Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-10-24 · Heft 84 (24.10.1892) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 84 (24.10.1892)
Date
1892-10-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448296--35061-2483028
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1589 Gebahrens, gewiß nicht wegen ihres Schächtens antipathisch sind. lieber Antipathien läßt sich nicht streiten, darüber kann nur das gesagt werden: Damit treffen die Gegner der Juden gerade nur diejenigen unter ihnen, welche die achtbarsten sind, nämlich die religiösen, an ihrem Glauben streng sesthaltenden Juden, die durchschnittlich bei weitem die besten und redlichsten sind.^) Sie quälen ferner grausam die kleinen und armen Leute, die ihr Fleisch nicht anders woher beziehen können und in ihrem Gewissen schwer bedrückt werden, wenn sie nicht jüdisch geschlachtetes Fleisch essen müssen, während die Reichen sich zu Helsen wissen. Denn ein allgemein europäisches Schächtverbot ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist das Häßlichste an der ganzen Sache, daß sie, wie übrigens die Religionsverfolgungen meistens, eigentlich nur arme und gewissenschaft religiöse Leute betrifft, die nun an Setlle der Thiere gepeinigt werden sollen, worüber man sich vielerorts gar kein Gewissen zu machen scheint. Und sodann, daß wir damit unfehlbar in die antisemitische Bewegung hineingerissen werden, die ein österreichisches Reichstagsmitglied s. Z. nicht ohne Grund den „Sozialismus der Dummen" genannt hat. Denn in der That, was Richtiges an dem Antisemitismus ist, ist Sozialismus. 6) Nur mit der besondern ganz unedeln Modifikation, daß man eine einzige kleine Religionsgenossenschaft für gesellschaftliche Uebelstände und Sünden verantwortlich machen will, an denen Christen und Juden einen ganz gleichen Antheil haben. Es ist aber eine alte Erfahrung, daß man gerne für seine eigenen Fehler einen sogenannten „Prügelknaben" sucht und diese Rolle haben die Inden seit dem Alterthum und Mittelalter schon oft zu übernehmen gehabt. Es ist dabei leider nicht ganz zu übersehen möglich, daß solche Versuche des Anschürens eines wirklichen Antisemitismus auch bei uns bereits ftattgefunden haben, indem an die Mitglieder der Bundesversammlung eine Broschüre ausgetheilt wurde, in der aus dem „Schulchan Aruch" der Beweis geleistet werden wollte, daß den Juden aller freundschaftliche Verkehr mit Christen verboten sei , also Dinge, die mit dem Thierschutz nichts und mit dem Antisemitismus viel zu thun haben. Es wird daher wohl das Urtheil der Frankfurter Zeitung über die schweizerische Agitation seitens der Thiersreunde getheilt werden müssen, welche sich dahin ausspricht: „Für einmal aber wäre es richtiger gewesen, die Maßnahmen abzuwarten, welche die Kantonsregierungen zu treffen hätten und davon abzusehen, eine Volksbewegung zu erzeugen, in welcher veraussichtlich der Antisemitismus eine nicht geringe Rolle spielen wird. Es 5) Der völlig religionslose Jude allein ist oft schädlich und gefährlich, weil er dann leicht zum rein niaterialistischen und dabei talentvollen und rücksichtslosen Streber wird. Die andern Kulturnationen hätten allen Grund, die Religiosität im Judenthum nicht zu untergraben, sondern erhalten zu helfen. 6) Der Antisemitismus hat nur einen Schein von Berechtigung, wenn er eigentlich ein Kampf gegen den rücksichtslosen Egoismus im Erwerbsleben, das moderne Raubsystem, ist, und so ist er auch von den naiveren seiner Anhänger gemeint. Aber diese gemeingefährliche Denkungsart ist nicht blos jüdisch und daher ist die ganze Sache eine ungerechte, die Gott strafen wird. ist wahr, gerade Pfarrer Wolff hat sich öffentlich dagegen verwahrt, einer antisemitischen Tendenz dienen zu wollen; gleichwohl wird es natürlich der antisemitische Wind sein müssen, der die Segel des Jnitiativschiffes zu füllen hat, denn sonst wäre das Interesse für den Gegenstand vermuthlich nicht groß genug." Der Antisemitismus würde in der Campagne gegen das Schächten die Führung an sich reißen, mögen dies die Initianten wünschen oder nicht; sie würden dieser sofort eintretenden Bewegung schwerlich Herr und Meister bleiben. Die Opposition gegen das Schächten ist also meistentheils entweder Sentimentalität, oder etwas Schlimmeres: Klassenhaß. Und wenn es einmal in der Schweiz gelänge, eine Religionsgenossenschaft in dieser Weise zu unterdrücken, so könnten alle andern gelegentlich des gleichen Schicksals gewärtig sein: „il u’y a que le premier pas, qui eoute!“ Der Talmud sagt: Als die Juden von Gott in das Exil gesandt wurden, habe ihnen Gotl zwei Eide abgenommen: den ersten, nicht eigenmächtig in ihr Land zurückznkehren, bevor er sie rufe; den zweiten, sich nie gegen die Staaten, die sie aufnehmen werden, zu empören. Die dritte, ernsthafte Beschwörung aber habe er an diese Völker gerichtet, das jüdische Volk nicht zu bedrücken. Man kann nicht bestreiten, daß die Juden ihre beiden Eide stets gehalten haben. Und ebenso wenig läßt es sich wohl bestreiten, daß die Verfolgung Andersgläubiger noch keinem Staate viel Segen gebracht hat. Wir werden also in dem bevorstehenden Streite gut thun, uns auf die Seite der Wissenschaft und der Freiheit zu stellen. Den Standpunkt, welchen das Volk in dieser künstlich heraufbeschworenen und der größten Zahl sehr wenig verständlichen Frage muthmaßlich einnimmt, kennzeichnet am besten folgende humoristische Auseinandersetzung eines kleineren schweizerischen Blattes: „Wir bekommen richtig eine eidgenössische Abstimmung und zwar sollen wir Bürger darüber abstimmen, ob das Schächten der jüdischen Metzger eine Thierquälerei sei oder nicht, während Hundert und Tausende gar nicht einmal wissen, was denn eigentlich das Schächten ist. Ich habe es zwar auch noch nie gesehen; aber mein Großvater sel. hat einmal Einen gekannt, der von weitem zugeschaut hat, und da muß ich doch etwas mehr wissen, als Andere. Die Juden glauben nämlich, es sei Sünde, Blut zu genießen und sie sind daher keine Liebhaber von Blutwürsten, aus welchem Grunde ich sehr froh bin, daß mein Vater kein Jude war. In der Bibel steht auch geschrieben im 3. Buch Moses, Kapitel 17, Vers 10: „Und welcher Mensch, er sei vom Hause Israel oder ein Fremdling unter euch, irgend Blut isset, wider den will ich mein Antlitz setzen und will ihn mitten aus seinem Volke rotten." Das ist nun ganz deutlich gesprochen und es wird es den Juden Niemand verargen, wenn sie das Gebot strenge halten, denn man wird nicht gerne ausgerottet. Beim Schlachten der Thiere befolgen sie nun eine Methode, bei welcher das Thier nicht sofort getödtet wird, sondern blos betäubt, -) damit das 7) Das ist nicht einmal richtig. Verlast des Bewußtseins und Tod sind bei dem Schächten unmittelbar sich folgend.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.