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Der Israelit · 1892-10-20 · Heft 83 (20.10.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 83 (20.10.1892)
Date
1892-10-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1576 gen Reden seiner Gegner durchgelesen hätte, so würde er gefunden haben, daß sie auch über den Einfluß des Talmud anders dachten, als er hier zu Protokoll gab. — Ein Rabbiner Wassermann, der mit solcher Unverfrorenheit noch kurz vor seinem Tode an dem Ast sägte, der ihn trug, hat sich selber gerichtet. Er erinnert an das Wort von Zunz, das sich in seinem Briefwechsel mit Geiger findet: „Das Schimpfen auf den Talmud, ist der erste Schritt zur Apostasie." „Es gebe wohl Geheimbücher, aber Zeuge kennt sie nicht; es werden darin Götzendienste und Zauberei gelehrt." Wie kann man in solcher Weise über Bücher sprechen, die man zugestandenermaßen nicht kennt? Die Titel dieser Bücher hätte Herr Kirchenrath Dr. Wassermann doch wenigstens nennen müssen, damit diese neue Entdeckung nicht Gefahr läuft, als eine Verlästerung des Judenthums öffentlich gebrandmarkt zu werden, die einem Rohling alle Ehre machen würde! Man sieht, wohin der fanatische Haß gegen das überlieferte Judenthum nicht nur bei den Antisemiten, sondern noch mehr bei Leuten vom Schlage solcher Verteidiger führt. Auch dem Blindesten muß die Wahrheit endlich einleuchten: Man kann nicht in Synoden und Rabbinerversammlungen, auf der Kanzel und im täglichen Leben unsere heiligen Urkunden mit Hohn und Verachtung ü b e r s ch ü t t e n, und sie dann vor dem Forum eines nichtjüdischen Gerichtes v er t heidi gen. Wenn es einen Milderungsgrund für die Beurtheilung unserer Antisemi ten giebt, so ist es das Leben und Treiben von Vertheidiger n des Talmud von dem Kaliber des Kirchenraths Dr. Wassermann in Stuttgart. Welchen Sturm der Entrüstung die Aussage des Herrn Wassermann in ganz Württemberg hervorgernfen, dafür bürgt noch folgende uns aus Stuttgart zngegangene Notiz: Die antisemitische „Ulmer Schnellpost", angeklagt wegen ihres Artikels „der Talmud", einem ans Rohlings „der Talmudjude" entnommenen Abklatsch, hat einen merkwürdigen Vertheidiger gesunden. Denn anders kann man wohl die Aussage des israelitischen Kirchenrathes Dr. v. Wassermann, ersten Rabbiners des Landes, nicht bezeichnen, als eine Rechtfertigung des Angeklagten. Herr Dr. v. Wassermann gab nämlich folgendes Urtheil über den Talmnd ab: In demselben sei von allem Möglichen die Rede; das Buch sei eigenartig, aber ganz und gar nicht bösartig; seine Logik sei sehr anfechtbar, die Tendenz nicht. Der Talmud habe seine Bedeutung zu ^verloren. Die Israeliten haben, als sie in die gleichen Rechte wie die andern Staatsbürger eingewiesen worden seien, eingesehen, daß sie mit dem Talmud brechen müssen. Natürlich wurde der Angeklagte hierauf freigesprochen. Der Vertheidiger des Angeklagten stellte vor der Verhandlung den Antrag, den Kirchenrath Dr. v. Wassermann als Sachverständigen nicht zu vernehmen, da derselbe in dieser Sache befangen sei. Eine solche Unbefangenheit des ersten Rabbinen des Landes, welcher die bestehende israelitische Religionsgesellschast in Württemberg vor Beschimpfung und Verachtung, die in dem Artikel der „Ulmer Schnellpost" nach der Anklage enthalten waren, rechtfertigen sollte; eine solche Unbefangenheit hatte weder der Gerichtshof, noch weniger aber der Vertheidiger des Angeklagten erwartet und erhofft. Der Herr Dr. v. Wassermann bekannte zwar offenherzig: „Der Talmudsei nicht bösartig; seine Logik aber sei sehr anfechtbar." Die Logik des Herrn Sachverständigen scheint aber auch nicht so ganz taktfest gewesen zu sein. Denn wenn sich die bürgerliche Gleichstellung der Juden nicht mit dem Talmud vereinbaren läßt, und die Israeliten (Württembergs?) eingesehen haben, sie müßten mit dem Talmud deshalb brechen, so muß der Talmud doch bösartiger Natur sein. Wie werden die Antisemiten jubeln über dieses sonderbare, wohl einzig dastehende Gutachten eines Rabbiners. Aber vielleicht hat auch dieses sein Gutes gehabt! Vielleicht entschließt sich die israelitische Kultusbehörde Württemberg's in Folge der Erfahrungen der jüngsten Zeit an Stelle des verstorbenen Herrn Wassermann ein Mitglied zu optiren, das etwas besser über die Werke unserer Weisen denkt. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Nürnberg, 14. Oktober. Der israelitische Friedhof hat seit dem Leichenbegängniß Frankenburger's wohl keine so große Trauerversammlung mehr gesehen, wie sie sich heute bei dem.Begräbniß des hochgeachteten, in allen Bevölkerungskreisen beliebten, so Plötzlich aus dem Leben abgerufenen Herrn Oberamtsrichters Dr. Berlin eingesunden hatte. In der Trauerversammlung befanden sich die Beamten des Oberlandesgerichts, des Landgerichts, der Kammer für Handelssachen und des kgl. Amtsgerichts, an welcher Gerichtsstelle Herr Dr. Berlin seit einer Reihe von Jahren das Richteramt ausgeübt hatte. Ferner waren anwesend Herr Bürgermeister Dr. Schuh, Mitglieder des Magistrats und Gemeindekollegiums n. s. w. Nach dern Gebete im Leichenhause bewegte sich der Zug, voran der einfache mit einem schwarzen Tuche umhüllte Sarg, nach der Gruft. Herr Oberlandesgerichtsrath und Vorstand des königlichen Amtsgerichts Geigel gab als. ältester Kollege dem Schmerze und der Wehmut Ausdruck, die das Richterkollegium über das Hinscheiden seines Mitgliedes empfunden habe, der stets als ein gewissenhafter geistig hochveranlagter, kcnntnißreicher Richter seines Amtes gewaltet habe: er lege dem Dahingeschiedenen den verdienten Lorbeer aus die Gruft. — Die überaus zahlreiche Betheiligung von Angehörigen aller Bekenntnisse und Stände war wohl ein Beweis, wie großer Beliebtheit sich Dr. Berlin in allen Schichten der Bevölkerung erfreute. Seine Freundlichkeit und Nachsicht, die er in seinem Berufe gegen die streitenden Parteien stets übte, sein Gerechtigkeitssinn und sein Wohlwollen, wo er wirkliche Armuth vor sich sah, hatten ihm alle Herzen gewonnen. Höchberg, 16. October. Die Nachricht, als habe die hiesige isr. Präparandenschule ein größe-

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