Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1892)
- Date
- 1892-10-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1573 „Warum erschrickst Du, lieb Mütterchen?" frug Eva. „Seit jener Nacht erfüllt mich das Geräusch eines nahenden Wagens mit Schrecken .... ich ich bin überhaupt sehr schreckhaft geworden! Ein halblaut Wort — ein Vogelruf, — ein leiser Windeshauch läßt mich erbeben! Der Gottesfluch: Ich sende Zaghaftigkeit in ihr Herz, das Rauschen eines Blattes wird sie in die Flucht jagen'), ist an uns zur Wahrheit worden!" „Beruhige Dich, Mutter!" sprach Eva, während ihren Augen Thränen entstürzten, „wenn auch Jemand hier angelangt ist, hat es uns nichts zu kümmern, — uns sucht hier wahrhaftig kein Mensch!" Es wurde zuerst leise an der Thüre geklopft, dann überschritt der Verwalter David Langstadt ehrerbietig die Schwelle. „Ich bitte sehr um Entschuldigung für die Störung," sprach er. „Herr Aron Markbreiter, mein Dienstherr und als fürstlich Lichtenftein'scher General-Arrendator, auch Pächter dieses Branntweinhauses, ist soeben angekommen und läßt höflichst fragen, ob er nicht stören würde, wenn er sich erlaubte, seinen Besuch abzustatten. Herr Aron Markbreiter," fügte er, als wolle er daduch dessen Bitte unterstützen, hinzu, „ist ein gar vornehmer Herr, er ist Parnes * 2) der Nikolsburger Gemeinde und Landcsältester der Provinz Mähren. Er ist der angesehenste und reichste Jude im ganzen Lande. Er ist ein Freund des weltberühmten Samson Wertheimer in Wien — haschem jaarich jomow3) — welcher der Oberrabbiner der Reichs- und österreichischen Judenheit und Oberhof- und Oberkriegsfaktor ist. Auch steht Herr Markbreiter beim Statthalter und selbst bei des Kaisers Majestät in hohen Gnaden." Eva wurde purpurroth, und auch Dina zuckte convulsivisch zusammen, doch hatte diese während der längern Rede des Verwalters Zeit, sich zu sammeln und sie sprach würdevoll: „Herr Aron Markbreiter befindet sich ja in seinem Hanse, dessen Gastfreundschaft wir genießen. Sagen sie ihm, daß uns sein Besuch jederzeit zur Ehre gereicht und wir bereit sind, ihn zu empfangen." David Langstadt verschwand. „Was für neue Schreckniß wird uns wieder dieser Besuch bringen?" seufzte Dina. „Wenn Aron Markbreiter seinem Sohne gleicht, haben wir nichts von ihm zu befürchten und ich glaube, daß es so ist, Perez spricht von seinem Vater stets mit hingebungsvoller Liebe und Ehr¬ 1) LeviticuS Cap. 26 V. 36. 2) Erster Vorsteher. 8) Gott verlängere feine Tage, verleihe ihm langes Leben. furcht", erwiederte Eva, aber das Zittern ihrer Stimme bewies, daß auch sie in banger Erwartung dem angemeldeten Besuch entgegensah. Aron Markbreiter trat in's Zimmer. Er war ein Mann von acht bis neunundvierzig Jahren, groß, stark, mit dunkelblondem Vollbarte, während das ursprünglich gleichfarbige Haar schon stellenweise grau angeflogen war. Das rothwangige Gesicht, die schönen, dunkelblauen Augen vervollständigten die Aehnlichkeit mit seinem Sohne. Er blieb an der Thüre stehen und ließ einen prüfenden Blick über die beiden Frauen gleiten. Die würdige Haltung Dinas, die nur durch ihr silberweißes Haar und gramzerwühltes Gesicht alt erschien; die ungewöhnliche Schönheit Eva's, die seine Erwartungen noch bei Weitem übertraf, machten offenbar einen überraschenden Eindruck auf ihn, so daß er, der furchtlos mit dem Statthalter, ja mit dem Kaiser sprach, blöde und verlegen kein Wort fand, die Unterredung, um die er angesucht, zu eröffnen. „Seien Sie uns herzlichst willkommen," sprach Dina Leidenfels, mit einer gractösen Handbewegung den Gast zum Niedersitzen in den Lehnstuhl, den Eva rasch an den Tisch gerückt, einladend: „Die unerwartete Ehre, die Sie, hochgeschätzter Herr, uns erweisen, bietet uns die langersehnte Gelegenheit Ihnen unfern Dank für das Wohlwollen auszudrücken, das Sie uns, Ihnen völlig unbekannten Frauen, zugewendet." Markbreiter blickte von Neuem erstaunt zu Eva Leidenfels auf. Bildung und richtiger Gebrauch hochdeutscher Sprache gehörten zu jener Zeit im Allgemeinen zu den größten Seltenheiten und waren in jüdischen Kreisen nur ausnahmsweise; bet Frauen aber ausschlußlos nur bei Familien, die durch Reichthum und Lebensstellung weit über ihre andern Glaubensgenossen hervorragten, zu finden; doch hatte er sich so weit gesammelt, um zu erwiedern: „Ich bin in der That nicht gekommen, um Dank für etwas einzuheimsen, was meiner Frau großes Vergnügen bereitete. Ich war, nach dem, was ich von meiner Frau und meinem Sohn über Sie gehört, begierig, Sie kennen zu lernen, allein es würde der Wahrheit, die mir über Alles geht, nicht entsprechen, wollt' ich sagen, daß dies der Zweck meines Besuches ist. Ich bin ein überaus beschäftigter Mann, und müßte, stünde mir nicht mein wackerer Sohn rüstig zur Seite, der Ueberlast der Geschäfte, die auf mir wuchten, erliegen. Mein Handlungshaus zählt zu den größten in Oesterreich, ich habe Verbindungen mit allen Theilen^der Welt. Ueberdies wird ein Theil meiner Zeit von öffentlichen Angelegenheiten in Anspruch genom-