schriften aufbewahrt hat, nicht dankbarer sein, oder wollten wir etwa statt dessen lieber auf die religiöse Barbarei unserer eigenen Voreltern angewiesen sein und uns des Wagnerischen Wuotan's getrösten? Ist es aber nicht die Religion, sondern die materielle Streberei der Semiten, die ihre Gegner hassen und verfolgen, so haben wir einerseits daran eine erhebliche Mitschuld, indem wir sie Jahrhunderte lang daraus allein angewiesen haben, und andrerseits dürfen wir das erst gegen sie allein geltend machen, wenn es einmal keine materialistisch gesinnten Streber mehr unter den Christen gibt. Vorläufig aber ist dieses Zeitübel ein recht allgemein verbreitetes, das sich an keine Konfession bindet. Für die Juden selbst ist diese Verfolgung nach unserer Ansicht ein Läuterungsprozeß, der ihnen schon öfters 10), und nie zu ihrem Nachtheile, auferlegt worden ist, in welchem die ernsteren Elemente über die andern ") wieder die Oberhand gewinnen werden." Soweit das „Politische Jahrbuch" über die Schächtfrage, auf dessen Lektüre aber wiederholt hiermit verwiesen wird. Abgesehen von den mitgetheilten Auszügen, die über den augenblicklichen Stand der schweizerischen Schächtfrage genügend Licht verbreiten, enthält das Buch eine ungewöhnliche Fülle von interessantem Material. Es scheint uns, als ob das Buch selbst innerhalb der schweizerischen Judenheit nicht hinlänglich bekannt und gewürdigt sei. Und doch wäre es Ehrenpflicht der jüdischen Gemeinden und Einzelner, diese Ausführungen eines so angesehenen und beredten Anwalts kennen zu lernen. Dasselbe ist durch die Verlagsbuchhandlung von K. I. Wyß in Bern zu beziehen, und ist zu hoffen, daß dieser Hinweis genügt, um recht viele mit ihm bekannt zu machen. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Mainz, 18. October. Zu dem vom Wiener isr. Cultusvorstand erlassenen Rundschreiben, worüber 9) Ist es überhaupt unsere Sache, sie als unbrauchbaren Abfall der Menschheitsgeschichte zu verwerfen, nachdem sie alle antiken Völker überlebt haben? Und welche Antwort haben wir auf das Wort HI. Mos. XXVI. 42—45? 10) Vgl. z. B. Ezechiel XX, 23—38. 11) Ein längst verstorbener Ober-Landes-Rabbiner von Mähren, Hirsch, Verfasser des besten Kommentars zum Pentateuch, welcher seiner Zeit Mitglied des österreichischen Reichsrathes war, bemerkte einmal in einer dortigen Judendebatte, als man ihm die Fehler der Seinigen vorhielt, mit dem schlagfertigen Witze seines geistreichen Völkleins, es werde doch den Juden, vermöge der heutigen allgemeinen Rechtsgleichheit, auch gestattet sein, einen Pöbel zu besitzen, wie sich die andern Konfessionen eines solchen schon längst erfreuten.